14.07.2017

Archäologin des Innenlebens

Marianna Gawrysiak behandelt seit fast 30 Jahren ältere Menschen.

Die Gerontopsychologin Marianna Gawrysiak widmet sich älteren Menschen. Sie übt einen kaum bekannten Beruf aus, der durch die Alterung der Gesellschaft unverzichtbar geworden ist.

Von Aline Jaccottet, publiziert im Psychoscope 4/2017

"Guten Tag und herzlich willkommen!" Die Begrüssung von Marianna Gawrysiak spendet Wärme und Lebensfreude. In diesem Jahr feiert sie ihr 28. Dienstjubiläum im Freiburger Netzwerk für psychische Gesundheit (FNPG) in Marsens. Die Gänge, durch die sie uns führt, kennt sie wie ihre Westentasche: "Hier gehöre ich zum Inventar", sagt sie und lacht. Sie bezeichnet sich selbst als "Vollblut­Ungarin". Den melodischen Akzent ihrer Geburtsstadt Budapest hat sie bis heute behalten. Ihre Patientinnen und Patienten empfängt sie in einem ockerfarbenen Büro: "An einem freundlich eingerichteten Ort zu arbeiten, ist wichtig." An der Wand ist ein Baum zu sehen, neben dem das berühmte Carpe Diem prangt. Und an einer Wand hängt eine Tasche mit der Aufschrift: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit."

Eine Bilanz des Lebens ziehen

Während des Studiums an der Universität Freiburg interessiert sie sich schnell für die klinische Psychologie. Das Feld sei "ausreichend umfangreich und komplex für meinen wissensdurstigen Charakter", sagt sie und lächelt. Sie spezialisiert sich in Gerontopsychologie. Mit einem Diplom der Universität Freiburg sowie einem Lizenziat und einem Fachdiplom in Neuropsychologie der Universität Genf in der Tasche, beginnt sie ihre Laufbahn mit einem Praktikum in der psychiatrischen Klinik Belle­Idée und nimmt später eine Stelle in der psychiatrischen Klinik Marsens an, wo sie sich älteren Menschen widmet.

Die Wahl ihrer Fachrichtung begründet sie damit, dass ihre Grosseltern zu früh verstorben sind: "Ich habe eine Grossmutter zum Plaudern vermisst." Auch ihre Lust am Forschen treibt sie an: "Die Lebensgeschichten meiner Patientinnen und Patienten sind besonders reichhaltig, weil sie sich über sechzig, siebzig oder sogar noch mehr Jahre erstrecken." Für die Behandlung sei es notwendig, eine Art Archäologie des Innenlebens zu betreiben. Ausserdem sei es für ihre Patientinnen und Patienten Zeit für eine Abschlussbilanz:

"Die Kinder sind erwachsen, diese Lebensaufgabe ist abgeschlossen." Marianna Gawrysiak weist auf die Komplexität der Diagnosen und der Behandlung hin. Häufig leiden ihre Patientinnen und Patienten unter mehreren Krankheiten. Die Gerontopsychologie stecke noch in den Kinderschuhen: "Wie sollte ein Hundertjähriger sein? Wie kann man diese Altersgruppe behandeln? Das sind sehr neue Fragen."

Unterstützung auch für Familien

In ihrem Berufsalltag arbeitet die Gerontopsychologin in drei Bereichen: Diagnostik, Therapie und Beziehungsaufbau. Für ihre Evaluierungen verwendet sie die klassischen Methoden der Neuropsychologie. "Unsere Patientinnen und Patienten leiden vielleicht unter Alzheimer, vielleicht aber auch unter den Folgen einer Sucht oder eines Schädeltraumas. Dies herauszufinden, ist eine echte Detektivarbeit." Marianna Gawrysiak arbeitet auch als externe Beraterin in Alters­ und Pflegeheimen des Kantons Freiburg. Dort erstellt sie Diagnosen, gewährleistet die Behandlung der Bewohnenden und coacht das Pflegepersonal. "Auch die Pflegenden brauchen Unterstützung, da sie mit komplexen und schmerzhaften Fällen konfrontiert sind." Während ihren Therapien fokussiert Marianna Gawrysiak auf die Lebensgeschichte und den Alltagstransfer. Wenn sie zu Kurzzeitpatienten gerufen wird, verwendet sie eine Kriseninterventionsmethode, bei der das Augenmerk auf das Hier und Jetzt gelegt wird. Sie behandelt auch die Angehörigen der Erkrankten: "Die Familie benötigt häufig Erklärung und Coaching, denn der Einzug in ein Alters­ und Pflegeheim erfolgt oft erst im letzten Lebensabschnitt. Das kann für die Angehörigen erschöpfend sein", erklärt die Therapeutin.

Die Klientin Chantal Sauer, eine dynamische 50-Jährige, konnte eine Erschöpfung im letzten Moment abwenden. Bei ihrer Mutter, die in Vevey ein Fitnessstudio leitet, wurde Alzheimer diagnostiziert.

"Nach dem Tod meines Vaters hat sich meine Mutter verändert. Sie war plötzlich sehr müde und es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren", erinnert sich Chantal Sauer. Der Hausarzt schob diese Symptome dem Älterwerden und der Trauer zu. Chantal Sauer zweifelte dies aber an und ging mit ihrer Mutter zu einem Neurologen, der Alzheimer diagnostizierte. Daraufhin kontaktierte sie Marianna Gawrysiak, eine Spezialistin für die berüchtigte Krankheit. "Als Angehörige fühlte ich mich allein gelassen und hatte das Gefühl, dass ein Teil von mir erlöscht war. In dieser schwierigen Situation hat mich Marianne Gawrysiak unschätzbar unter­ stützt." Die Gerontopsychologin beantwortete Fragen, stellte Kontakt zu einer Angehörigengruppe her und beruhigte ihre Klientin im Hinblick auf die vielen zu erledigenden Dinge: "Details für uns, die den Erkrankten aber viel bedeuten." Heute kann die Mutter nicht mehr sprechen, lächelt aber viel. "Ich bin davon über­ zeugt, dass sie unsere Begleitung spürt", sagt die Tochter sichtlich bewegt.

"Das Alter wird zu einer tickenden Zeitbombe" Die Gerontologie existiert zwar schon seit den 1950er-Jahren. Sie ist bis heute aber noch wenig bekannt. Marianna Gawrysiak erinnert sich noch gut an die Vorlesungen über die Psychopathologie älterer Menschen, die sie in den 1980er­Jahren an der Universität Genf belegte: "Wir waren nur acht, mich mitgezählt." Bis sich die Berufspraxis in diesem Feld entwickelte, verstrich eine lange Zeit. Erst in den 1990er­Jahren wurde hierzulande die erste Spitalabteilung für ältere Menschen gegründet. Marianna Gawrysiak sieht den Grund dafür in der Angst vor dem Älterwerden: "In unserer Gesellschaft dreht sich alles um Jugend, Leistung und Geschwindigkeit. Daher fühlen sich Gesundheitsfachleute verpflichtet, Fortschritte zu erzielen. Bei der Behandlung von 80­ oder 90-Jährigen aber, die manchmal nicht geheilt werden können, müssen sie den Therapieerfolg durch eine erfolgreiche Begleitung oder durch die Anerkennung einer schwierigen Situation nachweisen." Im Hinblick auf die Alterung der Gesellschaft zeigt sich die Gerontopsychologin besorgt: "In den letzten 100 Jahren stieg die Lebenserwartung um 35 Jahre und die über 65Jährigen werden bald 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Wenn wir nicht massiv in die Gerontologie investieren, wird das Alter zur tickenden Zeitbombe."

Begleitung über mehrere Generationen hinweg

Während ihrer 28­jährigen Laufbahn beobachtete Marianna Gawrysiak die Entwicklung ihres Fachgebiets und den Fortschritt der geriatrischen Psychiatrie genau. Aufgrund der Bevölkerungsalterung ist es heute keine Seltenheit mehr, dass sie eine fast hundertjährige Mutter und ihre bereits pensionierten Kinder behandelt. "Diese neuen Situationen sind spannend."

Die Länge der Therapiebeziehungen hat ihr schon

viele erstaunliche Begegnungen gebracht: Auf dem Gang in einem Altersheim bin ich einem 94­jährigen Senior in die Arme gelaufen, dessen erste Ehefrau 20 Jahre zuvor an Alzheimer erkrankt war und von mir behandelt wurde. Er fing danach noch einmal neu an und folgte seiner zweiten Partnerin ins Altersheim." Doch Marianna Gawrysiak erinnert sich auch an schwierige Momente: "Als ich zu meinem Karrierebeginn zwei jungen Menschen mitteilen musste, dass ihre Mutter an Alzheimer erkrankt war, hat mich das sehr mitgenommen. Ich habe die Mutter dann während ihrer 20­jährigen Krankheit begleitet."

Man könnte annehmen, dass ihre berufliche Auseinandersetzung mit Altersgebrechen dazu führt, selbst das Älterwerden zu fürchten. Das Gegenteil ist der Fall. Marianna Gawrysiak versichert, dass sie gerne älter wird. Sie strahlt und sagt: "Am Anfang haben mir die Patientinnen und Patienten immer gesagt, ich sei ja noch so jung! Heute, wo ich selbst meine Eltern verloren habe und mich mein 20­jähriger Sohn für eine alte Schachtel hält, haben sie mehr Vertrauen zu mir." Sie hat vieles von ihren betagten Patientinnen und Patienten gelernt, darunter dies: das, was das Leben einem gibt, anzunehmen. "Das ist die Essenz des Glücks", resümiert Marianna Gawrysiak - und lächelt.

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