11.09.2017

Der Reisebegleiter

Eine Nonne attestierte ihm einst Grössenwahn und Homosexualität. Grund genug für den jungen Mann, Psychologie zu studieren.

Markus Baumann unterstützt seine Klientinnen und Klienten dabei, ihren Weg durch unbekanntes Gelände zu finden.

Von Barbara Lukesch publiziert im Psychoscope 5/2017

Die 42-jährige Journalistin Maria Kramer (Name geändert) steht vor der Übernahme einer anspruchsvol- len Führungsfunktion. In einem Medienunternehmen wird sie künftig eine Abteilung leiten. Sie kontaktiert Markus Baumann, Coaching-Psychologe in Zürich, weil sie mit ihm besprechen möchte, wie sie ihre neue Rolle gestalten soll: Wie kann sie erste Prioritäten setzen, gegenseitige Erwartungen klären, sich einen Überblick über ihre Aufgaben und "Baustellen" verschaffen, ihre Führungsgrundsätze und eine gute Feedback-Kultur entwickeln? Markus Baumann vereinbart mit ihr für dieses klassische Führungs-Coaching zehn Stunden und ein Bilanzgespräch.

Bei Richard Manser (Name geändert) könnte es länger dauern. Der 47-jährige Projektleiter in einem mittleren Unternehmen fühlt sich kraftlos, schläft kaum noch, kann nicht abschalten und bringt seine Aufgaben trotz zahlloser Überstunden nicht zu einem befriedigenden Abschluss. Auf Druck seiner Frau und seines Chefs meldet er sich bei Markus Baumann, der schnell erfasst, dass Manser deutliche Zeichen eines drohenden Burnouts zeigt.

In diesem Fall gehe es zunächst darum, dass der Klient die Einsicht gewinne, in welch prekärem Zustand er sich befinde. In einem nächsten Schritt müsse er sich seiner Ressourcen bewusster werden, wie der eigenen Fähigkeiten, seiner Familie, Freunde oder Hobbys, aber auch Unterstützung von seinen Vorgesetzten annehmen, um sich so zu entlasten. Entscheidend sei, dass er realisiere, wie er dazu beitragen könne, mehr Selbstfürsorge zu entwickeln, die ihm erlaube, vermehrt auf die eigenen Be- dürfnisse und nicht nur auf die der anderen zu achten.

Die Journalistin und der Projektleiter gehören zum Arbeitsalltag von Markus Baumann. Welchen Stel- lenwert der 57-Jährige seiner Spezialisierung Coaching-Psychologie beimisst, zeigt sich auch daran, dass er Vorstandsmitglied der Swiss Society of Coaching Psychology (SSCP) ist.

Wichtige Grundlagen aus der Psychologie

Seinem Psychologiestudium verdanke er Wissen und Qualitäten, die er als Coaching-Psychologe gut gebrauchen könne, sagt Markus Baumann: "Die Psychologie bietet Modelle an, die uns besser verstehen lassen, warum wir auf bestimmte Art funktionieren. Sie definiert die Triebkräfte menschlichen Verhaltens und sie kristallisiert auch die Ursachen möglicher Widerstände gegen Verhaltensänderungen heraus." Diese Grundlagen seien im Coaching eminent wichtig, gehe es doch darum, "nicht nur neue Ziele anzustreben, son- dern modifiziertes Verhalten zu ermöglichen und dazu beizutragen, sich selbst bewusster zu steuern".

Anders als der Psychotherapeut hat er es allerdings nicht mit erkrankten Menschen, sondern mit gesunden zu tun, die er deshalb auch ausdrücklich Klientinnen und Klienten nenne. "Unser Verhältnis ist geprägt von Teamwork, in dem beide Seiten einen aktiven Teil leisten." Er verstehe sich als "Begleiter während eines Entwicklungsprozesses, der auf den Fähigkeiten und Ressourcen einer Person aufbaut und sie dabei unterstützt, ihr Potenzial besser zu erschliessen".

Er erzählt, dass er während seines Studiums und auch danach mit grosser Begeisterung als Reiseleiter in ganz Europa, aber auch dem Nahen Osten gearbeitet habe. Der Vergleich mit seiner jetzigen Tätigkeit dränge sich geradezu auf: "Nach wie vor begleite ich Menschen auf ihrem Weg durch ihnen unbekanntes, hindernisreiches Gelände."

Skurriles Erlebnis als Ausgangspunkt

Dass der Sohn eines "leidenschaftlichen Eisenbähnlers" Psychologie studiert hat, verdankt er einem skurrilen Erlebnis. Am Gymnasium unterrichtete eine Nonne Mathematik. Obwohl der 18-Jährige sie genauso wenig mochte wie ihr Fach, meldete er sich, als die Lehrerin Teilnehmer für einen psychologischen Test suchte. Sie absolvierte eine psychoanalytische Weiterbildung, für die sie eine Studie durchführen musste.

Nachdem der junge Mann Dutzende von Schwarz-Weiss-Fotos gemäss einer Skala sortiert hatte, die von sympathisch bis unsympathisch reichte, bat sie ihn zu einem Auswertungsgespräch. Dabei eröffnete sie ihm, dass sie in seinem Profil einen "Anflug von Grössenwahn" und "eine deutliche Neigung zu Homosexualität" erkenne. Letzteres müsse er unbedingt wissen, weil er ja kurz vor dem Eintritt in die Rekrutenschule stehe.

Obwohl Markus Baumann keinerlei Zweifel daran hatte, heterosexuell zu sein, verliess er das Zimmer geschockt und ratlos. "Ich fragte mich: Ist das nun Psychologie?" Der Wunsch, darauf eine Antwort zu erhalten, motivierte ihn, die Disziplin zu studieren. Je mehr Distanz er zu seiner Mathematiklehrerin bekam, umso überzeugter war er nämlich, dass ein guter Psychologe verantwortungsvoller mit einem Testergebnis umgehen und es seinem Probanden nicht einfach an den Kopf werfen sollte.

Er habe die richtige Wahl getroffen, bilanziert er auf seine ruhige, zuvorkommende Art, und würde sich heute wieder für dasselbe Studium entscheiden. Daran konnte auch ein mehrmonatiges Praktikum in einer psychiatrischen Klinik nichts ändern, eine damals schlecht geführte, altertümliche Institution, in der er den Umgang mit den Patientinnen und Patienten als "Horror" empfand: "Es herrschten Zustände wie im Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Dessen ungeachtet hatte sich sein Praktikumsleiter, ein erfahrener Psychologe, seine wertschätzende, empathische Art im Kontakt mit den Erkrankten bewahrt: "Er beeindruckte mich", sagt Markus Baumann, "und wurde ein wichtiges Vorbild für mich. So hatte ich mir einen feinfühligen Psychologen vorgestellt."

Nach dem Studium arbeitete Markus Baumann wäh- rend drei Jahren in einer Entzugsklinik. Er betreute eine Wohngruppe, sammelte praktische Erfahrungen und durchlief gleichzeitig eine "gute Lebensschule für einen harmoniebedürftigen Menschen wie mich". Er lernte nämlich, sich gegenüber den Patientinnen und Patienten abzugrenzen, Stellung zu beziehen und Konflikte auszuhalten. Danach wechselte er für acht Jahre in den Bereich der Gesundheitsförderung und absolvierte berufsbegleitend sowohl die Ausbildung zum körperorientierten Psychotherapeuten als auch zum Familien- und Paartherapeuten.

Als Nächstes entschloss er sich, den Gesundheits- und Sozialbereich zu verlassen, um bei der Grossbank Credit Suisse im Bereich Führungsentwicklung zu arbeiten. Kurz vor Antritt der neuen Stelle schlug er eine wertvolle Brücke, indem er sich zum Supervisor und Coach in Organisationen ausbilden liess.

Als er mit 50 Jahren nochmals berufliches Neuland betreten und sich als Coach selbstständig machen wollte, verfügte er nebst grosser Methodenkompetenz über zehn Jahre Coaching-Erfahrung in verschiedenen Branchen, Gross- und Kleinunternehmen und Non-Profit-Organisationen. Sein körper-, systemisch-lösungs- orientierter und transaktionsanalytischer Hintergrund erlaubt es ihm, vielfältig auf die Bedürfnisse seiner Klientinnen und Klienten einzugehen.

Weil er ein sorgfältiger Mensch ist, der sich vorsieht, bevor er sich in eine unbekannte Situation be- gibt, ging er mit Bedacht vor und versuchte, mögliche Risiken der Selbstständigkeit auszuschliessen, denn er kannte auch seine Mängel: Er hielt sich weder für einen guten Netzwerker noch einen besonders erfolgreichen Akquisiteur von Aufträgen. So spannte er mit einem Partner zusammen, der über ein grosses Netzwerk und viele Kundenbeziehungen verfügte.

Gleichzeitig baute er als zusätzliches Standbein seine Dozententätigkeit an verschiedenen Fachhochschulen aus. Inzwischen hat Markus Baumann mit einem alten Freund und Geschäftspartner eine eigene Firma, die "Coaching Company", gegründet. Die beiden Männer haben eine gemeinsame Vision entwickelt, sie wollen auch kleine und mittlere Unternehmen, die das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bilden, vom Nutzen des Coachings überzeugen.

Der Coaching-Psychologe fühlt sich wohl in dieser Konstellation, in der er Neues mit Vertrautem verbinden kann. Gleichzeitig achtet er sorgfältig auf die Balance zwischen Privat- und Berufsleben: Jedes Jahr nimmt er sieben bis acht Wochen Ferien, in denen er gemeinsam mit seiner Partnerin seine nach wie vor grosse Reiselust auslebt. Der Grand Canyon als Bildschirmschoner auf seinem Laptop ist nicht zu übersehen.

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