11.01.2018

Geld allein macht nicht glücklich

Die Vereinten Nationen (UNO) veröffentlichen jährlich den World Happiness Report. In diesem Bericht wird das Glücksempfinden der Bewohner der verschiedenen Länder bewertet.

Unter den Top Zehn befinden sich ausschliesslich westliche, wohlhabende Nationen, darunter auch die Schweiz, die im Jahr 2017 auf Rang vier kam.

Heisst das nun, dass Geld und die damit verbundene materielle Sicherheit glücklich machen? Nicht zwingend,  wie der Bericht am Beispiel von China zeigt. Die Menschen in China (Rang 79) seien nicht glücklicher als vor 25 Jahren, obwohl sich das chinesische Bruttosozialprodukt seit Anfang der 1990er-Jahre verfünffacht habe.

Dieses Phänomen wird in der Glücksforschung Easterlin-Paradox genannt. Der US-Ökonom Richard Easterlin wies nach, dass das Glücksempfinden einer Bevölkerung trotz enorm vergrössertem Wohlstand nicht merklich ansteigt. Das Paradox ist nicht nur auf nationaler, sondern auch auf individueller Ebene zu beobachten. Ab einer bestimmten Schwelle geht ein steigendes Einkommen nicht mehr unbedingt mit einer Verbesserung des subjektiven Glücksgefühls einher.

Studien für den Glücksatlas in Deutschland zeigten, dass ab einem Monatseinkommen von rund 5000 Euro eine Grenze erreicht ist – wenn also jemand so viel Geld verdient, dass er sich keine Sorgen machen muss, weder um Miete noch um Krankenkassenprämien. Wer ab dieser Schwelle mehr dazuverdient, steigert seine Lebenszufriedenheit kaum, denn wir gewöhnen uns schnell an einen höheren Lohn und passen unsere Ansprüche nach oben an.

Geld zu besitzen bedeutet oft auch Statusdenken. Und hier kommt der Vergleich mit anderen ins Spiel. Könnte ich mir den neuen BMW des Nachbars auch leisten? Der soziale Vergleich ist ein Rezept fürs Unglücklichsein, denn es gibt immer Reichere und Schönere (und vermeintlich Glücklichere) als man selbst.

Wir tendieren zudem dazu, den Einfluss von Geld auf unser Wohlbefinden zu überschätzen. Eine Studie der US-amerikanischen Psychologin Cassie Mogilner zeigte, dass Leute, die nach dem Motto «Zeit ist Geld» leben, weniger glücklich sind. Sie versuchen, ihre Lebenszufriedenheit zu steigern, indem sie möglichst viel verdienen. Doch indem sie sehr viel Zeit in ihren beruflichen Erfolg investieren, bewirken sie das Gegenteil: Anstatt Mussestunden mit Freunden und Familie zu verbringen, müssen sie hart arbeiten.

Geld kann zwar materielle Sicherheit bedeuten und damit manchen Sorgen vorbeugen. Wir sollten aber nicht die Freude an den Dingen verlieren, die man nicht mit Geld kaufen kann.

Von Joël Frei, publiziert im Psychoscope 1/2018