07.03.2018

«Es gibt keinen Anlass, in Alarmismus zu verfallen»

Das Risikoeinschätzungstool «Octagon» kann neben Extremismus auch bei häuslicher Gewalt und Stalking eingesetzt werden.

Der FSP-Rechtspsychologe Jérôme Endrass hat ein Instrument entwickelt, das potenzielle Attentäter besser identifiziert

Von Joël Frei, publiziert im Psychoscope 2/2018

Die Schweiz wurde bisher von islamistisch ­motivierten Anschlägen verschont. Weshalb?

Ja, wir sind glücklicherweise davon verschont worden. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir eine sehr gute Prävention haben. Zudem ist die Schweiz kleinräumig, man hat noch den Überblick. Dazu kommt das gute Gesundheitssystem.

Welche Rolle spielt die Ideologie bei dieser Art von Anschlägen?
Personen, die eine gewisse Prädisposition für Ideologien haben, finden im Salafismus eine Rechtfertigung für Gewalt. Doch dies ist für uns Forensiker nichts Neues: Es gibt wenige Gewaltstraftäter, die ihre Delikte nicht legitimieren. Eine Zeitlang herrschte das Bild vor, dass sich Islamisten intensiv mit Religionsfragen auseinandergesetzt hatten, ehe ihre Überzeugungen immer stärker wurden und sie schliesslich nach Syrien ins Kriegsgebiet reisten. Dieses Bild ist falsch. Es hat viel mit der Persönlichkeit zu tun, ob jemand gewalttätig wird. Die Hälfte bis zu drei Vierteln aller Dschihadisten hatten eine Gewaltvorgeschichte. Das ist wenig überraschend: Es ist nicht der friedfertige Koranschüler, der plötzlich die Kalaschnikow in die Hand nimmt.

Wie bekommen wir das Problem der gewalt­bereiten Jugendlichen in den Griff?
Die Schweiz hat dieses Problem seit langem sehr gut im Griff. Wir hatten hierzulande noch nie einen Anschlag auf eine Schule. Und das, obwohl noch vor ein paar Jahren jedem Jungschützen ein Sturmgewehr mit Munition nach Hause gegeben wurde. Bei der Schusswaffendichte, die wir haben, ist es bemerkenswert, wie wenig passiert ist. Es gibt keinen Anlass, in Alarmismus zu verfallen. Wir wagen uns mit Augenmass an das Problem heran. Natürlich gibt es Menschen, die motiviert sind, Gewalt anzuwenden. Man konnte aber bislang immer rechtzeitig intervenieren.

Sie sagten an einem Mediengespräch, dass es weltweit rund 50 Millionen Personen gebe, die den Dschihad ideologisch unterstützen. Doch nur ganz wenige seien bereit, Anschläge auszuüben. Wie finden Sie die Nadel im Heuhaufen?

Wir konnten viel vom Thema häusliche Gewalt lernen. Hier standen wir vor einem ähnlichen Problem: Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende im Kanton Zürich, die auffällig sind und bedrohlich oder handgreiflich in Erscheinung treten. Aber die allerwenigsten von ihnen verüben ein schweres Gewaltdelikt. Zudem haben wir in Zusammenarbeit mit einem deutschen Ministerium untersucht, welche gemeinsamen Auffälligkeiten Schulattentäter aufweisen. Das Bild, das sich ergab, war sehr heterogen: Manche hatten Psychosen, bei anderen stand eine schwierige Persönlichkeit im Vordergrund. Wir fanden heraus, dass alle Jugendlichen in unterschiedlichen Bereichen auffällig waren.

Konkret?

Beispielsweise war ein Jugendlicher sehr kränkbar, wies ein stark ausgeprägtes sadistisches Dominanzstreben auf und hatte eine Affinität zu Waffen. Das Ergebnis der Studie war, dass es wenig Sinn macht, ein gemeinsames Kriterium für alle Attentäter zu finden. Dafür sind ihre Merkmale zu unterschiedlich. Wir wollten in der Folge herausfinden, ob es ein Cluster gibt, das heisst, ob es in bestimmten Domänen gewisse Risikomerkmale gibt. Und tatsächlich: Alle Attentäter wiesen eine bestimmte Kombination von Hochrisiko-Merkmalen aus verschiedenen Dimensionen auf, wie der Psychopathologie, der Persönlichkeit oder dem sozialen Kontext. Immer war die Kombination von verschiedenen Risikomerkmalen ausschlaggebend. Eine Psychose allein kann ein Attentat nicht erklären.

Um diesen verschiedenen Dimensionen einer Gewalttat gerecht zu werden, entwickelten Sie das Instrument «Octagon». Wo kommt es zum Einsatz?

Octagon, das acht Risiko-Dimensionen abfragt, ist zwar primär ein Tool für das Bedrohungsmanagement der Polizei. Doch das Instrument wurde für Fachleute aus den verschiedensten Berufsgruppen entwickelt: Es soll auch bei den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) und in psychiatrischen Kliniken zur Anwendung kommen. Der Präsident der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD), Hans-Jürg Käser, hat in der Tagesschau gesagt, dass Octagon im Rahmen einer nationalen Strategie flächendeckend verwendet werden könnte. Zudem ist das Instrument in verschiedenen Themenbereichen einsetzbar: Querulanz gegenüber Behörden, häusliche Gewalt, Stalking sowie Extremismus.

Kann man diese Bereiche alle über einen Kamm scheren?

Erstaunlicherweise ja. Es macht keinen Sinn, thematisch zu differenzieren. Es handelt sich um ähnliche Phänomene in unterschiedlicher Farbgestaltung. Die Personen, die im Fokus stehen, treten in verschiedenen Kontexten bedrohlich in Erscheinung. Das kann der Ehemann sein, der die Partnerin oder die Kinder schlägt. Oder jemand, der im Internet Botschaften von extremistischen Organisationen verbreitet. Gemeinsam bei diesen Fällen ist, dass jemand seinem Umfeld Sorgen macht.

Welches Feedback kam von der Polizei, die das Instrument zurzeit testet?

Die wichtigste Rückmeldung der Bedrohungsmanager, der Schlüsselpersonen mit meist polizeilichem und psychologischem Hintergrund, war, dass Octagon ihnen helfe, die Fälle besser zu verstehen, und es ihnen klarer sei, welche Massnahmen sie konkret umsetzen können.

Und diese wären?

Bei einem kleinen Teil der im Fokus stehenden Personen verwenden wir strafprozessuale, repressive Methoden. Doch Repression wie Untersuchungshaft ist nur eine der Möglichkeiten, die ein Bedrohungsmanager hat. Er überlegt sich, welche Akteure er involvieren muss, um die Situation zu entschärfen. Er kann sogenannte Gefährderansprachen einleiten: Eine Polizistin beziehungsweise ein Polizist nimmt immer wieder Kontakt zur betreffenden Person auf. Zudem arbeitet die Kantonspolizei Zürich eng mit dem Ambulatorium für Forensische Psychologie zusammen. Die Fachleute dort helfen einerseits beim Assessment und andererseits beim Management. Sie können die auffälligen Personen sozialpsychiatrisch unterstützen und involvieren bei Bedarf Sozialarbeiter oder die Kesb.

Welche Rolle wird zukünftig Big Data bei der Prävention von Gewalttaten spielen?

Big Data bringt wenig. Wenn wir uns die Fälle anschauen, wird deutlich, dass die Täter häufig eine Kombination von sehr klaren und deutlichen Auffälligkeiten aufweisen. Wenn wir nun beispielsweise die Facebook-Profile von Problemschülern überwachen liessen, hätten wir schnell mal Hunderte auf der «Liste» der potenziellen Gewalttäter. Wenn aber ein paar Tausend Personen auf der Liste sind, dann nützt die Liste nichts: Sie wird nur immer länger, doch was macht man jetzt mit den Namen? Die grosse Schwierigkeit ist, den Personenkreis einzugrenzen. Wir müssen unbedingt verhindern, dass immer mehr sogenannte «Falsch-Positive», also auf der Liste figurierende Ungefährliche, dazukommen. Natürlich gibt es viele Jugendliche, die irgendwelches doofes Zeug im Internet posten. Doch das sind meistens auch dieselben, die in der Schule auffällig werden. Über sie machen sich die Lehrpersonen dann früher oder später Sorgen oder sie werden gewalttätig. Und dann gibt es eine Minderheit von Tätern, denen man die Planung einer Gewalttat über Jahre hinweg nicht anmerkt. Aber hier kommt die Prävention an ihre Grenze. Und auch Big Data hilft uns da nicht weiter.

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