12.03.2018 / aktualisiert am: 07.05.2018

Vom Misstrauen in der postfaktischen Zeit

Ist dieses Nasa-Bild von der Mondlandung eine Fälschung? Manche sind felsenfest davon überzeugt.

Die Psychologie der Verschwörungstheorien

Welche persönlichen und sozialen Faktoren begünstigen den Glauben an Verschwörungstheorien? Ein Überblick über die Forschung zum Verschwörungsglauben.


Von Pascal Wagner-Egger, publiziert im Psychoscope 2/2018

Verschwörungstheorien gab es schon immer, derzeit haben sie jedoch Hochkonjunktur, insbesondere im Internet und den sozialen Netzwerken, dem neuen «Supermarkt der Ideen». Laut einer Anfang Januar 2018 in Frankreich durchgeführten Umfrage glauben 79 Prozent der Französinnen und Franzosen an mindestens eine Verschwörungstheorie, wobei unter Verschwörungstheorie eine naive Erklärung eines gesellschaftlich bedeutenden Ereignisses wie der Tod eines Promis, eine Klimakatastrophe, ein Terroranschlag oder Flugzeugabsturz verstanden wird, welche die offizielle Version infrage stellt und eine Intervention einer im Verborgenen agierenden Gruppe annimmt. Derartigen Verschwörungstheorien zufolge war die CIA für die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy verantwortlich, die Beweise und Bilder der Mondlandung der Apollo-Mission wurden von der Nasa gefälscht und das Aidsvirus im Labor entwickelt. Etwa ein Drittel der Jugendlichen in Frankreich ist der Ansicht, dass hinter der Planung und Ausführung der Attentate der letzten Jahre nicht nur islamistische Terroristen, sondern auch bestimmte Geheimdienste standen. Dieser hohe Anteil gibt Bildungsfachleuten zunehmend Anlass zur Sorge.

Verschwörungen und Verschwörungstheorien
Verschwörungen im Sinne eines geheimen Agierens einer Personengruppe gibt es seit Menschengedenken. Im Gegensatz dazu definiert der Psychologe Robert Brotherton Verschwörungstheorien als «nicht verifizierte Behauptungen einer Verschwörung» in Bezug auf bedeutende Ereignisse in der Welt. Auch wenn sich die eine oder andere Verschwörungstheorie nachträglich als wahr erweist – wie diejenige, die die vermeintliche Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak anlässlich der Intervention der USA im Jahr 2003 in Zweifel zog –, die grosse Mehrheit der im Internet und anderswo kursierenden Verschwörungstheorien ist im besten Fall spekulativ und im schlimmsten Fall absurd. Zu einem Ereignis, der Ermordung John F. Kennedys etwa, gibt es eine Vielzahl von Verschwörungstheorien, von denen nur eine zutreffen könnte. Statistisch gesehen steht also fest, dass der Grossteil der Verschwörungstheorien falsch ist. Doch das grösste Problem besteht nicht darin, dass sie kaum oder nicht fundiert sind, sondern darin, dass sie zu Risikoverhalten führen können, wie der Verweigerung von Impfungen oder gar Terrorismus.
Trotzdem sind solche Ideen intellektuell reizvoll, wie auch ihre starke Präsenz in Bestsellern, TV-Serien und Filmen wie Da Vinci Code, X-Files oder The Matrix zeigen. Seit einigen Jahren bemühen sich Forschende der Psychologie, die persönlichen und sozialen Faktoren zu identifizieren, die Menschen dazu bringen, an Verschwörungstheorien zu glauben. Dass sich Menschen generell von diesen Theorien angezogen fühlen, erklärt sich aus «normalen» kognitiven Prozessen. Die Forschung zeigt allerdings auch, dass bestimmte Personengruppen diesen im «postfaktischen Zeitalter» der «Fake News» im Trend liegenden Ideen eher anhängen als andere.
Eine erste wichtige Erkenntnis dieses Forschungsbereichs besteht darin, dass Personen, die einer Verschwörungstheorie anhängen, auch dazu neigen, anderen Verschwörungstheorien Glauben zu schenken. Der Sozialpsychologe Serge Moscovici bezeichnet dies als «Verschwörungsmentalität». Dieses Konzept konnte in zahlreichen Untersuchungen empirisch belegt werden, namentlich in einer Studie, die wir 2007 in Zusammenarbeit mit dem Psychologieprofessor Adrian Bangerter in der Schweiz durchgeführt haben.
Forschende identifizierten mehrere kognitive Prozesse beziehungsweise Verzerrungen: Personen, bei denen der Glaube an Verschwörungstheorien am ausgeprägtesten ist, tendieren stark zu Anthropomorphismus, das heisst, sie schreiben Gegenständen und Tieren menschliche Intentionen zu. Zudem wurde in einigen Studien, beispielsweise in den 2011 und 2014 veröffentlichten Arbeiten des Psychologen Viren Swami, eine negative Korrelation zwischen Intelligenz und Verschwörungstheorien festgestellt. Insbesondere eine experimentelle Studie zeigte, dass ein stärkerer Glaube an Verschwörungstheorien mit einer Art intuitivem, nichtrationalem Denken sowie einem geringeren Mass an analytischem Denken und Offenheit einhergeht.
Ein anderer kognitiver Fehler, der zu konspirationistischem Denken führt, ist der sogenannte Konjunktionseffekt. Dabei wird das gleichzeitige Auftreten zweier Ereignisse fälschlicherweise als wahrscheinlicher eingestuft als das Auftreten eines der beiden Ereignisse, was wahrscheinlichkeitstheoretisch betrachtet nicht möglich ist. Als Beispiel im Arbeitsumfeld: (1) «Wegen eines Virus sind die Daten auf Patricks Computer verloren gegangen» und (2) «Die Geschäftsführerin hat Patrick die Projektleitung entzogen». Eine Studie der britischen Forscher Robert Brotherton und Chris French ergab, dass Anhängern von Verschwörungstheorien derartige Denkfehler häufiger unterlaufen als anderen Personen.
Eine weitere Heuristik – eine rasche und intuitive kognitive Operation – im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien ist den Forschungsarbeiten der Psychologen Patrick Leman und Marco Cinnirella zufolge die Neigung, bedeutenden Ereignissen, wie dem Tod von Prinzessin Diana im Jahr 1997, bedeutende Ursachen zuzuschreiben. Beispielsweise eine Verschwörung statt schlicht und einfach Pech als Ursache eines Unfalls zu vermuten.

Individuelle und soziale Faktoren
Auf soziopolitischer Ebene wurde die Verschwörungsmentalität in zahlreichen Forschungsarbeiten mit einem Gefühl der Anomie – einer Mischung aus Misstrauen gegenüber den Behörden, dem Gefühl, keine Kontrolle über sein Leben zu haben, und Unzufriedenheit – sowie mit einer extrem rechten (und manchmal, wenngleich seltener, extrem linken) Gesinnung in Zusammenhang gebracht. Durch diese Merkmale wird der Glaube an Verschwörungstheorien zu einer spezifischen politischen Haltung, die für gesellschaftliche Randgruppen charakteristisch ist. Ein Beispiel hierfür ist die schwarze Minderheit in den USA, wie die Sozialpsychologin Jennifer Crocker aufzeigte.
Auf Ebene der Persönlichkeit besteht ein Zusammenhang zwischen dem Glauben an Verschwörungstheorien und bestimmten tendenziell pathologischen Merkmalen wie der Schizotypie – eine Persönlichkeitsstörung, die durch Paranoia (das Gefühl, beobachtet zu werden, dass andere einem etwas verübeln und so weiter) sowie durch eine zur Isolation führende Sozialphobie gekennzeichnet ist und mit wahnhaften Verhaltensweisen und Gedanken einhergeht. Damit verbunden sind abergläubische, magische oder paranormale Überzeugungen, die bei Anhängern von Verschwörungstheorien ebenfalls häufiger zu beobachten sind. Im Zusammenhang mit Schizotypie wiesen mehrere Forschende zudem nach, dass bei Personen, die eigenen Angaben zufolge unter bestimmten Formen von Angst leiden, eine stärker ausgeprägte Verschwörungsmentalität zu beobachten ist. Dar­über hinaus wurde in der Forschung ein Zusammenhang zwischen Verschwörungsglauben und geringem Selbstwertgefühl festgestellt.
Auch auf motivationaler Ebene konnten, insbesondere vom Team des niederländischen Psychologen Jan Willem van Prooijen, bestimmte Zusammenhänge nachgewiesen werden. Die von der Forschungsgruppe befragten Personen tendierten in Situationen der Unsicherheit beziehungsweise fehlender Kontrolle in stärkerem Masse zu Verschwörungstheorien, um wieder das Gefühl zu haben, die Situation zu kontrollieren. Der französische Wissenschaftler Anthony Lantian und sein Team zeigten 2017 ausserdem, dass das Gefühl, einzigartig zu sein, als Katalysator des Glaubens an Verschwörungstheorien fungieren kann: Dabei hat die betreffende Person das Gefühl, anders oder sogar der «Schafherde» überlegen zu sein, die die offizielle Version naiv glaubt. Dies könnte auch die Korrelation zwischen geringem Selbstwertgefühl und Verschwörungsglauben erklären.
Was soziale Faktoren angeht, stellten einige Forscherinnen und Forscher einen Zusammenhang zwischen sozialer Identität – dem auf Gruppenzugehörigkeit basierenden Teil unserer Identität – und dem Glauben an Verschwörungstheorien fest. In der muslimischen Gemeinschaft Indonesiens etwa korreliert eine starke Identifikation mit der eigenen Gruppe mit einem stärkeren Glauben an Theorien, nach denen sich die USA gegen Musliminnen und Muslime verschwört haben. Zu diesem Ergebnis kamen 2015 der Psychologe Ali Mashuri und die Psychologin Esti Zaduqisti. Auch eine 2005 durchgeführte Untersuchung der polnischen Psychologinnen Monika Grzesiak-Feldman und Marta Kaminska-Feldman ergab, dass die Polinnen und Polen, die sich am stärksten mit ihrem Land identifizieren, eher Theorien anhängen, die die russischen oder deutschen Nachbarn beschuldigen, auf Ebene der internationalen Beziehungen eine Verschwörung gegen Polen anzuzetteln.

Riskantes Verhalten als Folge
Diese Bestandsaufnahme der Forschung zu Verschwörungstheorien ergibt ein wenig erfreuliches Bild. Eine Vielzahl von Studien zeigt, dass solche Theorien von einer wenig rationalen Sinnsuche von Individuen oder marginalisierten Gruppen herrühren. Sie zielen nicht auf Wahrheitssuche ab, sondern erfüllen in erster Linie eine psychologische und soziale Funktion: Sie dienen der Sinnsuche oder dem Kontrollstreben in einer als chaotisch empfundenen Welt.
Die sozialwissenschaftliche Erforschung derartiger Überzeugungen ist sehr wichtig: Einige Forschungsarbeiten zeigten auf, dass der Glaube an Verschwörungstheorien negative Effekte, wie wenig Bereitschaft, die Kinder zu impfen, eine skeptischere Haltung gegenüber dem Klimawandel oder Politikverdrossenheit zur Folge haben kann. Auch jene, die Terroristen rekrutieren, vermitteln ihren Anhängern ein von Verschwörungstheorien durchsetztes Weltbild. Dadurch wird dieses nicht bloss mit einem fesselnden Narrativ unterlegt, das im Übrigen oft von der Unterhaltungsindustrie aufgegriffen wird. Es sind Erzählungen, die das Vertrauen zerstören können, das die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens bildet. 

 

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