11.07.2018

Erfundene Szenarien in Studien können Resultat verzerren

Vor einer Weggabelung: Menschen entscheiden sich im wirklichen Leben oft anders als in einem Szenario. © photocase

In der Psychologie stützen sich Forschungsteams häufig auf erfundene Szenarien, wenn sie beurteilen wollen, wie Menschen sich in einem ethischen Dilemma verhalten.

In der Psychologie stützen sich Forschungsteams häufig auf erfundene Szenarien, wenn sie beurteilen wollen, wie Menschen sich in einem ethischen Dilemma verhalten. Eine Studie der Universität Gent in Belgien kam zum Schluss, dass Menschen in solchen gestellten Situationen anders reagieren als in echten Lebenssituationen.

Gemäss den in Psychological Science veröffentlichten Ergebnissen tendie- ren Individuen im echten Leben dazu, sich stärker auf die Konsequenzen ihrer Entscheidungen und weniger auf ethische Prinzipien zu konzentrieren. Das Forschungsteam hatte auf der Grundlage des sogenannten Trolley-Problems ein Experiment konzipiert, in dem eine Person eine Handlung ausführen kann, mit der einer Gruppe von Menschen geholfen wird und gleichzeitig ein einzelner Mensch zu Schaden kommt.

Ist es unter solchen Umständen ethisch richtig, entsprechend zu handeln? Eine 192 Kopf starke erste Gruppe musste zunächst einen Online-Fragebogen zu hypothetischen moralischen Dilemmas ausfüllen, mit dem auch individuelle Faktoren wie antisoziale Tendenzen, Empathie, moralische Identität gemessen wurden.

Später wurden die Testpersonen im Labor mit einer Elektroschock-Maschine konfrontiert, die mit zwei Käfigen verbunden war. Ein 20-Sekunden-Countdown zeigte den Moment an, an dem fünf Mäuse in einem der Käfige einen Elektroschock erhielten. Die Testpersonen hatten jedoch die Möglichkeit, den Elektroschock durch Knopfdruck vom ersten in den zweiten Käfig umzuleiten, in dem sich nur eine Maus befand.

arallel dazu beantwortete eine Gruppe mit 83 Testpersonen denselben Fragebogen und äusserte sich anschliessend zu verschiedenen hypothetischen Szenarien in Bezug auf die Mäuse. Die Ergebnisse zeigten, dass bei Menschen, die hypothetische Szenarien beurteilt hatten, die Wahrscheinlichkeit, die passive Option zu wählen, zweimal so gross war wie bei Menschen, die mit der realen Situation konfrontiert waren.

Das Forschungsteam stellt die Nutzung hypothetischer Szenarien in der Forschung nicht in Frage, meldet aber einen Vorbehalt an: Bei Studien, die gänzlich auf hypothetischen Entscheidungsfindungen beruhen, werden womöglich Faktoren ausser Acht gelassen, die einen entscheidenden Einfluss auf das menschliche Verhalten im echten Leben haben könnten.

Bostyn, D. H., Sevenhant, S., & Roets, A. (2018). Of mice, men, and trolleys: Hypothetical judgment versus real-life behavior in trolley-style moral dilemmas. Psychological Science. doi: 10.1177/0956797617752640

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