02.11.2018

Ist Glück rentabel?

Der Geschäftsleiter des US-amerikanischen Unternehmens Zappos, Tony Hsieh, stärkt das Wohlbefinden seiner Mitarbeitenden. © Laif.de - Jared MacMillen/Aurora.

Arbeit darf nicht auf Kosten der Gesundheit gehen: Unternehmen setzen auf den Faktor Mensch

Immer mehr Schweizer Unternehmen stellen Glücksbeauftragte ein. Dieser aus den USA stammende Ansatz ist gewinnbringend - wenn die richtigen Bedingungen erfüllt sind.


Von Aurélie Faesch-Despont, publiziert im Psychoscope 6/2018

Aktuelle Ausgabe
Auf LinkedIn bezeichnen sich etwa vierzig Fachleute in der Schweiz als "Chief Happiness Officer" (CHO). Andere Nutzer des beruflichen Netzwerks bezeichnen sich lieber als "Glückscoach" oder "Lebensqualitätsbeauftragte". Ungeachtet der Bezeichnung verfolgen alle diese Berufsleute dasselbe Ziel: das Wohlbefinden in Unternehmen fördern und zu einem gesunden Arbeitsumfeld beitragen. Dieser Ansatz, der mit einem frischen und modern anmutenden Titel daherkommt, hat seinen Ursprung in den USA und verspricht eine höhere Produktivität. Das ruft auch Schweizer Unternehmen auf den Plan, selbst wenn die Medien alles daran setzen, den Mehrwert eines Chief Happiness Officer in Frage zu stellen. Anlässlich des ersten Forums zu dieser Thematik haben sich diesen Sommer etwa 100 Teilnehmende in Genf zusammengefunden.

Mehr Zeit für die eigenen Mitarbeitenden
"Seit Jahren steigt die Zahl der an Burnout erkrankten Menschen unaufhörlich", konstatiert Maud Coderey, Leiterin des Projekts "Lebensqualität am Arbeitsplatz" des Waadtländer Universitätsspitals (Chuv). "Wir dürfen nicht länger darüber hinwegsehen, dass hier Handlungsbedarf besteht. Es genügt auch nicht, die Symptome bekämpfen zu wollen. Wir müssen das Problem an der Wurzel packen und langfristige Lösungen erarbeiten." Die junge Frau, die sich leidenschaftlich und unermüdlich für das "neue Metier" einsetzt, betont auch gleich, auf welchen beiden Säulen Glück bei der Arbeit steht: gute Beziehungen und der Sinn, den man der eigenen Tätigkeit gibt. Es gehe nicht um Apéros nach der Arbeit, Tischfussball in den Pausen oder Yogakurse für Mitarbeitende. Mehr noch als auf das investierte Geld komme es auf die Zeit an, die jedem Einzelnen gewidmet wird. "Man sollte sich bei der Arbeit genauso wohl fühlen wie zuhause", ergänzt sie. Und dies betrifft sowohl die Infrastruktur als auch das, was Maud Coderey als "emotionale Sicherheit" bezeichnet: das Wissen, dass man angehört, respektiert und wertgeschätzt wird.
Am Chuv konzentriert sich der Ansatz auf drei Bereiche: die Arbeit (das, was man mental und körperlich leistet), die Beziehungsebene (ethische und psychologische Aspekte, Wertvorstellungen) und das bauliche Arbeitsumfeld (Gebäudeausstattung, helle Räume). "Nach dem gesundheitsfördernden Ansatz möchten wir, dass das Arbeitsumfeld selbst zur Mit­arbeitergesundheit beiträgt", erläutert Antonio Racciatti, Leiter der Personalabteilung am Chuv. "Gleichzeitig möchten wir unser Personal in die Lage versetzen, der eigenen Arbeit einen Sinn zu geben und sich ihrer Rolle innerhalb der Wertschöpfungskette der Institution bewusst zu sein. Wir alle sind Menschen und keine Ressourcen, derer man sich entledigt, wenn sich die wirtschaftliche Situation verschlechtert." Darum wurde vor einem Jahr der Posten von Maud Coderey geschaffen. Es gehe nicht darum, die Dinge von heute auf morgen zu verändern, stattdessen wolle man alle Mitarbeitenden - von Ärzten über Verwaltungsangestellte bis hin zu Reinigungskräften - für diese Themen sensibilisieren. "Wir streben einen Wandel unserer Kultur an, was Zeit erfordert", räumt Antonio Racciatti ein.
Dass das Waadtländer Universitätsspital - mit 11 000 Angestellten grösster Arbeitgeber der Romandie - diesen Weg einschlägt, ist ein starkes Signal. Es verleiht dem von den Medien häufig verrissenen Ansatz schlagartig mehr Seriosität. Kritikern zufolge wollen Geschäftsführer durch die Einstellung eines solchen "Glücksgurus" einfach nur ihr Gewissen beruhigen. "Das Ziel ist nicht, dass die Mitarbeitenden tagtäglich lächeln und vor Glück strahlen", präzisiert Maud Coderey. "Wie jeder Mensch durchlebe auch ich schwierige Zeiten. Ich besitze keinen Zauberstab, mit dem ich Probleme und Konflikte einfach wegwischen kann. Wir können den Mitarbeitenden jedoch Instrumente geben, mit denen sie sich schneller aus problematischen oder konfliktbeladenen Situationen befreien können, bevor sie davon überwältigt werden."

Psychologische Forschung brachte Wandel
Parallel zu ihrer Tätigkeit als Assistentin der Geschäftsleitung nimmt Maud Coderey 2012 an Schulungen zur Mitarbeiterentwicklung und zum Coaching teil. Seit November 2017 leitet sie das Projekt des Spitals "Lebensqualität bei der Arbeit". Im Juni 2018 lässt sie sich in Kopenhagen zum "Chief Happiness Officer" ausbilden. Die dort vermittelten Verfahren beruhen grösstenteils auf der positiven Psychologie und stützen sich auf Achtsamkeit und emotionale Intelligenz. In Dänemark trifft Maud Coderey auf Menschen aus der ganzen Welt, die dieselbe Philosophie teilen. "Natürlich lassen sich nicht alle Verfahren auf die Schweiz übertragen. Man muss sie an die Kultur des jeweiligen Landes und an die jeweilige Institution angleichen." So behauptet beispielsweise der in den USA ansässige Online-Händler Zappos, dass der Auftrag der Firma nicht darin bestehe, Schuhe zu verkaufen (Kerngeschäft), sondern darin, "Glück zu liefern". In einem riesigen Open-­Space-Büro, das - mit Fotos, Tiermasken, Spielwaren jeder Art und Kletterpflanzen - gänzlich von den Mitarbeitern gestaltet wurde, setzt sich CEO Tony Hsieh dafür ein, dass alle Mitarbeitende Glück empfinden. Sein partizipatives Geschäftsmodell basiert auf Holokratie, eine Organisationsform ohne Hierarchie.
Von diesem Extrembeispiel, das einige zum Schmunzeln anregt, ist die Schweiz noch weit entfernt. Vor etwa zehn Jahren gründete Annika Månsson das Genfer Unternehmen "Happy at Work". In ihrem Heimatland Schweden ist das Wohlbefinden bei der Arbeit wichtiger Bestandteil der Kultur. "Das Schwedische zählt zu den wenigen europäischen Sprachen, die einen konkreten Begriff dafür haben", erklärt sie. Zu Beginn ihrer Laufbahn wurde sie oft von multinationalen Konzernen im Ausland beauftragt, da noch wenig Interesse bei Schweizer Unternehmen bestand. Wie das Interesse für diese Fragen gewachsen ist, hat sie selbst miterlebt: "Ich bin der Meinung, dass die Forschung, insbesondere im Bereich der positiven Psychologie, viele Menschen für die Thematik sensibilisieren konnte. Dass schwarz auf weiss nachgewiesen wurde, dass ein Zusammenhang zwischen glücklichen Mitarbeitenden einerseits und ihrer Produktivität und Loyalität zur Firma andererseits existiert, hat eine grosse Bewegung in Gang gesetzt." So seien glückliche Mitarbeiter bis zu 31 Prozent produktiver, 55 Prozent kreativer, neunmal loyaler und sechsmal weniger krank als andere. Diese Zahlen, welche die Expertin auf ihrer Website angibt, beruhen auf verschiedenen Forschungsarbeiten, darunter eine Gallup-Studie zur Mitarbeiterbindung von 2012 und eine Untersuchung der amerikanischen Psychologieprofessorin Sonja Lyubomirsky im Jahr 2005.
Die genaue Funktion und die Aufgaben eines Chief Happiness Officer (CHO) sind noch immer nicht klar umrissen. Ein Blick auf die Stellenangebote zeigt, dass das Tätigkeitsfeld diverse und vielfältige Auf­gaben umfasst, die teilweise den Auszubildenden oder den Büroangestellten übertragen werden. Wichtigkeit und Bedeutung dieser Funktion hängen schliesslich davon ab, was die Geschäftsführung des jeweiligen Unternehmens erreichen will. Damit ein CHO effizient arbeiten kann, ist laut Annika Månsson eine unabdingbare Voraussetzung zu erfüllen: "Ein CHO muss strategisch und ganzheitlich arbeiten: Er muss die Kultur, die Werte und die allgemeine Struktur des Unternehmens beeinflussen können." Massnahmen müssen auf drei Ebenen greifen: auf der Ebene des Personals, des Managements und der strategischen Geschäftsführung. Es gibt kein Patentrezept: Lösungen sind auf Einzelfall­basis zu erarbeiten; selbst innerhalb eines Unternehmens funktionieren Massnahmen nicht in jedem Fall gleich.
Was das Profil der Bewerberin respektive des Bewerbers betrifft hat Annika Månsson keine vorgefasste Meinung: "Idealerweise sollte die Person in Psychologie und Personal­wesen geschult sein, die Sprache der Geschäftswelt verstehen und sprechen, Zahlen analysieren können und kommunikationsfähig sein", meint sie und lächelt. Für 2019 wird sie im Kanton Genf in Zusammenarbeit mit mehreren Berufsgruppen, darunter Psychologinnen und Psychologen, eine Ausbildung in die Wege leiten. Neben dem "Glücksmanagement" wird der Kurs auch Aspekte der Arbeitsgesundheit abdecken. Ein erster Schritt, um einheitliche Grundlagen für die Schweiz zu schaffen.

Es gibt viel zu tun
Die Arbeitspsychologin Lydie Lecoultre beobachtet die Entwicklungen, die sich auch auf ihr Tätigkeitsfeld auswirken, aufmerksam. Dabei sieht sie die neue Funktion nicht als Bedrohung: "Es gibt in diesem Bereich so viel zu tun. Ich bin der Ansicht, dass wir komplementäre Ansätze verfolgen und für alle genug Arbeit da ist." Auch wenn einige Arbeitgeber letztendlich wohl das Ziel verfolgen, die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden durch diese Massnahmen zu verbessern, betont sie die positive Seite: Man kümmere sich um den Menschen und sein Wohlergehen. Das sei immer noch besser, als nichts zu tun. "Die Zeit ist reif, dass sich die Arbeitswelt wieder auf den Wert des Menschen besinnt. Dabei ist es jedoch unerlässlich, das Wohlbefinden zu fördern, ohne zu stark in die Privatsphäre des Einzelnen einzudringen. Es muss weiterhin jedem selbst überlassen werden, ob er die Massnahmen annimmt oder ablehnt. Der Chief Happiness Officer soll Mitarbeitende auf dem Weg zu einem glücklicheren Arbeits- und Privatleben lediglich unterstützen", ergänzt Lydie Lecoultre.
Nur mit der Berufsbezeichnung "Chief Happiness Officer" kann sich Lydie Lecoultre nicht anfreunden. Sie würde fälschlicherweise den Eindruck erwecken, als seien die Mitarbeitenden nicht mehr für ihr eigenes Glück verantwortlich, weil sich jetzt jemand für sie darum kümmere. "Dabei ist doch jede und jeder sein eigener Chief Happiness Officer", betont sie. Diese Einstellung teilt auch Annika Månsson: "Man kann das eigene Glück nicht delegieren", sagt sie. "Der CHO kann jedoch ein konstruktives Management fördern und eine Kultur schaffen, damit man sich bei der Arbeit wohl fühlt."

 

Links

Abonnemente