07.01.2019

Die Verletzlichkeit in eine Stärke umdeuten

Letzte Pinselstriche vor der Vernissage. Dem Maler Marco Gorghini aus Wil gelingt es, sein Inneres ins Aussen zu tragen.

Künstlerisches Schaffen hilft dabei, die Genesung und die gesunden Anteile ins Zentrum zu rücken. In den "Ateliers - Living Museum" der Psychiatrie St. Gallen Nord werden psychisch kranke Menschen zu Künstlerinnen und Künstlern ausgebildet.

Von Joël Frei, publiziert im Psychoscope 1/2019

Es ist Herbst, die Bäume auf dem Areal der Psychiatrie St. Gallen Nord in Wil tragen ein gelbbraunes Blätterwerk. Mitten drin das Gebäude des Living Museums, das früher die Wäscherei der Klinik beherbergte. Wir treten ein und finden uns in einem Café wieder. "Wer fünf Kastanien sorgfältig bemalt, bekommt eine Tasse Kaffee", steht vor einem Korb, der randvoll mit Kastanien gefüllt ist.

Die Leiterin des Living Museums, Rose Ehemann, begrüsst uns mit einem warmen Händedruck und offeriert uns einen Kaffee, ohne dass wir ihr als Tauschobjekte bemalte Kastanien anzubieten haben. Um vom Café zu den Ateliers zu gelangen, schlendern wir durch einen hellen Flur, links lebensgrosse bemalte Holzfiguren, rechts allerlei Kunstwerke, die an der Wand hängen. Eine Treppe führt zur Galerie, wo weitere Werke ausgestellt sind. Wo immer wir auf den drei Etagen des Living Museums hingelangen - die Fülle an Farben, Formen und Eindrücken überwältigt die Besucher.

Wir merken schnell, dass im Living Museum andere Gesetze gelten als in der übrigen Welt. Hier wurde eine Sozialutopie, eine Insel der künstlerischen Freiheit geschaffen. Täglich kommen 150 Menschen hierher, Patientinnen und Patienten der Psychiatrie St. Gallen Nord, aber auch psychisch beeinträchtigte Personen von ausserhalb, um sich in einem der Ateliers im Kunstmalen, der Anfertigung von Werken aus Keramik, Glas, Speckstein oder Textilien künstlerisch zu betätigen. Zum Living Museum gehört zudem eine Musik- und eine Theatergruppe und die Teilnehmenden können den Umgang mit digitalen Medien erlernen.

Das Konzept des Living Museums geht über die Kunsttherapie hinaus. Das Museum ist öffentlich und veranstaltet Vernissagen und Kunstaktionen in der Region. Der Ansatz fokussiert zudem auf die Ressourcen der Teilnehmenden und auf die Stärkung einer positiven Identität. "Meist identifizieren sich Menschen, die chronisch psychisch krank sind, nur noch über ihre Diagnose: Ich bin ein Schizophrener, ich bin eine Depressive", meint Rose Ehemann. Im Living Museum können diese Menschen eine Künstleridentität entwickeln. "Sie sollen von sich sagen: Ich mag zwar psychisch krank sein, aber ich bin Bildhauer, Malerin, Sänger. Das ist ein ganz anderes Selbstverständnis."

Ein künstlerisches Asyl

Rose Ehemann hat mit dem Living Museum eine Idee in der Schweiz umgesetzt, die erstmals in New York gedacht wurde. Alles begann, als der ungarische Psychologe Janos Marton im Jahr 1984 den polnischen Künstler Bolek Greczynski in die Creedmoor Psychiatrie in Queens holte, die grösste staatliche psychiatrische Klinik in New York. Im Zuge der sozialpsychiatrischen Reformen wurden die 7000 Betten der Klinik auf 500 reduziert. Grosse Klinikgebäude standen leer. Janos Marton packte die Gelegenheit beim Schopf und gründete mit seinem polnischen Künstlerfreund das "Creedmoorʼs Living Museum" im Gebäude Nummer 75 der Klinik, einem gigantischen Speisesaal, der einst 1000 Patienten aufnehmen konnte.

Bolek Greczynski, der in Polen bildende Kunst studiert hatte und dort einem Zirkel aus Malern und In- tellektuellen angehörte, der politische Kunstaktionen durchführte, verstand sich als Aktivist. Für eine seiner Ausstellungen, die er während seiner Zeit in Argentinien unter der Militärdiktatur von Jorge Videla durchführte, erhielt er Bombendrohungen - in einer Instal- lation zeigte er Gefängniszellen und Folterkammern. Später siedelte der Künstler nach New York über. Im Living Museum der Creedmoor Psychiatrie fand er bis zu seinem Tod im Jahr 1995 künstlerisches Asyl.

Während seiner Arbeit mit den Patientinnen und Patienten der Klinik prägte er den revolutionären Ansatz "use your vulnerability as a weapon - benutze deine Verletzlichkeit als Waffe". Damit legte er die ideelle Grundlage für das Living Museum. Indem psychisch erkrankte Personen ihre Unzulänglichkeiten in Stärken umdeuten, erfahren sie Integrität und Selbstwirksamkeit.

Dass psychisch kranke Menschen eine ausserordentliche kreative Schaffenskraft zeigen können, wird Rose Ehemann immer wieder neu vor Augen geführt, wenn sie das Living Museum in New York besucht, wo sie einst gearbeitet hatte: "Es ist gefüllt mit Kunst und Schönheit, aber auch mit schmerzvollen Werken. In ihm finden sich alle Themen des Menschseins." Die Eigenschaften, die jemanden in der Gesellschaft als verrückt erscheinen lasse, sei das, was in der Kunst das Originelle sei. Die meisten Künstlerinnen und Künstler müssten hart daran arbeiten, um die Originalität zu erreichen, die Menschen mit psychischen Beeinträch- tigungen bereits mitbrächten. "Psychisch Kranke erleben oft Welten, zu denen wir keinen Zugang haben."

Gesellschaft soll sich ins Museum integrieren

Wer das Living Museum in Wil besucht, staunt in der Tat über die starken Werke, die dort zu sehen sind. Solche Freiräume, wo Menschen ohne Druck einer sinnhaften Tätigkeit nachgehen können, gibt es in der Wirtschaft wenige. "Psychisch Kranke werden in unserer Leistungsgesellschaft an den Rand gedrängt. Es gibt kaum Arbeitsplätze, die stressfrei sind", konstatiert Rose Ehemann. Auf dieser Tatsache aufbauend, formuliert sie die radikale Philosophie des Living Museums: "Wir erheben nicht den Anspruch, dass die Menschen, die psychisch krank sind, hier drin geheilt werden. Sondern umgekehrt: Die Gesellschaft muss sich ins Living Museum integrieren und von innen heil werden."

Schwingt in dieser Aussage der revolutionäre Geist von Bolek Greczynski mit? Sind die nach New Yorker Vorbild gegründeten Museen in der Schweiz (darunter eines im bernischen Lyss), den Niederlanden und in Südkorea gar Teil einer gross angelegten Aktion der politischen Kunst?

Kunst als Vermittlerin

Sicher ist, dass der Freiraum, den das Living Museum darstellt, vielen psychisch kranken Menschen geholfen hat. Kunst kann insbesondere Menschen erreichen, die Mühe haben, auf die notwendigen Begriffe zuzugreifen, um ihre Geschichte zu "denken".

Rose Ehemann erinnert sich an eine traumatisierte Frau, welche die Kriegsverbrechen im bosnischen Srebrenica eins zu eins mitbekam. Zuerst versuchte sich die Frau an hochkomplizierten Stickarbeiten. Dann ermutigte Rose Ehemann sie, sich auf einen malerischen Prozess einzulassen, und stellte sie vor eine Leinwand. "Sie hat pro Sitzung etwa fünf traumabeladene Bilder in dunklen Farben gemalt und literweise Farbe verbraucht." Bald wurde die anfänglich dünnhäutige Frau stabiler. "Es war eine Katharsis. Sie hat sich reingewaschen." Erste folkloristische Bilder mit floralen Elementen und positiven Farben flossen in ihr Werk ein. Und irgendwann in diesem Prozess fand ein Wandel statt: das Trauma verblasste und das Positive in ihren Bildern stand im Mittelpunkt. "Sie wurde geheilt entlassen und auch zwei Jahre später sagte sie mir, dass sie keine traumatischen Symptome mehr habe", sagt Rose Ehemann.

Zurück in ein selbstbestimmtes Leben

Das Living Museum zeigt, wie der Recovery-Ansatz, also der Fokus auf die Genesung und die gesunden Seiten von psychisch erkrankten Menschen, umgesetzt werden kann. Roger Staub, Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana: "Das Living Museum ist ein wichtiges Angebot, das wir toll finden. Aber es braucht auch Angebote für Patientinnen und Patienten, die nicht Künstler sein wollen oder können." Es brauche mehr Orte, wo sie Vertrauen in sich selbst und in die eigenen Potenziale aufbauen können. "Wir bräuchten in Institutionen und Tagesstrukturen vermehrt Anreize, damit die Menschen wieder zurück in ein selbstbestimmtes Leben finden." Das Living Museum ist ein Beitrag in diesem Sinne. So mancher kam als Patient hierher und verliess es als Künstler.

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