Offener Brief an den Gesamt-Bundesrat: Verdoppelung von schweren depressiven Symptomen innert acht Monaten erfordert rasches Handeln

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Die psychische Belastung hat in der zweiten Covid-19-Welle deutlich zugenommen. Der Anteil an Personen mit schweren depressiven Symptomen betrug während des Lockdowns im April rund 9 Prozent und stieg im November auf 18 Prozent (Swiss Corona Stress Study). Die Psychologieverbände sind alarmiert und fordern den Bundesrat in einem offenen Brief zu raschem Handeln auf. Die Einführung des Anordnungsmodells für die psychologische Psychotherapie ist dringend angezeigt.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident
Sehr geehrte Mitglieder des Bundesrats

Die Psychologieverbände sind alarmiert: Die neueste Umfrage der Universität Basel zur psychischen Belastung in der zweiten Covid-19-Welle (www.coronastress.ch), publiziert am 17. Dezember 2020, hat ergeben, dass sich psychische Probleme bei Schweizerinnen und Schweizern im Vergleich zum Frühjahr praktisch verdoppelt haben. Der Anteil Personen mit schweren depressiven Symptomen betrug während des Lockdowns im April rund 9 Prozent und stieg im November auf 18 Prozent. Besonders stark betroffen sind junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren und Personen, die durch die Pandemie – neben der starken Einschränkung Ihres Kontaktbedürfnisses – finanzielle Einbussen erfahren haben.

Nicht rechtzeitig behandelte psychische Krankheiten haben fatale Folgen und verursachen der Schweizer Wirtschaft und den Sozialversicherungen jährlich Kosten in Milliardenhöhe (Studie «Volkswirtschaftlicher Nutzen des Anordnungsmodells»). Wer heute eine psychotherapeutische Behandlung benötigt, muss lange warten. Insbesondere bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen ist mit Wartefristen von bis zu sechs Monaten zu rechnen, in gewissen Regionen sogar noch länger. Unsere Mitglieder geben uns Rückmeldungen, dass sie täglich Behandlungen ablehnen müssen. Dies, weil aktuell nur Psychiaterinnen und Psychiater oder bei ihnen angestellte psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten berechtigt sind, über die Grundversicherung abzurechnen. Da in der Schweiz zu wenig Psychiaterinnen und Psychiater tätig sind, führt dies zu den erwähnten langen Wartefristen.

Diese Engpässe in der psychotherapeutischen Versorgung waren schon vor der Corona-Krise vorhanden und haben sich durch die Krise noch verstärkt. Um sie zu beseitigen, ist es dringend angezeigt, das Anordnungsmodell für die psychologische Psychotherapie mit einer breiten Anordnungskompetenz (inkl. Hausärzte) in Kraft zu setzen. Dadurch kann das Angebot an Psychotherapieplätzen, die von der Grundversicherung finanziert werden, vergrössert werden, was in dieser Zeit nicht nur ein sehr wichtiges Signal wäre, sondern auch tatsächlich dringend nötig ist.

Wir fordern den Bundesrat dazu auf, dass er die Verordnungsveränderungen in den ersten Wochen des Jahres 2021 beschliesst, wie er das in der Antwort auf die Anfrage Roth (20.5856) angekündigt hat. Um die bestehenden Versorgungsengpässe zu beseitigen, ist eine rasche Inkraftsetzung der Verordnungen zentral. Ein Zuwarten bis zum 1. Januar 2022 ist aufgrund der aktuellen Versorgungsprobleme undenkbar. Falls eine zeitnahe Inkraftsetzung für die Kantone nicht umsetzbar ist, so bieten die Verbände Hand, in einer Übergangsphase Aufgaben für Bund und Kantone zu übernehmen. So könnten die Verbände beispielsweise die Erfüllung der Zulassungsvoraussetzungen überprüfen, die für die Erteilung der Berufsausübungsbewilligung erforderlich sind. Wir sind zuversichtlich, dass die Tarifpartner sich aufgrund der bereits geleisteten Vorarbeiten bald auf einen Tarif einigen, der dem Bundesrat dann zur Genehmigung vorgelegt werden kann.

Wir bitten Sie deshalb darum, die entsprechenden Schritte zu unternehmen, um diese Anliegen so bald wie möglich umzusetzen. Patientinnen, Patienten wie auch Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind Ihnen für ein schnelles Handeln, was die schwierige Situation für psychisch Kranke deutlich entlasten würde, sehr dankbar.

Unterzeichnende:

Yvik Adler, Co-Präsidentin FSP   

Stephan Wenger, Co-Präsident FSP

Gabi Rüttimann, Präsidentin ASP    

Christoph A. Schneider, Präsident SBAP

Kommentare

Inês Vasconcelos Horta

Inês Vasconcelos Horta

18/01/2021

As the colleague Christine Keller-Chassot mentions there is a distinction between psychologists-psychotherapists and psychologists. Mental health issues can also be handled by other therapeutic ways that do not require education in psychotherapy.
International psychologists who are highly qualified and experienced in the field, recognized in Switzerland and members of the FSP can have an important role in supporting patients with their mental health issues.
Many of the Swiss colleagues have a great number of international patients because the international psychologists FSP are not recognized by the health insurance companies.
If this was possible many of us could be part of the solution to reduce the waiting lists by being another resource, and leaving the Swiss colleagues with more availability.
Kind regards, Inês Horta - Zug

Christine Keller-Chassot

Christine Keller-Chassot

16/01/2021

Je regrette que la FSP contribue à entretenir le manque de distinction ou la confusion : entre psychologues-psychothérapeutes et psychologues, comme à la fin du paragraphe d'introduction de votre lettre ouverte !
J'ai déjà constaté ce manque de distinction lors d'interviews à la radio ou dans les journaux.
Or c'est justement cette distinction, qui implique que psychologues-psychothérapeutes ont terminé une longue formation à la psychothérapie : qui est un argument fondamental pour demander la prise en charge de leurs prestations de psychothérapie par l'assurance de base.
J'ai parfois l'impression : que la FSP "se tire une balle dans le pied" par ce manque de clarté !
Avec toutefois ma reconnaissance pour vos démarches, mais je souhaiterais qu'elles soient formulées de manière plus précise.
Cordiales salutations,
Christine Keller-Chassot - Beau-Séjour 20 - 1003 Lausanne

Veronica  Galli Iölster

Veronica Galli Iölster

18/01/2021
Christine Keller-Chassot

C’est à mon avis un peu confus aussi, le fait d’utiliser comme argument qu’il y a peu de psychiatres. Cela pourrait faire penser que les psychologues-psychothérapeutes devraient être acceptés juste parce qu’il n’ y a pas assez des psychiatres, sans que cela laisse comprendre que la spécialité en psychothérapie a sa propre valeur. Notre place de psychothérapeutes est légitime, au delà de combien il y a des collègues psychiatres, d’ailleurs souvent formés en psychothérapie par des psychothérapeutes psychologues. Il y a des psychologues pour lesquels ce n’est pas assez clair, ce qui nous empêche de mieux communiquer qui nous sommes.
Avec toutefois aussi ma reconnaissance pour tout ce que vous faites.
Dr Veronica GALLI IÖLSTER, psychologue spécialiste en psychothérapie FSP

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