Online-Therapie muss für alle gleich zugänglich sein

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Psychotherapien auf Distanz sollen trotz Lockdown nur sehr beschränkt von der Krankenkasse bezahlt werden. Die Berufsverbände fordern die Korrektur eines entsprechenden Entscheids des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Sie erhalten dabei auch Unterstützung aus dem Volk. Eine Petition, die auf private Initiative entstand, unterzeichneten innert weniger als zehn Tagen über 15'000 Menschen.

Vor gut zwei Wochen fällte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen nicht nachvollziehbaren Entscheid, der rund 3000 psychologische Psychotherapeuten und ihre Patienten vor grosse Probleme stellt. Es geht um die Abrechnung von via Videotelefonie durchgeführten Psychotherapien. Viele psychologische Psychotherapeuten und Psychiater haben im Corona-Lockdown vollständig auf diese Art der Therapie umgestellt. Richtigerweise hat das BAG deshalb im Entscheid vom 2. April festgelegt, dass Distanztherapien ohne Einschränkungen bis auf weiteres auch von der Grundversicherung bezahlt werden. Das gilt allerdings nur dann, wenn sie von Psychiatern durchgeführt werden. Psychologische Psychotherapeuten, die via delegierte Psychotherapie über die Grundversicherung abrechnen, dürfen nur 360 Minuten pro Halbjahr Distanztherapien über die Krankenkasse abrechnen. Der Bundesrat hat die Therapiedauer während der Corona-Zeit von 240 auf 360 Minuten erhöht. Das bedeutet, dass Patienten, die sich von einem psychologischen Psychotherapeuten behandeln lassen, und die ihre Therapie nicht selbst bezahlen können, massiv schlechter gestellt werden als Patienten, die bei einem Psychiater in Behandlung sind. Diese Einschränkung ist aus therapeutischer Sicht nicht nachvollziehbar.

Fehlende Argumente

Gemäss BAG zielt der Entscheid darauf ab, «den Zugang für komplexere Fälle sicherzustellen», die «sehr oft» von Psychiatern betreut würden. Eine Behauptung, die nicht der Realität entspricht. «Sogenannt komplexe Fälle mit schweren Krankheitsbildern werden sehr oft stationär in der Klinik behandelt. In der ambulanten Psychotherapie werden psychisch kranke Patienten sowohl von Psychiatern wie von psychologischen Psychotherapeuten behandelt. Beide Berufsgruppen behandeln ein breites Spektrum an psychischen Erkrankungen, beide auch schwerere und komplexere Störungen», sagt Yvik Adler, Co-Präsidentin der Föderation der Schweizer Psycholog(inn)en (FSP). Für die FSP ist deshalb klar, dass die Bedingungen für die Abrechnung von Distanztherapien für beide Berufsgruppen dieselben sein müssen.

Uneinigkeit im EDI

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) hat bereits am 6. April entschieden, einen anderen Weg als das BAG zu gehen. Es erlaubt psychologischen Psychotherapeuten, Behandlungen, die von der IV angeordnet und/oder bezahlt werden, während der Corona-Krise per Videokonsultation weiterzuführen und normal wie eine Behandlung in der Praxis abzurechnen. Gemäss dem BSV gilt diese Lösung explizit auch für «Leistungen der delegierten Psychotherapie nach Tarmed». Das ist paradox: Zwei Bundesämter, die dem gleichen Departement angehören, kommen zu völlig unterschiedlichen Schlüssen in ein und derselben Frage. Das BAG entscheidet sich für eine nicht nachvollziehbare Beschränkung der Möglichkeit, eine Therapie mit modernen Mitteln pandemiekonform weiterzuführen. Das BSV hingegen zeigt sich offen und will die Möglichkeiten der Videotelefonie nutzen. Das BSV ermöglicht es damit den Patientinnen und Patienten zu Hause zu bleiben und sich so an die Empfehlungen des BAG zu halten, während das BAG selbst die Patienten indirekt dazu zwingt, den Psychotherapeuten weiterhin in der Praxis aufzusuchen.

Die psychologischen Psychotherapeuten und ihre Berufsverbände geben nicht auf. Sie stellen die Forderung, dass das BAG den Entscheid korrigiert. «Alles andere als eine rasche Korrektur dieses völlig unverständlichen Entscheids, wäre für uns eine grosse Enttäuschung», sagt stellvertretend Gabriela Rüttimann von der Assoziation Schweizer Psychotherapeuten (ASP). An dieser Forderung ändert auch die am 16. April vom Bundesrat beschlossene Lockerung der Corona-Restriktionen nichts, obwohl ab dem 27. April die meisten Psychotherapien wieder normal in den Praxen stattfinden werden. Denn eine erhebliche Anzahl von Patienten und Psychotherapeuten gehören zu einer besonders gefährdeten Gruppe und werden deshalb noch einige Zeit darauf angewiesen bleiben, die Psychotherapie online oder telefonisch fortsetzen zu können. Unterstützt werden die psychologischen Psychotherapeuten auch von den Psychiatern. Diese wiesen in einem Newsletter darauf hin, der Entscheid stelle «eine Gefährdung der psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung während der gegenwärtigen Krise dar».

Petition mit über 15'000 Unterschriften in zehn Tagen

Auch in der Bevölkerung gibt es grosse Unterstützung für das Anliegen. Heute wurde beim Departement von Gesundheitsminister Berset eine Online-Petition eingereicht. Diese fordert, dass Psychotherapie per Video oder Telefon gleich wie die Therapie in der Praxis abgerechnet werden kann – egal ob sie von psychologischen Psychotherapeuten oder von Psychiatern durchgeführt wird. Die Petition wurde in weniger als zehn Tagen von über 15'000 Personen unterzeichnet – und das ohne Unterstützung der Berufsverbände. Ein deutliches Signal, das dem BAG zu denken geben sollte. Die Aufhebung der zeitlichen Beschränkungen für delegiert tätige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten allerdings reicht als alleinige Massnahme nicht. Die Psychologieverbände ASP, FSP und SBAP fordern vom Bundesrat einen sofortigen Wechsel vom Delegations- zum Anordnungsmodell. Dieser ist die Voraussetzung für eine funktionierende Versorgung, weil die Zahl der delegierenden Psychiater und delegiert tätigen Psychologen zu klein ist und namentlich bei Kinder- und Jugendlichen und auf dem Land Engpässe vorhanden sind, die sich während der Corona-Krise noch verschärft haben.

Für Rückfragen:

  • Medienstelle FSP, 031 388 88 48, media [at] fsp.psychologie.ch

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