Onlineinterventionen

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Was Sie vorher wissen sollten Erklärungen und Empfehlungen

Immer mehr psychologische Beratungen und Therapien werden im Internet angeboten. Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen hilft Ihnen bei der Auswahl eines seriösen und guten Leistungsanbieters, unterstützt von Expertinnen und Experten aus der wissenschaftlichen Forschung und von erfahrenen Praktikerinnen und Praktikern. 

Diese Empfehlungen gelten für Interventionen durch eine Fachkraft. Der Kontakt kann sowohl ausschliesslich online als auch abwechselnd im Face-to-Face in der Praxis stattfinden. In beiden Fällen können auch Apps ggf. als Werkzeuge im Rahmen der Therapie oder Beratung eingesetzt werden. Die vorliegenden Empfehlungen beziehen sich jedoch auf Interventionen, an denen auf jeden Fall eine Fachkraft beteiligt ist und nicht auf Apps, die aus dem Internet heruntergeladen werden und völlig unabhängig, also ohne Austausch mit einem anderen Menschen, genutzt werden können.

1. Was beinhalten Onlineinterventionen?
2. Kommen Onlineinterventionen für mich infrage?
3. Onlinetherapie, Onlineberatung: Um was geht es, und was sind die Unterschiede?
4. Wie wählt man eine(n) Onlineanbieter(in) aus?

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1. Was beinhalten Onlineinterventionen?

Es gibt verschiedene Arten von Onlineinterventionen. Nachstehend finden Sie eine Übersicht. Die entsprechenden Fachkräfte bieten entweder psychologische Beratung oder eine Psychotherapie an (zu den Unterschieden siehe unten).

Telefongespräche
  • Die Beratung/Therapie wird telefonisch durchgeführt.
Per E-Mail

Der Patient oder Klient und der/die Spezialist(in) tauschen E-Mails aus, kommunizieren also hauptsächlich in schriftlicher Form.

Per Chat

Diese Interventionen erfolgen über einen Austausch zwischen der hilfesuchenden Person und der Fachperson per Chat. Als Chat bezeichnet man die elektronische schriftliche Kommunikation in Echtzeit. Dabei treffen die hilfesuchende Person und die Fachperson in einem geschützten virtuellen Chat-Room aufeinander.

Videokonferenz

Videokonferenzsysteme sind als telefonischer Austausch zwischen der hilfesuchenden Person und der Fachperson mit einem Video-Bildschirm zu verstehen. Somit sitzen sich die Gesprächspartner direkt vor ihren Bildschirmen gegenüber und können Mimik, Gestik und Emotionen über den Bildschirm sehen. Diese Form der Online-Beratung/Therapie ist sicherlich am ehesten mit der konventionellen Beratung/Therapie vergleichbar.

Ungeleitetes Selbsthilfeprogramm

Das ungeleitete Selbsthilfeprogramm ist eine Art der internetbasierten psychologischen Intervention, die ganz ohne persönlichen Kontakt auskommt. Es ist vergleichbar mit einem Selbsthilferatgeber in gedruckter Form. Die hilfesuchende Person klickt sich durch die Informationen und Hilfeseiten und bekommt von dem Programm Aufgaben, die sie selbstständig bearbeitet. Ein solches Programm wirklich bis zum Ende zu verfolgen, verlangt eine hohe Eigenmotivation der hilfesuchenden Person. Üblicherweise ist es für die hilfesuchende Person nötig, zu Beginn ein Benutzerkonto zu erstellen und für bestimme Angebote müssen die Nutzerinnen und Nutzer bezahlen.

Angeleitetes Selbsthilfeprogramm

Im Gegensatz zu den ungeleiteten zeichnen sich die angeleiteten Programme durch einen zusätzlichen regelmässigen Austausch zwischen der hilfesuchenden Person und der Fachperson aus. Dieser Austausch beschränkt sich typischerweise auf eine Anfangsdiagnose und kurze regelmässige Feedbacknachrichten der Fachperson zu den erarbeiteten Inhalten. So kann die Motivation der hilfesuchenden Person aufrechterhalten und gestärkt werden und es kann Einfluss auf einen unvorhergesehenen Verlauf genommen werden.

Mischformen («Blended Counseling/Therapy»)

Als Mischformen «Blended Counseling/Therapy» bezeichnet man Ansätze, die Formen der Onlineberatung/-therapie mit der Face-to-Face-Beratung/-Therapie verbinden. So kann sich eine hilfesuchende Person in einer konventionellen psychologischen Beratung oder Psychotherapie befinden, und gleichzeitig selbstständig einzelne Module eines ungeleiteten Selbsthilfeprogramms nutzen. Blended Learning bezeichnet eine Mischform von Beratung/Therapie und Training/Lernaktivitäten.

Transdiagnostische und modulare Programme (für Therapien)

Psychische Störungen treten oft komorbid auf, das heisst, dass nur selten eine Störung allein vorliegt. Die oben genannten Verfahren einer Onlinetherapie sprechen dieses Krankheitsbild aber nur sehr bedingt an. In verschiedenen Studien wurde gezeigt, dass massgeschneiderte Onlineinterventionen erfolgreich sind. Dabei werden die Inhalte einer Onlinetherapie in Bausteine (so genannte Module) zerlegt und diese dann individuell und abgestimmt auf die Symptome der hilfesuchenden Person zusammengestellt. So entsteht die Möglichkeit einer individualisierten Onlinetherapie, einschliesslich der Vorteile, wie sie in einer individualisierten Face-to-face-Therapie zum Zug kommen.

Bei Onlinetherapien kann der Klient oder die Klientin bzw. der Patient oder die Patientin im Prinzip auch anonym bleiben, aber gewisse Angaben sind je nach Fall unabdingbar. Fragen Sie Ihren Psychologen oder Psychotherapeuten nach den Notfallnummern und -adressen.

Wirkung und wissenschaftliche Validität

Zur Wirkung von Onlineinterventionen muss zuerst gesagt werden, dass häufig der Begriff der «Onlineintervention» als Oberbegriff verwendet wird, ohne dass genauer differenziert wird, um welche Interventionsmethode es sich exakt handelt. Obwohl die Forschung zu internetbasierten Interventionen noch relativ jung ist, verfügen wir bereits über mehr als 200 kontrollierte Wirksamkeitsstudien, mehrere systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen. Die Studien decken ein breites Spektrum an psychischen und verhaltensmedizinischen Störungen und Problemen ab. Die Wirkung von Online-Therapien ist bei allen Störungen noch nicht vollumfänglich wissenschaftlich belegt, was aber nichts aussagt über eine mögliche Wirkung. Zudem konnten aktuelle Schweizer Studien grundsätzlich positive Effekte von Onlineberatung nachweisen.

Diagnostik und Einschätzung

Wenn Sie an einer psychischen Störung leiden, müssen die Onlineinterventionen von einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten durchgeführt werden.

Aus rechtlichen Gründen kann keine Diagnose aus der Distanz gestellt werden. Bei psychischen Störungen muss mindestens bei der ersten Sitzung eine physische Begegnung mit der Psychotherapeutin oder dem Psychotherapeuten erfolgen, damit diese(r) die Diagnose stellen kann. Sollte dies nicht möglich sein, müssen sich die ersten Sitzungen auf die Kontaktaufnahme und auf eine Unterstützung ohne Diagnose beschränken. Der therapeutische Prozess kann in diesem Fall nicht eingeleitet werden.

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2. Kommen Onlineinterventionen für mich infrage?

Um von Onlineinterventionen voll profitieren zu können, empfehlen wir:

  • Vertrautheit mit dem Umgang der verwendeten Werkzeuge (Smartphone, PC, App) und Vertrauen in diese Kommunikationsmittel

In den folgenden Fällen sind Onlineinterventionen nicht angezeigt:

  • Akute Krise, insbesondere Suizid oder Dissoziationsrisiko sowie akute Psychose oder bei Alkohol- oder Drogenentzugssymptomen.
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3. Onlinetherapie, Onlineberatung: Um was geht es, und was sind die Unterschiede?

Der Begriff der «Onlineintervention» wird als Oberbegriff verwendet und umfasst sowohl psychologische Onlinetherapien als auch psychologische Onlineberatung.

Wenn es um die Behandlung von psychischen Störungen geht, sprechen wir von Onlinetherapien. Nur die Fachpersonen, welche  einen eidgenössischen Titel in Psychotherapie haben, dürfen Psychotherapie anbieten. Onlinetherapien verfolgen ein therapeutisches Ziel und wurden für verschiedene Störungen untersucht, am häufigsten bei sozialen Angststörungen, Panikstörung, generalisierten Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen sowie Schlafstörungen, Essstörungen und Substanzstörungen. Onlinetherapie ist keine neue Therapierichtung, sondern ein neuer Zugang über das Medium Internet mit besonderen Spezifika.

Bei der Onlineberatung geht es um Situationen und/oder Probleme ohne psychische Störung mit Krankheitswert: zum Beispiel Sinnfragen, Beziehungsfragen, Selbstwertprobleme und Fragen zur persönlichen Entfaltung, Trauerreaktionen, Laufbahn- und Karrierefragen: vorbereitende Unterstützung von Entscheidungen und/oder Entwicklungsaufgaben. Life-Coaching und Karriere-Coaching, als Teilbereich der Beratung, können auch online stattfinden. Beratung richtet sich auch an Klientinnen und Klienten vor oder nach medizinischen Eingriffen (z. B. invasive Untersuchung, Operation), mit einer chronischen Erkrankung (z. B. Multiple Sklerose, Rheuma, Diabetes), mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung (z. B. Herzinfarkt, AIDS).

Eine Onlineintervention hat zum Ziel, bei hilfesuchenden Personen kognitiv-emotionale Prozesse anzuregen, damit die Selbststeuerungs- und Handlungsfähigkeit wiedererlangt oder verbessert werden kann. Das Ziel ist, dass die positive Entwicklung des Klienten bzw. der Klientin gefördert resp. der Leidensdruck verringert wird. 

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4. Wie wählt man eine(n) Onlineanbieter(in) aus?

Die Seriosität des Anbieters von Onlineinterventionen kann anhand der folgenden Kriterien überprüft werden. Bei Psychotherapie müssen weitere Besonderheiten beachtet werden.

Identität des Leistungsanbieters
  • Name, Adresse, Telefonnummer, E-Mail-Adresse des Anbieters oder der Anbieterin müssen angegeben sein.
  • Es wird klar offengelegt, über welche Qualifikation, Ausbildung, Kompetenzen und Titel der Anbieter oder die Anbieterin verfügt.
  • Die Berufsorganisationen, welchen der Anbieter oder die Anbieterin angehört, müssen genannt sein.
  • Die Erwähnung, dass der/die Leistungsanbieter(in) die Qualitätsstandards für Onlineinterventionen der FSP beachtet, ist eine Qualitätsgarantie.
Angebotstransparenz
  • Das Angebot muss verständlich beschrieben sein.
  • Die (realistischen) Ziele, zu deren Erreichung das Angebot beitragen soll, müssen angegeben sein.
  • Die Schwerpunktthemen, auf die der Anbieter oder die Anbieterin spezialisiert ist, müssen genannt sein.
Kostentransparenz
  • Die Kosten des Angebots und die möglichen Bezahlungsarten müssen offengelegt sein.

Die Tarife sollten gleich hoch sein wie im Sprechzimmer, da es sich um die gleichen Leistungen handelt.

Transparenz des Zeitrahmens
  • Wann finden die Gespräche/Sitzungen statt? Innerhalb welcher Frist ist mit einer Antwort auf Anfragen zu rechnen, falls die Kommunikation zeitversetzt erfolgt? Diese Informationen müssen deutlich angegeben sein.
Allgemeine Geschäftsbedingungen
  • Die für das Angebot gültigen allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) werden in geeigneter Form auf der Website des Anbieters offengelegt.
Vertraulichkeit und Datenschutz
  • Die Fachkraft muss ihre Klient(inn)en und Patient(inn)en über die Risiken des Internets in Bezug auf die Vertraulichkeit der übertragenen und gespeicherten Daten informieren. Alle relevanten Informationen über die Datensicherheit und allfällige Sicherheitsrisiken, über Art, Umfang und Dauer der Datenspeicherung sowie über die Rechte der Klientinnen und Klienten und Patientinnen und Patienten werden in geeigneter Form zugänglich gemacht.
  • Die Fachkraft hält höchste Verschlüsselungsstandards ein: Verschlüsselung bei Webseiten oder zum Beispiel Pretty Good Privacy (PGP) bei E-Mails; verschlüsselte Datenspeicherung; passwortgeschützter Zugang zum Angebot mit starkem und regelmässig gewechseltem Passwort; Virenschutz, Firewall, regelmässige Sicherheitsupdates, Sicherheitskopien.
  • Die von den Klientinnen und Klienten und Patientinnen und Patienten auf ihren eigenen Geräten gespeicherten Daten sowie die unverschlüsselt gesendeten E-Mails unterliegen der Verantwortung der Klientinnen und Klienten und Patientinnen und Patienten.
Werbebeschränkung
  • Beschreibungen von Onlineangeboten enthalten keine Drittwerbung.

Im Rahmen einer Psychotherapie müssen auch zusätzliche Bedingungen berücksichtigt werden:

Suizidalität
  • Bei Verdacht auf Suizidalität muss ein persönliches Treffen zwischen der Fachperson und der hilfesuchenden Person stattfinden, um die Situation zu klären.
Kontraindikation
  • Bei akuten, vor allem bei suizidalen Krisen, bei Dissoziation und akut-psychotischen Zuständen sind Online-Therapien kontraindiziert.
  • Die Therapeutin oder der Therapeut trägt die Verantwortung, wann und bei welchen Störungsbildern eine Online-Therapie durchgeführt werden kann oder nicht.
Diagnostik und Einschätzung
  • Von „Ferndiagnosen“ wird abgesehen.
  • Falls kein persönlicher Kontakt im Face-to-Face-Setting stattfinden kann, werden Patientinnen und Patienten darüber informiert, dass aus rechtlichen Gründen keine Diagnose aus der Distanz gestellt werden kann. Erste Interventionen wie Kontaktaufnahme und Unterstützung können auch ohne Diagnose durchgeführt werden, jedoch ist die Aufnahme der Therapie ohne eine diagnostische Abklärung nicht möglich.
Notfallplan
  • Der Therapeut oder die Therapeutin erarbeitet einen Notfallplan gemäss Diagnose und informiert den Patienten oder die Patientin darüber (inkl. Angabe von Notfallnummern und -adressen).

Sie haben noch Fragen?
Bitte wenden Sie sich per E-Mail an berufspolitik [at] fsp.psychologie.ch oder telefonisch an +41 31 388 88 44.

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