Petition übergeben: 94'422 fordern hürdenfreien Zugang zu Psychotherapie

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Die Petition „Hürden abbauen – Behandlung psychischer Krankheiten sicherstellen“ wurde am Mon-tag an den Gesamtbundesrat übergeben. Psychologische Berufsverbände, Patientenorganisationen Angehörige von psychisch Kranken und weitere Organisationen haben in drei Monaten über 94‘000 Unterschriften gesammelt. Die Unterzeichnenden fordern einen hürdenfreien Zugang zur Gesund-heitsversorgung auch für psychisch Kranke.

94‘422 Unterschriften haben sie gesammelt, und das in nur gerade gut drei Monaten. Sie, das sind Psychologinnen und Psychologen, Hausärztinnen und Hausärzte, Angehörige von psychisch Erkrankten, Psychologiestudierende sowie Patientinnen und Patienten, die sich Sorgen machen um den Zu-gang zur Psychotherapie in der Schweiz.

Die Unterschriften wurden am Montag in Bern an die Bundeskanzlei übergeben, zuhanden des Gesamtbundesrats. Die 94‘422 Unterzeichnenden fordern den Bundesrat auf, die bestehenden Zu-gangshürden bei der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen zu beseitigen.

«Es freut uns sehr, dass unser Anliegen von der Bevölkerung so breit mitgetragen wird», sagte Yvik Adler, Co-Präsidentin der bei der Unterschriftensammlung federführenden Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP), anlässlich der Übergabe am Montag. «Nun ist der Bundesrat am Zug. Das schon lange überfällige Anordnungsmodell für die psychologische Psychotherapie muss jetzt kommen. Damit kann der Bundesrat eine der grossen Hürden im in der Versorgung von psychisch kranken Menschen in der Schweiz beseitigen.»

Psychologinnen sind schon heute unverzichtbar

Die Forderung steht schon lange im Raum. «Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychothera-peuten sind in der Psychotherapie genauso gut ausgebildet wie Psychiaterinnen und Psychiater», sagt Christoph Adrian Schneider, Präsident des Schweizerischen Berufsverbands für angewandte Psycho-logie (SBAP). Schon heute leisteten sie in Kliniken und Ambulatorien wichtige und wertvolle Arbeit. Aufgrund des Nachwuchsmangels bei den Psychiaterinnen und Psychiatern seien die psychologischen Fachkräfte unverzichtbar. Doch im ambulanten Bereich werden ihre Leistungen nur dann von der Grundversicherung vergütet, wenn sie unter ärztlicher Aufsicht erbracht werden.

„Das ist nicht zielführend und schränkt die Wahlfreiheit der Patientinnen und Patienten unnötig ein“, sagt Susanne Hochuli, Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz. Das Gesetz, das die Weiterbildung der Psychologinnen und Psychologen regelt, sei seit 2013 in Kraft, nun müsse es auch umgesetzt werden. Philippe Luchsinger, Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe) ergänzt: «Wir können viele Patienten nicht an Fachpersonen weiterleiten, weil nicht genügend Plätze vorhanden sind, die von der Grundversicherung bezahlt werden». Das Anordnungsmodell könne Abhilfe schaffen.

Wartefristen mit fatalen Folgen

Gabriela Rüttimann, Präsidentin der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychothera-peuten (ASP), betont: «Das heutige System schafft grosse Hürden im Zugang zur Versorgung für psy-chisch Kranke. Dies führt zu langen Wartefristen, und das ist für den Krankheitsverlauf fatal.» Studien zeigten, dass fast die Hälfte der Bevölkerung mindestens einmal im Leben eine psychische Krankheit erleidet. Wenn Krankheiten nicht frühzeitig behandelt werden, sei die Gefahr der Chronifizierung gross und das führe zu erheblichen Mehrkosten für das System. Der Schweizer Wirtschaft und den Sozialversicherungen entstünden durch psychische Krankheiten jährlich Kosten in Milliardenhöhe.

Die FSP und weitere Organisationen setzen sich seit langem für die Einführung des Anordnungsmo-dells ein. Das zuständige Eidgenössische Departement des Innern von Bundesrat Berset schiebt das Geschäft seit Jahren auf die lange Bank. Yvik Adler gibt sich kämpferisch: «Für uns sind die 94‘422 Unterschriften ein grosser Erfolg, da sie mit vergleichsweise wenig Aufwand und in kurzer Zeit ge-sammelt wurden. Das zeigt uns, dass das Anliegen von der Bevölkerung verstanden und mitgetragen wird. Wenn es nun nicht vorwärts geht, werden wir weitergehende Massnahmen wie Demonstrationen, Streiks oder eine Volksinitiative prüfen.» FSP-Co-Präsident Stephan Wenger ergänzt: «Die Behörden müssen nun endlich reagieren. Ein erleichterter Zugang zur Psychotherapie ist unerlässlich, und wir sind bereit, diese Lücke im Schweizer Gesundheitssystem zu schliessen.»

Fundierte Aus- und Weiterbildung

Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten absolvieren nach ihrem Masterstudium in Psychologie eine mindestens fünfjährige Weiterbildung. Die Aus- und Weiterbildung ist seit 2013 im eidgenössischen Psychologieberufegesetz geregelt, das einen neuen eidgenössischen Psychotherapie-Weiterbildungstitel einführt, der die Fähigkeit dieser Fachleute, Psychotherapien selbststän-dig durchzuführen, garantiert. Trotzdem werden die Leistungen der psychologischen Psychothera-peutinnen und Psychotherapeuten nur dann von der Grundversicherung übernommen, wenn die Therapie unter Aufsicht und in Verantwortung von spezialisierten Ärztinnen oder Ärzten in deren Räumlichkeiten durchgeführt wird. Dieses sogenannte Delegationsmodell war als Übergangsregelung gedacht, bis die Aus- und Weiterbildung der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten geregelt ist. Dies ist nun seit über fünf Jahren der Fall.

Kostentransparenz herstellen

Leistungen von psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden bereits heu-te von der Grundversicherung erstattet, sie erscheinen jedoch auf der Rechnung des delegierenden Arztes oder der delegierenden Ärztin. Diese Abrechnungsmethode ist kompliziert, intransparent und schafft unnötigen administrativen Mehraufwand. Der Wechsel vom Delegations- zum Anordnungs-modell bringt Kostentransparenz und -effizienz. Zudem erhöht das Anordnungsmodell die Wahlfrei-heit der Patientinnen und Patienten und trägt damit zur Qualitätssicherung bei.

Zugangshürden eliminieren

Das Schweizer Gesundheitssystem weist hohe Zugangshürden für psychisch erkrankte Personen auf. Die grösste Hürde bilden die Finanzierungsmodalitäten. Das Delegationsmodell wirkt wie ein Fla-schenhals und führt zu langen Wartefristen. Dabei ist bekannt: Je früher eine Behandlung einsetzt, desto wirksamer ist sie. Diese Missstände müssen rasch korrigiert werden – nicht behandelte psychi-sche Störungen führen zu chronischen Leiden, belasten das Sozialsystem und wirken sich negativ auf das Umfeld der Betroffenen aus.

Für Rückfragen:

Medienstelle FSP, 031 388 88 48, media [at] fsp.psychologie.ch

Filmmaterial: Für Medienschaffende steht frei nutzbares Bild- und Filmmaterial bereit: Filme: www.mydrive.ch, Benutzer: fspmedia [at] santemedia.ch, Password: fspmedia  

Das heutige Modell: Delegierte Psychotherapie Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeu-ten erbringen ihre Leistungen als Angestellte in einer Arzt-praxis unter Aufsicht und in der Verantwortung des delegie-renden Arztes, der die Leistung nach TARMED mit der Grundversicherung abrechnet. Dieser Flaschenhals führt zu unnötigen Wartezeiten und Versorgungslücken. Die Forderung: Das Anordnungsmodell Ärztinnen und Ärzte müssen eine Psychotherapie anordnen. Psychologinnen und Psychologen mit einem Weiterbildungs-titel in Psychotherapie erbringen die Leistung in der Folge selbständig und in eigener Verantwortung und rechnen die Leistungen mit der Grundversicherung direkt ab. Der rechtzeitige Zugang zur Versorgung ist sichergestellt.

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) wurde 1987 gegründet und ist der grösste Berufsverband von Psychologinnen und Psychologen in der Schweiz. Sie zählt heute rund 8000 Mitglieder und besteht aus 46 Gliedverbänden. Die FSP ist eine aktive, politische und gesell-schaftliche Kraft im Dienste der psychischen Gesundheit, der persönlichen Entwicklung und der Leis-tungsfähigkeit aller.

Weitere Informationen zur Petition: www.huerden-abbauen.ch

Die Petition wurde unterstützt von: Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychothera-peuten (ASP), Coordination Romande des Associations d'Action pour la Santé Psychique (CORAASP), Dachverband der Schweizer Psychologiestudierenden (psyCH), Dachverband Schweizerischer Patien-tenstellen, Haus- und Kinderärzte Schweiz (MFE), Pro Juventute, Pro Mente Sana (PMS), Pro Senectu-te, Schweizerischer Berufsverband für Angewandte Psychologie (SBAP), Schweizerisches Konsumen-tenforum kf, SPO Patientenschutz, VASK Schweiz Dachverband der Vereinigungen von Angehörigen psychisch Kranker

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