Psilocybin macht Gehirn flexibler: Alternative zu Antidepressiva?

Joël Frei
Forschung
Verband
In den letzten Jahren ist verstärkt daran geforscht worden, ob Psychedelika bei einer Reihe von Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Cluster-Headaches helfen könnten. Nun liegt eine neue Studie zu Depressionen vor.

Eine Forschungsgruppe um den britischen Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris vom Imperial College London konnte zeigen, dass das in sogenannten Zauberpilzen enthaltene Psilocybin bei depressiven Menschen die Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnregionen fördert und sie so von lang anhaltenden Denkmustern des Grübelns und der übermässigen Selbstbezogenheit befreit.

Die Resultate deuten auf einen allgemeinen Mechanismus hin, durch den Psychedelika therapeutisch auf das Gehirn einwirken können, um Depressionen und möglicherweise andere psychische Störungen, die durch festgefahrene Denkmuster gekennzeichnet sind, zu lindern.
Die Forschenden analysierten fMRI-Gehirnscans von fast 60 Personen, die an zwei Psilocybin-Studien teilgenommen hatten.

In der ersten Studie litten alle Testpersonen an einer behandlungsresistenten Depression und wussten, dass sie Psilocybin erhalten würden. In der zweiten Studie waren die Teilnehmer zwar depressiv, aber nicht schwer, und es wurde ihnen nicht gesagt, ob sie Psilocybin oder ein SSRI-Antidepressivum erhielten.

Die vor und nach der Behandlung durchgeführten Hirnscans zeigten, dass die Psilocybin-Behandlung einerseits die Verbindungen innerhalb der Hirnregionen, die in einer Depression eng vernetzt sind, reduzierte. Andererseits verstärkte Psilocybin die Verbindungen zu anderen Hirnregionen, die nicht gut integriert waren. Zudem waren die Testpersonen weniger gefühlsvermeidend und ihre kognitiven Fähigkeiten verbesserten sich. Die Verbesserung ihrer depressiven Symptome korrelierte mit den Veränderungen in ihrer Gehirnaktivität, und diese hielten an, bis die Studie drei Wochen nach der zweiten Psilocybin-Dosis beendet wurde. In den Gehirnen derjenigen, die ein Antidepressivum erhielten, wurden keine derartigen Veränderungen festgestellt, was darauf hindeutet, dass Psilocybin anders auf das Gehirn wirkt. 

Die Forschenden warnen, dass diese Ergebnisse zwar ermutigend sind, depressive Patientinnen und Patienten aber nicht versuchen sollten, sich selbst mit Psilocybin zu behandeln. Die Versuche fanden unter kontrollierten, klinischen Bedingungen statt, wobei eine regulierte Dosis verwendet wurde und eine umfassende psychologische Betreuung vor, während und nach der Einnahme erfolgte.

Die Studie deutet auf einen Mechanismus hin, der erklären könnte, wie Psilocybin zur Linderung von Depressionen und möglicherweise anderen psychischen Störungen beiträgt. «Zum ersten Mal konnten wir zeigen, dass Psilocybin anders wirkt als herkömmliche Antidepressiva: Es macht das Gehirn flexibler, fluid und weniger verhaftet in den negativen Denkmustern, die mit Depressionen einhergehen», schreibt Mitautor David Nutt. Die Resultate der Studie würden bestätigen, dass Psilocybin ein echter alternativer Ansatz für die Behandlung von Depressionen sein könnte.

Daws, R., Timmermann, C., Giribaldi, B., Sexton, J., Wall, M., Erritzoe, D., Roseman, L., Nutt, D., & Carhart-Harris, R. (2022). Increased in the brain after psilocybin therapy for depression. Nature Medicine. doi: 10.1038/s41591-022-01744-z

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