Psychoscope-Blog – Cybersex and the sense of feeling real

Miriam Vogel
Forschung
Psychoscope-Blog
Verband
Agatha Merk, Lehranalytikerin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) in Zürich, stellte 2021 am 33. Jahreskongress der European Psychoanalytic Federation (EPF) zum Thema “Realities” unter dem Titel “Are you a robot? - CYBERSEX and the sense of feeling real” überraschend klare Analysen zur Vielfalt der psychischen Wirkung von Internet-Sexualität vor – dies ein junges weltumspannendes Phänomen.

Als komplexe, simulierte Realität (Lemma 2019) verstanden, kann der Cyberspace grundsätzlich jede denkbare emotionale Reaktion erzeugen – sogar eine blockierte, nicht wahrnehmbare, so dass man sich wie ein Roboter fühlt. Agatha Merk veranschaulicht in Ihrem Vortrag an Beispielen aus Popkultur, Film, Alltagssituationen und der eigenen Praxis diese Vielfalt an kognitiv prägenden und emotional überwältigenden Reaktionen und schlüsselt deren psychische Auswirkung auf anhand der Konzepte zur psychischen Realität von Winnicott (1971) und Loewald (1951). 

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Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
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Historisch betrachtet sind die Grenzen dessen, was als sexuell erlaubt, erwünscht, erregend, anstössig oder verboten gilt, historisch und kulturell in permanenter Bewegung. Das Internet hat den Pornografiekonsum zweifelsohne gefördert, sei es die Internetpornografie oder den interaktiven Cybersex in Chats und Dating-Portalen. Cooper (1998) beschreibt das Internet als Triple A-Engine mit Accessibility, Affordability, Anononymity. Dieser Motor ist ein besonderer Wegbereiter der Sucht, denn in der Sucht regrediert die Psyche – Scham und Überich-Konflikte werden aufgehoben. So ist auch der Konsum von der als illegal eingestuften Pornografie mit Kindern immens angestiegen.  

Als Herausgeberin gibt Agatha Merk in ihrem Buch „Cybersex – Psychoanalytische Perspektiven“ (2014) eine sorgfältige Themen-Einführung zu fünf Kapiteln: Metapsychologische Konzepte – Falldarstellungen psychoanalytischer Behandlungen – Entwicklungspsychologie – Sexualwissenschaft und Forensik – Kulturwissenschaft. Darin finden sich die Vorträge der Analytiker und Forscher, welche die Thematik an den „Psychoanalytischen Arbeitstagen Zürich“ des Freud-Instituts Zürich während dreier Jahre kontrovers diskutiert haben – Ilka Quindeau, Heinz Müller-Pozzi, Thomas Umbricht, Natalia Erazo, Rotraut De Clerk, Michael Günter, Martin Danneker, Jerôme Endrass, Astrid Rossegger, Bernd Borchard, Reimut Reiche und Michael Pfister. 

Agatha Merk analysiert psychische Vorgänge im Internetkonsum mit Theorieansätzen von Winnicott. Der Suchtaspekt bedeutet den Verlust des für die psychische Identität notwendigen „Übergangsraums“ (Winnicott 1971). Dies bedeutet ein Scheitern an der Aufgabe, eigene Fantasien mit einer äusseren, in bedeutungsvollen Beziehungen gelebten Realität in Verbindung zu bringen und zugleich von dieser getrennt zu halten. Insbesondere unter den Bedingungen körperlicher Erregung kann sich die Destruktivität einer solchen Gleichsetzung von Aussen und Innen als Gewalthandlung gegen sich selbst und/oder andere manifestieren. Dadurch kann eine real erfahrene, jedoch schwer zugängliche Traumatisierung - ein „frozen drama“ (Moser 2013) – fixiert und verschärft werden. 

Die Buchautoren prüfen mit Untersuchungsmethoden empirischer Forschungsdesigns, Einzelfallanalysen psychoanalytischer Behandlungen, Konzeptforschung und Kultur- und Literaturanalyse folgende Hypothesen: Pathologie fördernde und Entwicklung stützende Auswirkungen der Informationstechnologien und der Internetpornografie bei Jugendlichen und Erwachsenen – Generierung neuer sexueller Formen und Wünsche – Fakten zu Pornografiekonsum und (sexueller) Aggression – Vier Formen der Erzeugung, Kommunikation und Abfuhr von sexueller Erregung – Beziehung zwischen Wirklichkeit und Fantasie in der Mainstreampornografie und in der Pornosophie von de Sade. 

Herausragende Ergebnisse sind: 

  • Technologien verändern nicht nur, was wir tun, sondern auch, wie wir denken. 
  • Cybersex unterstützt den psychischen Vorstellungsraum zu erotischen Empfindungen. 
  • Cybersex wird geschlechtsspezifisch praktiziert. 
  • Cybersex provoziert mit Erregungsstimulierung und reduzierter sozialer Kontrolle Suchterkrankungen. 
  • Sexuelles Suchtverhalten schädigt zwischenmenschliche Beziehungen und verstärkt das Gewaltpotential, wie es bei Sucht bekannt ist. 
  • Der Zusammenhang zwischen Pornografiekonsum und Aggression trifft vorwiegend auf Personen mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften zu, die diese auch ohne Konsum von Pornografie zu Sexualstraftätern prädisponieren. 
  • Verheiratet sein ist ein Schutzfaktor gegen Konsum von Kinderpornografie. 
  • Ausbildungsdefizite sind für Gewalt- und Sexualstraftäter in der Schweiz kein charakteristisches Merkmal. 

Agatha Merk und die Buch-Mitautoren räumen mit einigen Vorurteilen und Fehlschlüssen zu den psychischen Auswirkungen von Cybersex auf. Sie eröffnen stattdessen eine präzisere Sicht auf ein Vielfaches an erforschten unbewussten Zusammenhängen. 
 

Literatur

Cooper, A. (1998). Sexuality and the Internet: Surfing into the new millenium. Cyberpsychology & Behaviour, 1(2), 181-187.

Lemma, A. (2019). Der schwarze Spiegel. Sexuell werden im digitalen Zeitalter. Psyche – Z Psychanal, 73(3), 644-672.

Loewald, H.W. (1951). Ego and Reality. Int. J. Psycho-Anal., 32, 10-18.

Merk, A. (in press). Are you a robot? Cybersex and the sense of feeling real. European Psychoanalytic Federation, Congress “Realities” 2021.

Merk, A. (2014). Cybersex – Psychoanalytische Perspektiven. Giessen: Psychosozial.  

Moser, U. (2013). Was ist eine Mikrowelt? Psyche – Z Psychoanal, 67(5), 401-431.

Winnicott, D. W. (1971). Playing and Reality. London (Tavistock). Dt.: Winnicott, D.W. (1995): Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta. 
 

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