Psychoscope-Blog: das Good Lives Model

Françoise Genillod
Forschung
Psychoscope-Blog
Verband
Die Grundlagen des GLM und die Desistenz bieten eine therapeutische Referenz, die auf die Person, deren Bedürfnisse und Ressourcen bezogen ist, gleichzeitig aber auch das Präventions- und Rezidivprinzip berücksichtigt.
Bild
Françoise Genillod-Villard
Psychologin FSP-SGRP, Kriminologin, Beraterin
/francoise-genillod-villard

Dies ergibt sich aus einer Studie, in der das GLM als unterstützende Referenz für die Therapie minderjähriger Sexualstraftäter herangezogen wird. Das GLM wird dort als ein Modell präsentiert, das sich auf elf Arten von «menschlichen Grundbedürfnissen», deren Identifizierung sowie die Entwicklung interner und externer Ressourcen des Betroffenen konzentriert und gleichzeitig auf die Reduzierung der Anzahl von Risikofaktoren abzielt.


Bei der Desistenz liegt der «Schwerpunkt auf den Veränderungsprozessen, die den Lebensweg eines Menschen, seine Umorientierungsmöglichkeiten und seine identitätsbezogenen und sozialen Transitionen steuern». Die Desistenz setzt an zwei Stellen an: bei der «Handlungsfähigkeit», d. h. bei der Möglichkeit zu handeln und die Kontrolle über sein Leben wiederzuerlangen, was eine identitätsbezogene Veränderung voraussetzt, und bei der Hoffnung auf ein besseres Leben, die auf dem Konzept des Vertrauens und des Glaubens an sich selbst beruht, die eigenen Ziele erreichen zu können. Die Begleitung stützt sich auf den Ausstieg aus der Straffälligkeit und konzentriert sich auf die Fähigkeiten und Ressourcen der betroffenen Person sowie darauf, dass das persönliche Umfeld den Wiedereingliederungsprozess anerkennt. Was den letzten Punkt betrifft, spielt der Therapeut eine wichtige Rolle, denn die Beziehungsqualität, die therapeutische Allianz und das Engagement des Therapeuten sind entscheidend für die Überwindung der Schwierigkeiten und für die Förderung des Ausstiegs.


Wie der Ausstieg aus der Straffälligkeit basieren auch die Grundlagen des GLM auf einer positiven Einstellung gegenüber Veränderungen, bei der eher auf die Ressourcen des Betroffenen als auf die Risiken abgestellt wird. Gemäss GLM sind Straftaten allgemein wie auch Sexualstraftaten als eine Strategie anzusehen, die sich nicht zur Erfüllung der Grundbedürfnisse eignet. Die Begleitung legt den Schwerpunkt auf das Erlernen prosozialer Strategien, die Bedürfnisbefriedigung und Wohlergehen fördern und Kriminalität faktisch weniger attraktiv machen. Um Zugang zu den Primärbedürfnissen zu erhalten, greift der Betroffene auf Sekundärbedürfnisse zurück.


Die Autoren weisen Ähnlichkeiten zwischen dem GLM und dem Ausstieg aus der Straffälligkeit nach: positive Einstellung Veränderungen gegenüber, Erkennen der Bedürfnisse, aktive Verantwortungsübernahme durch den Täter, Mobilisierung und Kompetenz des beruflichen und privaten Netzwerks. Als klinisches Beispiel für die praktische Anwendung des GLM mit einigen spezifischen Anpassungen für Jugendliche wird der 15-jährige François angeführt. Er wurde von G-map behandelt, einer auf jugendliche Sexualstraftäter in Manchester spezialisierten Organisation. Die Behandlung erfolgt bei G-map schrittweise: Zunächst werden die Bedürfnisse ermittelt und anhand eines angepassten Schemas in die folgenden Kategorien klassifiziert: mich amüsieren, mich verwirklichen, unabhängig leben, ein Umfeld besitzen, ein Ziel haben, Dinge verändern, in guter emotionaler, sexueller und körperlicher Gesundheit sein. Diese Einstufung umfasst auch die Problemformulierung und die Reflexion über die Hypothesen des (sexuellen) Problemverhaltens. Im Anschluss daran werden in semistrukturierten Gesprächen, die auf die Erstellung des Good Lives Plan abzielen, die Bedürfnisse ermittelt. Die Mittel für die Zielerreichung müssen auf den Jugendlichen zugeschnitten, realistisch und messbar sein. Dies macht auch Zwischenerfolge möglich und stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.


Dieser klinische Versuch ist laut den Autoren der Nachweis dafür, dass die Grundlagen des GLM und die Desistenz eine therapeutische Referenz bieten, die auf die Person, deren Bedürfnisse und Ressourcen bezogen ist, gleichzeitig aber auch das Präventions- und Rezidivprinzip berücksichtigt. Die Forschung zur Desistenz bei minderjährigen Sexualstraftätern und zur Wirksamkeit des GLM ist zwar noch spärlich gesät, aber um die Behandlungspraxis an die neuen Werkzeuge anpassen zu können, wäre es sinnvoll, sich mit den bereits vorhandenen Erkenntnissen auseinanderzusetzen.
 

Glowacz, F., Puglia, R. & Devillers, B. (2020). Mineurs judiciarisés pour délits sexuels : soutien de la desistance par le Good Lives Model. Criminologie, 53 (1), 127-149. https://doi.org/10.7202/1070504ar 

Kommentare

Kommentar hinzufügen