Psychoscope-Blog – Das Kind im Krankenhaus: Gefahren psychischer Fragmentierung

Miriam Vogel
Psychoscope-Blog
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Kai von Klitzing, Professor für Kinderpsychiatrie Universität Leipzig, weist psychische Risikofaktoren für Kinder in hochspezialisierten Klinikstrukturen nach – und zeigt Lösungen auf.

Keywords: Psychosomatik, Entwicklungstheorie und Ich-Spaltung, Kinder- und Jugendmedizin, Psychoanalyse interdisziplinär

Psychosomatische Phänomene in Kindheit und Jugendalter wie Essstörungen ab Säuglingssalter bis Adoleszenz, Schmerzsyndrome wie Pseudokrupp, Asthma und Colitis Ulcerosa, u. a. m.: In der hochspezialisierten Wissenschaftlichkeit der Kindermedizin ist der Arzt „konfrontiert mit einer Breite von dynamischen biologischen, psychologischen und sozialen Phänomenen, welche gesunde und pathologische Prozesse beeinflussen“. Dies schreibt in einem neuen Fachartikel Kai von Klitzing, Professor für Kinderpsychiatrie Universität Leipzig, Forschungsleiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters der Universitätsklinik Leipzig, Ausbildungsanalytiker der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) (von Klitzing 2021, S. 17).

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Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
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Doch weder in der medizinischen Ausbildung noch im psychoanalytischen Training wird viel Wert auf Interdisziplinarität und Umgang mit Spaltungsprozessen in medizinischen Teams gelegt. Die verbreitete Auffassung, dass Symptome entweder somatische oder psychische Prozesse ausdrücken, ist jedoch wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen (Winnicott 1966, de M’Uzan 1977, Press 2017). 

Winnicotts zentrale Hypothese ist, „dass das Charakteristische der psychosomatischen Krankheit nicht so sehr in den somatischen Symptomen liegt, sondern vielmehr in einer organisierten Abwehr, einer Spaltung in der Ich-Organisation des Patienten, welche die somatische Dysfunktion“ von überwältigend befürchteten Affekterregungen „in der Psyche getrennt hält“ (S. 19). 
 

Beispiel:

Trotz hervorragender Behandlungstechniken für die Behandlung von Säuglingen mit Ösophagutatresien (häufigre, angeborener Speiseröhrenverschluss) „weisen die Kinder nach solchen Operationen überproportional häufig erhebliche Trink- und Essstörungen auf, was die Chirurgen oft frustriert“ (S. 18). Meist isst und trinkt das Kind nicht im Rahmen einer posttraumatischen Störung oder infolge einer beeinträchtigten Eltern-Kind-Beziehung, induziert durch die organische Problematik. 
So können bedeutungsvolle Erfahrungen von existenzieller Bedrohung und Vernachlässigung die psychosomatische Einheit des sich in Entwicklung befindlichen Selbst eines Kindes in eine psychische Fragmentierung führen. (
Weitere Beispiele zu einem Kleinkind und Kindern in der Pubertät finden sich in von Klitzings englischsprachiger Arbeit 2021).

Psychoanalytiker als Teil von medizinischen Teams haben daher zwei Aufgaben: 
Erstens das Einbringen von umfassendem und integrativem Verständnis vorhandener psychischer Probleme eines somatischen Patienten. Dabei geht es nicht darum, die Patienten zu bemuttern, sondern sie vor einem Überschuss an Erregung zu schützen, welche sie nicht mithilfe von Phantasien und Denkprozessen psychisch metabolisieren können. Zu dieser interpretierenden Aufgabe gehört auch, „Spaltungstendenzen und Desintegration in medizinischen Behandlungsteams entgegenzuwirken und Interesse an dem psychosomatischen Zusammenhang zu erwecken“ (S. 7). Zweitens das in Gang bringen hilfreicher psychotherapeutischer Prozesse für den Patienten, eingebettet in einen integrierten psychosomatischen Behandlungsplan. „In der psychoanalytischen Behandlung sollte die psychosomatische Symptombildung als Abwehrbewegung anerkannt, aber auch die lebensbejahende Hoffnung des psychosomatisch Kranken gesehen werden, der mit allen Mitteln versucht, den Körper wieder in sein mentales Leben hineinzuziehen“ (S. 7).    
 

Literatur

M’Uzan, M. (1977). Zur Psychologie der psychosomatisch Kranken. Psyche, 4, 318-332.

Press, J., Bobos, F., Frommer, J., Perris-Myttas, M., Schmid-Gloor, E., Senarclens, B., & Temple, N. (2019). Experiencing the body: A psychoanalytic dialogue on psychosomatics. London: Routledge.

von Klitzing, K. (2021). Körper – Seele – Entwicklung. Psychoanalytische Theorien zur Psychosomatik. Kinderanalyse, 1, 7-24.

von Klitzing, K. (2021). «Our difficult job is to take a unified view of the patient …” (Winnicott). Psychosomatic work in a children’s hospital. International Journal of Psychoanalysis, 1, 91-108.

Winnicott, D.W. (1966). Psychosomatic illness in its positive and negative aspects. International Journal of Psychoanalysis, 4, 510-516. 
 

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