Psychoscope-Blog – Delinquenz: Präventionsmassnahmen schon im Kleinkindalter
Obwohl Jugenddelinquenz multifaktoriell ist, konnte die Forschung einige Risikofaktoren ermitteln. Diese können individuell sein (geringe Selbstkontrolle, mangelnde Aufmerksamkeit, ausgeprägte Impulsivität, Produktkonsum und geringe Konfliktlösungskompetenz), familiär (Opfer von Gewalt, Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch; unangemessener Erziehungsstil der Eltern wie inkonsequente Sanktionen, Ermutigung zu antisozialen Verhaltensweisen, mangelnde Würdigung prosozialer Verhaltensweisen, fehlende elterliche Kontrolle; Kriminalität von Eltern oder Geschwistern), schulisch (schulisches Versagen, mangelnde sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Viktimisierung im schulischen Umfeld), zwischenmenschlich (Kontakt zu delinquenten Gleichaltrigen) oder umweltbedingt (Leben in Wohngebieten, die als benachteiligt angesehen werden; soziale Ungleichheiten, fehlende Berufsaussichten, soziale Isolation).
Präventionsprogramme müssen die Erkenntnisse aus den verschiedenen Forschungsarbeiten berücksichtigen. Zudem müssen sie wissenschaftlich evaluiert werden, um herauszufinden, welchen Einfluss sie auf die Prävention haben. Studien zufolge darf die jeweilige Massnahmen nicht zu lange dauern und nicht zu intensiv sein. Ausserdem gilt: Je eher Präventionsmassnahmen eingeführt werden, desto weniger hoch sind die materiellen und immateriellen Kosten der Kriminalität.

Welche Programme sind am wirkungsvollsten?
Der Beitrag verweist auf mehrere Arten von Präventionsprogrammen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich validiert wurde. Da sind einmal diejenigen, die auf allgemeine Prävention abzielen, wie die empathische Erziehung und die Förderung positiver Eltern-Kind-Interaktionen.
Dies sind Schutzfaktoren, die die kindliche Entwicklung fördern.
Bei Programmen mit Fokus auf den familiären Bereich geht es um die Vermittlung erzieherischer Kompetenzen in Form von Beratung und Coaching durch Fachpersonen. Zu nennen wäre auch die Unterstützung schwangerer Frauen durch Hausbesuche, die helfen, elterliche Kompetenzen zu stärken. Diese Form von Betreuung wirkt sich positiv auf die elterlichen Kompetenzen aus, fördert die kognitive und soziale Entwicklung der Kinder und trägt zu einer Abnahme der Missbrauchsfälle bei. Auch Präventionsprogramme, die sich an misshandelnde Eltern richten, sind sinnvoll.
In der schulischen Prävention zielen die wirkungsvollen Programme darauf ab, soziale Kompetenzen zu verbessern – ein wichtiger Faktor für das Leben in Gesellschaft. Dabei geht es vor allem darum, das Bewusstsein für die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer zu schärfen, Empathie in verschiedenen Situationen zu trainieren, sich Strategien zur Konfliktlösung sowie Techniken zur Stressbewältigung und Selbstkontrolle anzueignen. Auf institutioneller Ebene geht es darum, in der Schule den Fokus auf das Sicherheitsgefühl zu legen, positives Verhalten unter den Schülerinnen und Schülern sowie Respekt und Toleranz zu fördern und gleichzeitig darauf zu achten, gewalttätiges Verhalten nicht durchgehen zu lassen. Auch Mobbingprävention sollte eine wichtige Rolle spielen.
Schulspezifische Programme konnten sich ebenfalls bewähren, wie zum Beispiel Prävention als Peer-to-Peer-Projekt. Hierbei werden Schülerinnen und Schüler selbst in der Prävention tätig. Sie erlernen Techniken zur Konfliktlösung, Mediation und Verhandlung, um bei kleineren Zwischenfällen direkt eingreifen zu können.
Auf der Gemeinschaftsebene verweist der Beitrag darauf, dass soziale Durchmischung, das Mischen der Generationen in öffentlichen Räumen, um zu vermeiden, dass diese ganz von delinquenten jungen Menschen mit Beschlag belegt werden, verstärkte Polizeipräsenz in den am stärksten gefährdeten Gebieten, Hilfe für Migrantinnen und Migranten beim Verständnis von Schul- oder Justizsystem, um Integration und sozialen Zusammenhalt zu fördern (kulturelle Mediation und Mediation innerhalb der Gemeinschaft) einen positiven Effekt auf Delinquenz und Kriminalität haben.
Auch organisierte sportliche oder künstlerische Aktivitäten können sich positiv auswirken, weil die Jugendlichen hierbei von Erwachsenen angeleitet werden. In besonders benachteiligten Quartieren helfen Patenschaften und Mentoring, mit denen Kinder und Jugendliche im Alltag unterstützt werden. Hier gilt es, diese «grossen Brüder» im Vorfeld zu schulen und ein Auge auf die Bildung der Tandems zu haben.
Auf dem Gebiet der Therapie geht es bei den wirkungsvollen Techniken im Wesentlichen um die Arbeit an antisozialen Verhaltensmustern, die Förderung eines konstruktiven Umgangs mit Wut, die Anerkennung der Perspektive anderer und die Entwicklung der Fähigkeit zu kritischem Denken.
Studie
Haymoz, S. (2022). Délinquance juvénile et prévention: entre défis et prudence. Dans Genillod F./Graf M./Keller S./Oberholzer N./Fink D. (éd). De la répression à la prévention: logiques antagonistes ou complémentaires? Actes du colloque du Groupe Suisse de criminologie tenu les 25 et 26 août 2021 à Interlaken (p. 105-121). Helbing Lichtenhahn.
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