Psychoscope-Blog – Die Klimakrise aus der Sicht der Psychoanalyse (Teil 1)

Miriam Vogel
Forschung
Psychoscope-Blog
Verband
Sally Weintrobe, Psychoanalytikerin der British Psychoanalytical Society, analysiert in „Psychological Roots oft he Climate Crisis“ vernichtende psychologische Mechanismen – anschaulich, klar und nachvollziehbar. Die International Psychoanalytic Association (IPA) verlieh ihr für ihr Engagement den «IPA Community Award 2021».

Keywords: Klimakrise, destruktive psychische Mechanismen, Psychoanalyse, Wissenschaft

Seit Freud (1911, 1917, 1920, 1921, 1925a, 1925b, 1930, 1933, 1938) sind destruktive psychische Mechanismen bekannt. In der Nachfolge haben kleinianische Psychoanalytiker wie Bion, Steiner und Hering das Paradox analysiert, wie egozentrische Allmachtsbedürfnisse, gepaart mit Rücksichtslosigkeit, im Unbewussten zu Schuldgefühlen führen – ohne Wiedergutmachungsbestrebungen. Stattdessen wird die Schuld mit zunehmender Wut nach aussen projiziert und nährt so zunehmende Destruktion, auch bei den Involvierten – immer noch unbewusst und daher kaum steuerbar. 

Bild
 
Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
/miriam-vogel

Laut Weintrobe werden diese destruktiven psychischen Mechanismen zusätzlich befeuert durch ökonomischen Gewinn, sichtbar in gesellschaftlichen Entwicklungen aller Kulturepochen, weltweit. Sozial entstehen dadurch zwei dominante Haltungen, die Selbstüberhöhung im „exceptionalism“, also im sich auserwählt und über allen und allem erhaben fühlen, verzahnt mit einer „culture of uncare“. Weintrobe hält uns dazu auf 332 Seiten zahlreiche, uns allen bekannte Beispiele mit ihrem psychoanalytischen Blick vor Augen. 

Aus der unheilvollen individuell-gesellschaftlichen Wechselwirkung hat sich mit dem technologischen Fortschritt eine erdumfassende Vernichtungsmaschinerie entwickelt. Sie richtet sich gegen uns Menschen und gegen die natürlichen Lebensgrundlagen aller Lebewesen. Aber wir sind blind und taub für diese psychischen Mechanismen und ihre lebensvernichtenden Auswirkungen, obwohl sie seit Jahrzehnten in vollem Gange sind – nicht mehr steuerbar?

Die gesellschaftlichen Verhaltensveränderungen für eine „culture of care“ erfordern ein Einsehen von uns allen.

Weintrobe analysiert diese destruktiven Mechanismen unter Anwendung der Methode des „Junktims“ (Freud 1927), das Wissenschaftsprinzip der Psychoanalyse: Fragestellung, Selbstbeobachtung, Analyse auf der Grundlage von überprüftem psychoanalytischem Wissen, Einsicht und Verhaltensänderung (Ebene Individuum) und Anpassung bisheriger Konzepte (Ebene Wissenschaft), weitergehende Fragestellung usw. Sie wendet diese Analysemethode auf sich selbst in ihrem Alltag an, ebenso wie auf bekannte Persönlichkeiten und Gruppenphänomene in Firmen, Gemeinschaften und politischen Systemen. 

Die gesellschaftlichen Verhaltensveränderungen für eine „culture of care“ erfordern ein Einsehen von uns allen. Laut Weintrobe geht das nur durch emotionale Einsicht und interdisziplinäre Zusammenarbeit – für Mai Thi Nguyen-Kim (2021) die einzig sinnvolle wissenschaftliche Prüfmethode auf der Basis der „kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit“. Weintrobes Buch liest sich im Nu, selbst im Original ihrer englischen Sprache. Und Weintrobe überzeugt. 
 

Literatur

 
Freud, S.:

  • Zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. 1911, GW 8, 229-238.
  • Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. 1917, GW 12, 1-12.
  • Jenseits des Lustprinzips. 1920, GW 13, 1-69.
  • Die Verneinung. 1925a, GW 14, 9-15. 
  • Die Widerstände gegen die Psychoanalyse. 1925b, GW 14, 97-110.
  • Nachwort zur «Frage der Laienanalyse». 1927, GW 14, 293-294.
  • Das Unbehagen in der Kultur. 1930, GW 14, 419-506.
  • Warum Krieg? 1933, GW 16, 11-27.
  • Die Ich-Spaltung im Abwehrvorgang. 1938, GW 17, 25-44.

Ngueyen-Kim, M.T. (2021). Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel? Die grössten Streitfragen wissenschaftlich geprüft. München: Droemer. 

Weintrobe, S. (2021). Psychological Roots of the Climate Crisis. New York: Bloomsbury
 

Kommentare

Kommentar hinzufügen