Psychoscope-blog – Die Kunst der forensischen Risiko-Einschätzung

Miriam Vogel
Forschung
Psychoscope-Blog
Verband
Terror-, Gewalt- & Sexualstraftäter: Wie kann eine kurz bevorstehende Umsetzung der Tat vorhergesagt werden und wie soll man mit den Delinquenten umgehen?

Das brennende Fachinteresse für die Forensik wird in Zürich jährlich am Internationalen Symposium Forensische Psychologie & Psychiatrie (ISFPP) im World Trade Center Zürich gestillt, so auch letztes Jahr und dieses Jahr. Im Mai 2020 gibt es zusätzlich Gelegenheit dazu an der ZÜPP-Generalversammlung des Kantonalverbands der Zürcher Psychologinnen und Psychologen mit dem Vortrag „Beurteilung der Ausführungsgefahr angedrohter Gewalt“ von Prof. Dr. phil. Jerôme Endrass, Rechtspsychologe, eidg. anerkannter Psychotherapeut, Stabschef des Zürcher Amtes für Justizvollzug, Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität Konstanz, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtspsychologie. 

Bild
Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
/miriam-vogel

Die fachlich spezialisierte Grundlage für Risikoeinschätzungen von Terror-, Gewalt- & Sexualstraftätern ist FOTRES, das Forensisch Operationalisierte Therapie- und Risiko-Evaluations-System von Prof. Dr. med. Frank Urbaniok, ehemaliger Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Zürcher Amts für Justizvollzug und  Mitglied der Geschäftsleitung. Urbaniok hat dieses international anerkannte Instrument und Lehrbuch für eine operationalisierte dynamische Diagnostik, Behandlung und Prognostik zur kontinuierlichen Risikobeurteilung von Straftätern, für die Gutachtenerstellung und für die Durchführung von risikosenkenden Therapien erschaffen. Im Unterschied zur weniger aussagekräftigen statischen Test- und ICD-Diagnostik beträgt die Treffsicherheit des FOTRES-Systems bis zu 70%. 

Diagnostik & Prognostik
Urbaniok unterscheidet Persönlichkeits- und Situationstäter und ermittelt zu ersteren das Basis-Risiko. Mit über 100 exakt beschriebenen Risiko-Eigenschaften, welche in Wechselwirkung und je nach Ausprägung die Gefährlichkeit verstärken oder reduzieren, ermöglicht das FOTRES-System individuelle und typenspezifische Differenzierungen – zu jedem Zeitpunkt. Mit FOTRES kann das Rückfall-Risiko jederzeit genau eingeschätzt werden – ohne FOTRES jedoch nicht, wie der jüngste Fall in Solothurn zeigt. 
 

Bei Schizophrenie ist das Risiko zu Gewalt und Sexualdelikten um ein Vielfaches erhöht, „wobei der Befund so robust ist, dass ... andere potentielle Einflussfaktoren das Ergebnis nicht verändern“.

Therapie
Die Therapierbarkeit der Täter ist generell abhängig davon, ob eine Verantwortungsübernahme und eine gezielte Selbstkontrolle entwickelt werden können – auch bei psychiatrischen Krankheitsbildern wie Schizophrenie, Sucht, Angst und Depression, posttraumatische Belastungsstörung, narzisstische Störungen, Zwangserkrankungen und Delinquenz. Urbaniok bezeichnet seine Therapiemethode als „deliktorientierte Behandlung“. Sie gilt heute in der Forensik als „state of the art“. Die zentralen Behandlungstechniken orientieren sich am sogenannten „Deliktmechanismus“, d.h. an der szenischen Rekonstruktion von Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen während des Delikthergangs – der „Deliktrekonstruktion“ – und an der „Delikt-Teil-Arbeit“. Die Deliktrekonstruktion ist jedoch mit Straftätern, die an Schizophrenie oder PTBS erkrankt sind, nicht möglich, da sich bei Ihnen paranoide Vorstellungen und faktische Realität vermischen.

Dem nicht-psychotischen Straftäter ermöglicht die therapeutische Arbeit mit dem zentralen Deliktteil, einen Teil der automatisiert, unbewusst bzw. bewusstseinsfern ablaufenden Kognitionen, Wahrnehmungen und Reaktionsmuster in alltäglichen risikorelevanten Situationen frühzeitig zu erkennen und hierauf mit therapeutisch trainierter Selbstkontrolle risikovermindernd Einfluss zu nehmen. Urbaniok bezieht sich dabei auf die Schematherapie der Verhaltenstherapie und auf die Mentalisierungsbasierte Therapie der Psychoanalyse. Die Delikt-Teil-Arbeit eignet sich sehr gut für das langfristige Risikomanagement. 

Risiko-Einschätzung und -Management: Welche Interventionen helfen (nicht)?
Aufbauend auf FOTRES hat Endrass mit OCTAGON sowohl für Laien als auch für Fachpersonen und Massnahme-Institutionen ein internetbasiertes Bedrohungsmanagement entwickelt. Zu einem Täter können damit zu jedem Zeitpunkt das spezifische Rückfallrisiko eingeschätzt und passende deeskalierende Massnahmen gezielt angewendet werden. Anhand von acht Dimensionen und einer vierteiligen Gewalttypologie mit 10 Geboten gibt es basale Interventionsempfehlungen sowohl individuell als zu auch generell zu vier Gewalttypologien _ Dissozialität, Substanzmissbrauch, Psychische Erkrankung, Situationsbelastung.

Die gute Nachricht: Zu allen vier Gewalttypologien gibt es spezifische deeskalierende Massnahmen. Zudem hilft bei allen Typen Gefährderansprache, Hausdurchsuchung, Entzug von Waffen, Strafverfolgung, Auflagen, Weisungen, Substanzabstinenz und Deradikalisierung.
Die schlechte Nachricht: Dissoziale Menschen mit Terror-, Mord- und Sexualdelikten und ohne Schuld- und Verantwortungsbewusstsein, die in ihrer Entwicklung Rücksichtslosigkeit und Gewalt als die erfolgreichste Lebensstrategie erlernt haben, können dagegen kaum Hemmungen und Selbststeuerung entwickeln. Ohne forensische Therapie bleibt Dissozialität unverändert. Die Verwahrung ist dann der einzige Schutz gegen das Rückfallrisiko. 
 

 

Literatur

Urbaniok, F. (2016). FOTRES. Diagnostik, Risikobeurteilung und Risikomanagement bei Straftätern. Berlin: MVG.

Urbaniok, F. (2018). Wann ist ein Täter gefährlich? NZZ-am-Sonntag, 15.04.2018.

Endrass, J., Rossegger, A. (2019). www.octagon-intervention.com

 

Kommentare

Add Comment