Psychoscope Blog – Die Rolle als Mutter eines Inhaftierten

Françoise Genillod-Villard
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Mütter von Gefängnisinsassen entwickeln Strategien, um das Wohlergehen ihres Kindes sicherzustellen – auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse.
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Françoise Genillod-Villard
Psychologin FSP-SGRP, Kriminologin, Beraterin
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Aktuelle Elterndiskurse betonen die Rolle der Sozialisation und der normativen Entwicklung des Kindes. Es liegt auf der Hand, dass der soziale Druck sehr hoch ist. De facto werden Kinder und Eltern, die nicht in dieses normative Raster passen, kritisch beäugt. Wenn das Kind ein sozial unerwünschtes Verhalten an den Tag legt, wird mit dem Finger auf die Elternschaft gezeigt. Eine empirische explorative Studie, die in Kanada anhand von teilstrukturierten Interviews mit 16 Angehörigen, darunter 9 Mütter von Inhaftierten, durchgeführt wurde, setzt es sich zum Ziel, bestimmte Vorstellungen und Praktiken der Mutterschaft in Bezug auf ein erwachsenes inhaftiertes Kind besser zu verstehen. Dabei zeichnen sich zwei Erkenntnisse ab.

Die erste Erkenntnis: Die Mutterrolle verändert sich durch den Inhaftierungskontext. In dieser veränderten Rolle ist die Mutter ständig um das geistige und emotionale Wohlbefinden ihres erwachsenen Kindes sowie um seine Sicherheit besorgt. Sie muss sich damit abfinden, dass der Lebensweg ihres Kindes nicht so gradlinig verläuft, wie sie es sich für ihr Kind gewünscht hat. Diese Mütter bereiten sich mit diversen Strategien (Geld auf die hohe Kante legen, eine Unterkunft planen usw.) im Voraus auf die Hürden vor, die es nach der Haftentlassung zu nehmen gilt. Sie unterstützen ihr Kind emotional. Diese Unterstützung kann auch in Form von Behördengängen, der finanziellen Unterstützung für den Gefängnisalltag, der Betreuung der Enkelkinder usw. erfolgen.
Diese neue Rolle als Mutter eines Inhaftierten ist auf die Bedürfnisse des inhaftierten Kindes ausgerichtet, eigene Bedürfnisse treten völlig in den Hintergrund. Der Wunsch, trotz allem eine «gute Mutter» zu sein, ist mit einem erheblichen Zeit-, Energie- und Geldaufwand verbunden – und das wiederum wirkt sich auf das eigene persönliche und berufliche Wohlergehen aus.

Auseinandersetzung mit der moralischen Bewertung 
Die zweite Erkenntnis: Die Mütter sind mit einer moralischen Bewertung konfrontiert. Sie betrifft vor allem die Selbstbewertung, das persönliche Verhalten, die Eignung und Kompetenz als Mutter. Daraus ergeben sich Schuldgefühle, Wut und in manchen Fällen selbst das Gefühl, für die Tat des Kindes verantwortlich zu sein. Die Kernfamilie kann darunter leiden, dass viel Zeit für das inhaftierte Kind aufgebracht wird. Denn das bedeutet weniger Zeit für die Kinder, die zu Hause geblieben sind, und weniger Zeit für die Partnerschaft. Dazu kommt die moralische Bewertung durch die Gesellschaft. Die Mütter schweigen oft aus Angst, verurteilt zu werden. Von den Müttern, die sich ihrem Umkreis anvertrauen, erhalten einige Unterstützung durch ihre Angehörigen und Freunde, andere hingegen werden ungefragt mit Bemerkungen oder Ratschlägen eingedeckt. Einige Mütter machen die Erfahrung, dass sie gemieden oder ausgegrenzt werden. Diese Verhaltensweisen können letztlich dazu führen, dass sich die Mütter von ihrem inhaftierten Kind distanzieren. Die harsche Kritik scheint sich nicht auf das nähere Umfeld zu beschränken, sondern weite Kreise zu ziehen: Sie kommt sowohl von Personen, die beruflich im Strafvollzug tätig sind, als auch von der breiten Öffentlichkeit via die Medien, die dazu beitragen, das negative Bild einer «unmoralischen und inkompetenten» Mutter zu vermitteln.

Auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse
Diese Mütter entwickeln Strategien, um das Wohlergehen ihrer Kinder sicherzustellen – auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse. Einige Mütter gaben an, an psychischen und körperlichen Gesundheitsproblemen zu leiden (Stress, Angstzustände, Schlafstörungen, Einnahme von psychoaktiven Substanzen). Diese Strategien sind nicht nur bei Müttern von Inhaftierten zu beobachten, sondern auch bei Müttern mit anderen Kontextgegebenheiten (Behinderung, Krankheit, mentale Störungen). Dabei besteht jedoch ein Unterschied: Bei atypischen Kindern geht die Gesellschaft davon aus, dass die Probleme/Taten Teil der Störung sind. Hingegen wird bei einem Inhaftierten, der eine verwerfliche Tat begangen hat, angenommen, dass er eine bewusste Entscheidung getroffen hat. Die Rolle als «gute Mutter» wird hier nicht mehr aufwertend begriffen, sondern kann sogar missbilligt werden. Über diese Mütter wird der Stab gebrochen, weil sie in den Augen der Gesellschaft in der Vergangenheit keine «gute Mutter» waren und es auch heute nicht sind, da sie sich dafür entschieden haben, das inhaftierte Kind trotz der begangenen Tat zu unterstützen.

 

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