Psychoscope-Blog – Genauer durchdachte Sexualstraftaten

Françoise Genillod-Villard
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Paraphile Verhaltensweisen wirkt sich auf den Modus Operandi von Sexualstraftätern aus.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, in der Zeitschrift Criminologie veröffentlichte Studie. Sie wurde mit einer Stichprobe von 3253 Vergewaltigungsfällen durchgeführt, von denen 2513 von Tätern ohne paraphile Verhaltensweisen und 740 von Tätern mit mindestens einer paraphilen Verhaltensweise begangen wurden. Man spricht von einer paraphilen Verhaltensweise, wenn eine «Haltung vorliegt, die eine Paraphilie ausdrückt, ohne dass eine Diagnose existieren muss». Es handelt sich um ein Konzept, das sich von Phantasie, sexuellen Phantasien und Paraphilien unterscheidet (siehe Kasten unten). In der genannten Studie wurden die folgenden paraphilen Verhaltensweisen untersucht: Exhibitionismus, Voyeurismus, Travestismus, Sadismus, Masochismus, Fetischismus, Bondage, Bestialität, Urophilie. Die Auswahl trafen Kriminalanalytikerinnen und Psychologen anhand von Polizeiakten.

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Françoise Genillod-Villard
Psychologin FSP-SGRP, Kriminologin, Beraterin
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Die Stichprobe wurde einer operativen Datenbank der französischen Polizei entnommen. Sie umfasste gelöste Fälle mit sexueller Penetration. Aus der Stichprobe ausgeschlossen wurden Sexualmorde und Fälle, bei denen das Opfer unter 16 Jahre alt war. Die Stichprobe wurde dann in vier Gruppen unterteilt: Die erste Gruppe enthielt die Fälle, bei denen der Täter keine paraphilen Verhaltensweisen zeigte. Die zweite Gruppe umfasste Täter mit einer oder mehreren paraphilen Kontaktverhaltensweisen (Sadismus, Masochismus, Bondage, Zoophilie, Urologie). In der dritten Gruppe befanden sich Fälle, bei denen die Täter lediglich ein oder mehrere paraphile Verhaltensweisen ohne Kontakt gezeigt hatten (Exhibitionismus, Voyeurismus, Travestismus, Fetischismus). Die Täter mit paraphilen Verhaltensweisen mit und ohne Kontakt wurden in die vierte Gruppe eingeteilt. Die Vorgehensweise bei der Tat wurde in drei Phasen untergliedert: vor, während und nach der Tat, wobei Variablen für die Beschreibung des Modus Operandi verwendet wurden.

Genauere Tatvorbereitung
Beim Täterprofil zeigte die Studie, dass Täter ohne paraphile Verhaltensweisen im Durchschnitt 29 Jahre alt sind und die überwiegende Anzahl von ihnen in einer Beziehung lebt. In 35 Prozent der Fälle hatten solche Täter vor der Tat eine psychoaktive Substanz konsumiert. Die Täter mit mindestens einer paraphilen Verhaltensweise sind durchschnittlich 33 Jahre alt, sind zum Grossteil Single und leben alleine. Diese Täter hatten in 40 Prozent der Fälle vor der Tat eine psychoaktive Substanz konsumiert.
Die statistische Auswertung der Stichprobe zeigte, dass 22,75 Prozent der Täter mindestens eine paraphile Verhaltensweise zeigten. 12,3 Prozent der Täter waren ausschliesslich von einer oder mehreren paraphilen Verhaltensweisen mit Kontakt zum Opfer betroffen. 7,56 Prozent der Täter zeigten paraphile Verhaltensweisen ohne Kontakt. Etwa 3 Prozent der Täter sind von gemischten paraphilen Verhaltensweisen betroffen (mit und ohne Kontakt).
Zum Modus Operandi stellten die Forscher fest, dass Täter mit paraphilen Verhaltensweisen ihre Taten besser vorbereiteten als Täter ohne paraphile Verhaltensweisen. Sie zielen häufiger sowohl auf den Ort als auch auf ihr Opfer ab. Täter mit multiplen paraphilen Verhaltensweisen sprechen ihr Opfer häufig nicht an, sondern überraschen es. Weiterhin begehen sie ihre Taten mit höherer Wahrscheinlichkeit immer an demselben Ort. Die sexuellen Praktiken bei den Handlungen der paraphilen Täter sind vielfältiger, und die Ausführung ist durchdachter: «Die Vielfalt der von paraphilen Menschen begangenen Sexualstraftaten bekräftigt die Vorstellung, dass der sexuelle Prozess im Mittelpunkt der Sexualstraftat steht und das Drehbuch des Täters von den paraphilen Verhaltensweisen beeinflusst ist», unterstreichen die Verfasserinnen der Studie.
Darüber hinaus beobachteten die Forscher, dass die Täter mit paraphilen Verhaltensweisen nach der Tat keine Strategien gegen die Identifizierung durch die Polizei entwickelten. Stattdessen konzentrierten sie sich auf den Prozess, um sexuelle Lust zu erreichen.
Diese Analysen und Ergebnisse (hohes Mass an Vorbereitung, Begehung vielfältiger Sexualstraftaten, geringes Mass an Fähigkeiten zur Umsetzung von Strategien gegen die Identifizierung durch die Polizei) stimmen mit der wissenschaftlichen Literatur in diesem Bereich überein. Die Forschungsgruppe schliesst daher, dass paraphile Täter einem strukturierten Tatprozess folgen. Die Studie ist trotz ihrer Begrenzungen (Auswahl der Fälle, Interrater-Reliabilität) interessant für die Praxis, denn die Ergebnisse deuten darauf hin, dass paraphile Verhaltensweisen sich auf den Modus Operandi vor und während der Tat auswirken.   Wenn die Ermittler dies wissen, können sie sich bei der Suche und Identifizierung von möglichen Verdächtigen auf stichhaltige Informationen stützen.
 

Phantasie, sexuellen Phantasien und Paraphilien

Unter einer Phantasie versteht man «eine Reihe von entwickelten Erkenntnissen oder Gedanken, die in den Gefühlen verankert sind, aus Träumereien stammen und durch ein Vertieftsein (oder Wiederholtwerden) gekennzeichnet sind». Abweichend wird eine Phantasie, wenn sie Schmerzen, fehlende Einwilligung zwischen den Beteiligten oder ein von der Gesellschaft nicht als akzeptabel erachtetes Verhalten beinhaltet (Prentky et al., 1989). Im DSM-5 werden Paraphilien als intensive und anhaltende sexuelle Verhaltensweisen definiert, die von den normalen kopulativen und präkopulativen Verhaltensweisen abweichen. Bei manchen Paraphilien besteht kein Kontakt zu dem Opfer, bei anderen geht es um das Leiden oder die Demütigung der eigenen Person, des Partners oder sonstiger nicht einwilligender Personen. Paraphilien werden als physischer und konkreter Ausdruck abweichender sexueller Phantasien betrachtet. Für die Feststellung einer Paraphilie ist eine bestehende Diagnose notwendig.

Studie

Chopin, J., Beauregard, É., Gatherias, F., & Oliveira-Christiaen, E. (2020). L’influence des comportements paraphiliques sur le mode opératoire des agresseurs commettant des viols. Criminologie, 53(2), 109–141. doi: 10.7202/1074190ar

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