Psychoscope-Blog – Häusliche Gewalt

Miriam Vogel
Psychoscope-Blog
Verband
Die Dunkelziffer ist hoch – Prävention ist gefragt und möglich.

Unter der Leitung von Prof. Birgit Kleim, Universität Zürich Psychologisches Institut und Psychiatrische Universitätsklinik Zürich referierten im Mai 2019 an der 24. Zürcher-Psychotraumatologie-Tagung Professorin Astrid Lampe, stv Leiterin der Univ-Klinik für medizinische Psychologie, Universität Innsbruck, und Thomas Elbert, Professor für Klinische Psychologie und Neuropsychologie, Universität Konstanz, die neuesten Forschungsergebnisse zu den krankmachenden Langzeitfolgen von „domestic violence“ (DV).  

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Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
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UNO und Europarat haben seit 2004 die Bekämpfung von Gewalt in der Zivilgesellschaft in den Fokus genommen. In der „Istanbuler Konvention“ regelt ein umfassender gesetzlicher Rahmen die Bekämpfung häuslicher Gewalt seit dem 1. April 2018. Laut internationalen Recherchen und Statistiken des Bundes finden bis zu 50% aller schweren Gewalttaten im häuslichen Milieu aller Schichten und jeder Herkunft statt. Elterliche Gewalt gegen Kinder ist geschlechtlich gleich verteilt. 

Die Folgen häuslicher Gewalt: Ein hoher lerntheoretischer und neurologischer Prägungseffekt für Kinder bis in die DNA, der mit psychischer und körperlicher Misshandlung durch die Eltern deutlich ansteigt und ab dem Jugendlichenalter auch ausserfamiliär und geschlechtsspezifisch in der Täter- oder Opferrolle reproduziert wird. Daraus resultieren körperliche und psychische Erkrankungen bei allen Betroffenen, direkte und indirekte volkswirtschaftliche Kosten von 160 bis 280 Mio Franken pro Jahr, insbesondere von Polizei und Justiz, gefolgt von Produktivitätsverlusten und Unterstützungsangeboten. 

Gesamthaft betrachtet kostet Prävention weniger als Intervention, womit vor allem Leid und hohe Kosten für die Allgemeinheit vermieden werden können. Die Forscherteams von Elbert und Lange zeigen, worauf es dabei ankommt.  

Was macht Aggression so attraktiv?
Laut Elbert hilft reaktive Aggression, sich einer Bedrohung zu erwehren und begleitende negative emotionale Erregung und Ärger zu reduzieren. Demgegenüber kann die appetitive Gewalt bis hin zum Blutrausch führen, dem Töten um seiner selbst willen. Juristisch wird sie als besonders niederträchtig bewertet, bleibt aber latent hochattraktiv. Neben einer Adrenalinwelle begleitet Cortisol- und Endorphinausschüttung dieses meist ethisch unakzeptable Vergnügen mit Suchtpotential.

 

Prävention beginnt also da, wo die strukturelle Gewalt durch Stigmatisierung oder Sanktionierung – justiziäre oder psychologisch-psychiatrische – am wenigsten zu befürchten ist.

Die Lust auf Aggression wird bei Ausfall  kortikaler Strukturen unter Wegfall von Angst und moralischer Hemmfunktion durch reaktiv-aggressive Affektverstärkung oder Drogen geweckt. Appetitive Aggression ist auch eine Folge reaktiver Aggression, wenn die Legitimation durch entsprechende Gruppennormen (häusliche, zivile und staatliche Gewalt- und Kriegsformen) da ist. Moral und Kultur in der häuslichen und zivilen Lebensgemeinschaft und das Gewaltmonopol des Staates sind die Wächter, um das Aggressionspotential zu regulieren und in wünschenswerte Bereiche zu lenken. 
 
Wie kann die Suchtspirale Gewalt- und Opferbereitschaft reduziert werden?  

Es scheint auf der Hand zu liegen – Garant gegen Gewalt ist ein Wächter in einer dazu passenden häuslichen, institutionellen und gesellschaftlichen Wertekultur. Doch wo sind diese Wächter ausserhalb der privaten Lebensgemeinschaften? Und welche Wächter werden von den Notleidenden auch tatsächlich als solche gesehen? Im Universitätsspital Innsbruck eruierten Riedl et al 2015-2017 mittels Fragebogen an 2031 Patienten mit chronischem Schmerz, Atemwegserkrankungen und muskulären und neurologischen Erkrankungen in 7 ambulanten und stationären somatischen Abteilungen während je 3 Monaten die Valenz häuslicher Gewalt – 17,4 % der Patienten gaben dies an. Von allen Patienten begrüssten 74 % diese Evaluation zu häuslicher Gewalt durch das somatische Fachpersonal, nur 10 % wünschten diese Abklärung durch Psychologen. In eklatantem Gegensatz dazu steht die Realität: Nur knapp 5 % der 2031 Patienten sind in der somatischen Medizin je nach häuslicher Gewalt befragt worden. 
Die Prävention von häuslicher Gewalt beginnt folglich da, wo der gesellschaftliche Wächter direkt helfend und nicht verurteilend, strafend oder pathologisierend ein faktisch und moralisch deutliches Gegengewicht setzt mittels medizinischer Behandlung unter Schweigepflicht, gegebenenfalls mit Aufklärung zu den Folgen und zu weiteren Hilfsangeboten – Prävention beginnt also da, wo die strukturelle Gewalt durch Stigmatisierung oder Sanktionierung – justiziäre oder psychologisch-psychiatrische – am wenigsten zu befürchten ist.   

Studien

Elbert, T., Moran, J. K. , & Schauer, M. (2017). Lust an Gewalt: appetitive Aggression als Teil der menschlichen Natur. Neuroforum, 23, 96-104.

Elbert, T., Schauer, M., & Moran, J. K. (2018). Two pedals drive the bi-cycle of violence: reactive and appetitive aggression. Current Opinion in Psychology, 19, 135-138

Riedl, D., Exenberger, S., Daniels, J. K., Böttcher, B., Beck, T., Dejaco, D., & Lampe, A. (2019). Domestic violence victims in a hospital setting: prevalence, health impact an patients’ preferences – results from a cross-sectional study. European Journal of Psychotraumatology, 10, 1-11.

Serpeloni, F., Nätt, D., Gonçalves de Assis, S., Wieling, E., & Elbert, T. (2019). Experiencing community and domestic violence is associated with epigenetic changes in DNA methylation of BDNF and CLPX in aodolescents. Psychophysiology, 1-10.