Psychoscope-Blog – Im Spannungsfeld zwischen psychologischer Betreuung und öffentlicher Sicherheit

Lauriane Constanty
Forschung
Psychoscope-Blog
Verband
Eine neue qualitative Studie zeigt: Der Austausch und das gemeinsame Erarbeiten von Zielen erleichtern den Aufbau einer therapeutischen Allianz zwischen Patientinnen und Patienten und klinischen Psychologinnen und Psychologen trotz der Intervention der Justiz als dritte Partei.

Die Loyalitätskonflikte, denen sich Fachpersonen für psychische Gesundheit ausgesetzt sehen, beschränken sich keineswegs auf klinische Psychologinnen und Psychologen oder forensische Psychiaterinnen und Psychologen. Doch im Rahmen ihrer Arbeit mit inhaftierten Personen sind klinische Psychologinnen und Psychologen Teil einer Dreiecksbeziehung, an der sie selbst, die Patientinnen und Patienten und die Justiz beteiligt sind. Es besteht also ein Loyalitätskonflikt zwischen psychologischer Betreuung und öffentlicher Sicherheit, der diese Fachpersonen zwingt, «ein Gleichgewicht zwischen den individuellen Rechten der Patientinnen und Patienten und der allgemeinen Sicherheit der Bevölkerung zu finden». 

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Lauriane Constanty
Psychologin FSP, Kriminologin

Wenn Vertraulichkeit der Garant für Vertrauen und den Schutz der Privatsphäre der Patientin oder des Patienten ist, stellt sich die Frage, wie sich eine therapeutische Allianz aufbauen lässt, bei der gleichzeitig Informationen an die Justiz weitergegeben werden. Aus einer 2015 durchgeführten schweizweiten qualitativen Studie geht hervor, dass Fachpersonen aus dem Bereich der Gerichtspsychologie ihre Patientinnen und Patienten darauf hinweisen, dass sie ihnen nur begrenzt Vertraulichkeit für die Informationen zusichern können, die während der Therapie preisgegeben werden. Die Fachpersonen sind verpflichtet, relevante Informationen an die Justiz weiterzugeben. Vor diesem Hintergrund wird es moralisch und rechtlich vertretbar, die Verschwiegenheit aufzuheben. 

Die Bedeutung der Transparenz
2021 führten Helene Merkt und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Bio- und Medizinethik der Universität Basel erstmals eine qualitative Studie mit einer Stichprobe von 31 im Massnahmenvollzug tätigen Fachpersonen für psychische Gesundheit durch. Die Studie beleuchtet die unterschiedliche Wahrnehmung der klinischen Psychologinnen und Psychologen in Bezug auf ihre Rolle sowie ihre Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten. In den Interviews hoben die Studienteilnehmenden hervor, wie wichtig es ist, die Privatsphäre der Patientin oder des Patienten zu schützen, aber auch die Sicherheitsaspekte einzubeziehen. Die Teilnehmenden unterstrichen, dass sie angesichts dieser widersprüchlichen Ziele Schwierigkeiten haben, zu entscheiden, welche Informationen an die Justiz weitergegeben werden müssen. «Manche klinische Psychologinnen und Psychologen sind der Ansicht, dass den Strafbehörden sämtliche Informationen gemeldet werden müssen, für andere hingegen sind Details unnötig; ihres Erachtens reicht es aus, die Schlussfolgerungen zu übermitteln.» Dennoch und trotz «der Vielfalt an kulturellen, sozialen und persönlichen Hintergründen in der Stichprobe» hob ein Grossteil der Teilnehmenden hervor, dass sie im Interesse und für das Wohlergehen der Patientin oder des Patienten handeln. Auch wenn bestimmte Faktoren die Einstellung dieser Fachpersonen beeinflussen können und sich die Fronten bald in Richtung Sicherheit, bald in Richtung Therapie verschieben, scheint Transparenz der Schlüssel zur Minderung des Loyalitätskonflikts zu sein. 
 

Das Schweizerische Strafgesetzbuch unterscheidet zwischen Strafen und Massnahmen. Strafen sollen den Täter einer Straftat bestrafen und konzentrieren sich hauptsächlich auf sein früheres Verhalten, obwohl sie auch die Rehabilitation zum Ziel haben. Massnahmen sollen die Gesellschaft vor der Begehung neuer Vergehen/Verbrechen schützen. Sie sind zukunftsorientiert und konzentrieren sich kaum auf die Vergangenheit des Straftäters. Ist dieser «psychisch schwer gestört», hat er im Zusammenhang mit dieser Störung ein Vergehen oder Verbrechen verübt und ist zu erwarten, dass ihn die Massnahme von neuen Straftaten abhält, kann eine stationäre Massnahme, eine ambulante Behandlung oder gar eine Verwahrung angeordnet werden, allerdings immer gestützt auf ein psychiatrisches Gutachten.

Laut dieser Studie ist Transparenz ein entscheidender Faktor – sowohl bei der Kommunikation mit der Patientin oder dem Patienten als auch bei der Kommunikation mit den Vertretern des Justizapparats. Patientinnen und Patienten müssen also schon zu Beginn der Therapie über die Grenzen des Arztgeheimnisses informiert werden. Transparenz schafft die Voraussetzungen für eine vertrauensbasierte Beziehung und eine therapeutische Allianz. Sie scheint auch den aufrichtigen Austausch mit der Patientin oder dem Patienten im Hinblick auf die Behandlungsziele zu fördern und eine effiziente Kommunikation mit der Justiz zu gewährleisten. 
Weil die Behandlungsziele nicht ohne äussere Einflussnahme der Justiz ausgearbeitet werden können, geht es für klinische Psychologinnen und Psychologen darum, Patientinnen und Patienten vom Nutzen der angeordneten Therapie zu überzeugen. Sie sollen so die Vorteile der Nichtbegehung einer weiteren Straftat erkennen. Obwohl die Behandlungsziele vorgegeben sind, werden die Massnahmen zur Zielerreichung zwischen Patientinnen oder Patienten und klinischen Psychologinnen oder Psychologen ausgehandelt und erarbeitet. 

Dieser Austausch, die gemeinsame Erarbeitung der Ziele und die Aufklärung über die Grenzen der Vertraulichkeit sorgen dafür, dass sich eine Vertrauensbeziehung und eine therapeutische Allianz zwischen klinischen Psychologinnen oder Psychologen und Patientinnen oder Patienten ausbilden können – trotz der Intervention der Justiz als dritte Partei. Dadurch lässt sich der Loyalitätskonflikt der Fachperson für psychische Gesundheit mindern. 

Studien

Elger, B. S., Handtke, V., & Wangmo, T. (2015). Informing patients about limits to confidentiality: A qualitative study in prisons. International journal of law and psychiatry, 41, 50-57.

Merkt, H., Haesen, S., Eytan, A., Habermeyer, E., Aebi, M. F., Elger, B., & Wangmo, T. (2021) Forensic mental health professionals’ perceptions of their dual loyalty conflict: findings from a qualitative study. BMC medical ethics, 22(1), 1-15.
 

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