Psychoscope-Blog – Lost in Flucht & Migration?

Miriam Vogel
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Psychotherapeuten benötigen für ihre Arbeit ein Verstehen des «kulturell und familiär geprägten psychischen Raums» ihrer fremdländischen Patienten.

Der Krieg in der Ukraine verdeutlicht etwas Universales. Kulturelle und religiöse Nähe von Kriegsflüchtlingen mit den Menschen, welche diese traumatisierten Schutzbedürftigen bei sich aufnehmen, ermöglicht eine Identifizierung zwischen den Helfern und den Notleidenden. Diese Identifizierung fördert die Hilfsbereitschaft und die Wiederherstellung eines vertrauenden Sicherheitsgefühls bei den Hilfsbedürftigen, das sie brauchen, um ihre überwältigenden Ängste und ihre verzweifelte Trauer verarbeiten zu können. Unsere Staatsgrenzen bieten dafür den notwendig schützenden Rahmen. 

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Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
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Transkulturelle Psychotherapien beinhalten jedoch Fallstricke, die beachtet werden müssen. Denn Flüchtlinge und Immigrierte tragen in sich, nebst den Traumatisierungen, ihren kulturell und familiär geprägten «psychischen Raum» (Winnicott 1967) als Grundlage ihrer individuellen Identität. Dazu gehören auch Tabus (Freud 1912) und ein ethnisches Unbewusstes (Devereux 1980). Doch Freud untersuchte weder den Impact der Kultur noch die kulturellen Unterschiede auf die Psyche. Dieses Wissen haben wir heute zur Verfügung. 

Denn «jede Gesellschaft erarbeitet auf ihre Weise ihr kollektives Phantasma (...) über die Ereignisse des Lebens (...) wie Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt, Trennung von der Mutter, Heirat, Elternschaft, und Tod. (Als) Triebfeder des Denkens bilden sie die treibende Kraft bei der Erfindung der sozialen Regeln».  (Green 1996, S. 146-147). 

Wir müssen unser Wissen zu diesen Unterschieden nutzen, damit in transkulturellen Psychotherapien keine zusätzlichen Probleme für die Patienten entstehen. 
 

Saskia von Overbeck Ottino, Psychiaterin FMH für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Genf, Psychoanalytikerin SGPsa/IPA und Ethnopsychoanalytikerin, verhilft traumatisierten Flüchtlingen und Migrierenden seit vielen Jahren zur Verarbeitung ihrer psychisch überwältigenden Ängste, die ihr Leben in Beziehungen und beim Lernen und Arbeiten blockieren. Worauf es bei dieser gemeinsamen psychischen Reparaturarbeit der Therapeuten mit ihren Patienten ankommt, beschreibt uns Overbeck Ottino minutiös in ihren französischen, englischen und italienischen Publikationen. 

Psychotherapeuten benötigen für ihre Arbeit ein Verstehen des «kulturell und familiär geprägten psychischen Raums» ihrer fremdländischen Patienten, insbesondere von all dem, was erlaubt und was unerlaubt ist. Denn jede Kultur und jede familiäre Generation schafft einen spezifischen Rahmen dafür, dass ein Mensch seine individuelle psychische Sicherheit und Persönlichkeit entwickeln kann. Deshalb kann der kulturelle und familiäre Verlust durch Zerstörung der Psyche den inneren Rückhalt nehmen, den sie zum Überleben und für die weitere Entwicklung braucht. Wenn dieser kulturelle und familiäre Rahmen unserer Patienten für uns Therapeuten nicht nur fremd ist, sondern wir auch ihre psychisch stützende Funktion darin nicht erkennen können, dann werden wir unseren Patienten nicht aus ihren Traumata und ihren Blockierungen heraushelfen können. 

In der Schweiz haben wir solch schwere Traumatisierungen in den letzten Generationen nur vereinzelt durch Naturkatastrophen und Unfälle erfahren. Die Sicherheit im Land, in Kultur, Religion und Familie ist uns somit als psychisches Rückgrat erhalten geblieben. Die psychisch erkrankten Flüchtlinge und Migranten, die all dies verloren haben, brauchen gerade deshalb eine angemessene Wertschätzung ihres persönlichen kulturellen und familiären inneren Rückgrats, das sie in sich tragen, damit sie psychisch genesen und ihren weiteren Lebensweg sinnvoll fortsetzen können. 
 

Literatur

Devereux, G. (1980). Basic problems of ethnopsychiatry. Chicago (University of Chicago Press).

Freud, S. (1912). Totem und Tabu. GW, Band 9.

Green, A. (1996). Der Kastrationskomplex. Tübingen (edition diskord).

Overbeck Ottino von, S. (2021). Commentary on “Bridging cultures in Psychoanalytic work – the case of Yune”. The International Journal of Psychoanalysis, 102(2), 354-365.

Overbeck Ottino von, S. (2020). Cosa fare del culturale/religioso negli interventi ad orientamento psicoanalitico per i giovani rifugiati? Interazioni, 51(1), 67-80.

Overbeck Ottino von, S. (2013). Vom Totem zur Couch: Vergleichende Betrachtungen aus anthropologischer und psychoanalytischer Sicht. Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse SGPsa, 75, Frühjahr, 21-25.

Overbeck Ottino von, S. (2008). Inconscient et culture : psychothérapie complémentariste. Actualités psychosomatiques, 11, 109.128.

Overbeck Ottino von, S. (2007). Violences extrêmes: Le poids de la réalité à l’épreuve de la causalité psychique. Psychothérapies, 27 (3), 127-138.
 
Winnicott, D.W. (1967). The Location of Cultural Experience. International Journal of Psychoanalysis, 48, 368-372.
 

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