Psychoscope Blog - Psychoanalyse und die Wurzeln der Psyche

Miriam Vogel
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Die heutige Psychoanalyse rückt, Freud präzisierend, die Wurzeln der Psyche im Beziehungsgeschehen durch die ganze Lebensspanne ins Zentrum.
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Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
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Sigmund Freud hat vor gut 100 Jahren Grundlagen heutiger Psychotherapien erschaffen – seine erste Patientin nannte es eine „talking cure“. Es ging darum, unverständliches psychisches Leid der Patienten so zu verstehen und darüber zu sprechen, dass Veränderungen im Befinden und im Verhalten möglich wurden. Freud rückte hierzu die Libido, die beziehungs- und sinnsuchenden psychischen Kräfte, in der Arbeits-, Genuss- und Liebesfähigkeit seiner Patienten ins Zentrum. Im ausklingenden viktorianischen Zeitalter hatte Freud die sozialnormativ bedingten, psychisch krankmachenden Auswirkungen auf die naturgegebenen Kräfte der Psyche erforscht, insbesondere in Bezug auf die damals grassierende Hysterie. Auch Angst-, Zwangs-, Depressions- und Psychose-Erkrankungen hat er therapeutisch analysiert, ebenso wie die psychischen Auswirkungen des 1. Weltkriegs in den traumatischen Neurosen und psychischen Zusammenbrüchen – inzwischen weltweit bekannt als Posttraumatische Belastungsstörungen, heutzutage auch infolge zunehmender Umweltkatastrophen und weltweiter Migration.

Der amerikanische Psychoanalytiker Howard B. Levine, Mitglied der Contemporary Freudian Society und Faculty-Member New York University Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis, hält dazu den neuesten Stand der internationalen Psychoanalyseforschung in „Reflections on Therapeutic Action and the Origins of Psychic Life“ (2020) fest. Die heutige Psychoanalyse rückt, Freud präzisierend, die Wurzeln der Psyche im Beziehungsgeschehen durch die ganze Lebensspanne ins Zentrum. 

 

 

Die wesentlichen Theorie- und Behandlungserweiterungen psychoanalytischer Konzepte von Klein, Winnicott, Bion, Aulagnier, Green, Roussillon und den Botellas werden beschrieben. Dank dieser psychoanalytischen und evidenzbasierten Forschungen kann ein Psychoanalytiker heute auch kognitiv unrepräsentierte Leidenszusammenhänge rekonstruieren, um das unbewusst verankerte, psychische Leiden von Patienten ohne Erinnerungsvermögen analysierend zu behandeln. Die Rekonstruktionen in der Analyse ermöglichen dem Patienten eine psychische Regulierung seines Leidens. 

Levine verdeutlicht dies an zwei Beispielen, der berühmten Falldarstellung eines autistischen Jungen von Alvarez 2010 und der Analyse eines Studenten, der durch sozialen Rückzug, kombiniert mit dem emotionalem Neglect seiner Familie, in eine unerklärliche Selbstentfremdung geraten ist. Im Unterschied zur Autismusbehandlung, wo es um das Generieren von psychisches Vorstellungen geht, fokussiert Levine auf das Wiederbeleben und Verarbeiten der traumabedingt totgestellten, emotionalen Welt des Patienten. 
 

Studie: 

Alvarez, a. (2010): Levels of analytic work and levels of pathology: The work of calibration. International Journal of Psychoanalysis, 91, 859-878.

Levine, H.B. (2020): Reflexions on the therapeutic action and the origins of psychic life. Journal of the American Psychoanalytic Association, JAPA, 68, 1, 9-25

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