Psychoscope-Blog – Risikofaktoren als Indikatoren für die Rückfälligkeit

Françoise Genillod-Villard
Forschung
Psychoscope-Blog
Verband
Unterschiedliche Prävalenz und Auswirkung der Rückfälligkeitsfaktoren je nach Art der begangenen Straftaten. Mit einer geeigneten Risikoeinschätzung können die Betroffenen besser individuell begleitet werden.

Rückfälle und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen haben Kliniker und Forscher dazu veranlasst, sich mit den Risikofaktoren auseinanderzusetzen und die Begleitung bestmöglich auf die jeweilige Person zuzuschneiden. Die zuvor durchgeführten Metaanalysen hatten gezeigt, dass die folgenden acht Faktoren am stärksten zur Rückfallprävention beitragen: kriminelle Vorgeschichte, antisoziale Persönlichkeitsstörung, antisoziale Kognitionen, Kontakt zu antisozialen Personen, berufliche oder schulische Probleme, Probleme in der Partnerschaft oder in der Familie, Substanzmissbrauch, Beteiligung an antisozialen Freizeitaktivitäten. Mit diesen Metaanalysen wurde nachgewiesen, dass auf diese Faktoren abzielende Interventionen einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Rückfälligkeit besitzen.

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Françoise Genillod-Villard
Psychologin FSP-SGRP, Kriminologin, Beraterin
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Aber gibt es bei Prävalenz und Auswirkung dieser Risikofaktoren Unterschiede je nach Art der begangenen Straftaten? Dies sollte durch diese Forschungsarbeit überprüft werden. Hierfür wurde in den Niederlanden eine Stichprobe von 8665 Personen untersucht, die eine Straftat begangen hatten. 90 Prozent davon waren männlich, 9,8 Prozent weiblich, und der Altersdurchschnitt betrug 34 Jahre. Alle diese Personen werden durch die Bewährungshilfe betreut. Bei 72,2 Prozent der Stichprobe handelte sich um «allgemeine Straftäter» (die unterschiedliche Straftaten mit oder ohne Gewaltanwendung begehen). 11,8 Prozent begehen Straftaten ohne Gewaltanwendung mit oder ohne «Spezialisierung» auf eine bestimmte Art von Straftat. 2 Prozent begehen unterschiedliche Straftaten mit Gewaltanwendung. 0,6 Prozent begehen Sexualstraftaten mit oder ohne Gewaltanwendung. Bei 13,4 Prozent der Personen handelte es sich um Erststraftäter (die nur eine einzige Straftat begangen hatten). Die bereits Rückfälligen hatten im Durchschnitt 9,70 Straftaten begangen.

Etwa 51 Prozent hatten Straftaten mit Gewaltanwendung begangen, 22 Prozent hatten Vermögensdelikte ohne Gewaltanwendung begangen, 6,8 Prozent Vermögensdelikte mit Gewaltanwendung, 9 Prozent hatten Drogendelikte begangen, 6,2 Prozent Sexualdelikte, 1,4 Prozent Verkehrsdelikte, und 2,4 Prozent hatten Straftaten begangen, die unter «sonstige» gefasst wurden.


Die Bewährungshilfe verwendet für die Einschätzung des Rückfallrisikos eine niederländische Skala (RISc, Recidive Inschattingsschalen), anhand derer die Bedürfnisse beurteilt und eine Behandlung sowie eine geeignete Rehabilitationsbegleitung gewählt werden. Im Rahmen dieser Forschungsarbeit gilt ein Rückfall als Begehung neuer Straftaten innerhalb von 3,5 Jahren nach der Einstufung auf der RISc-Skala. Die entsprechenden anonymisierten Daten wurden dem Strafregister entnommen.


Aus dieser klinischen Studie ergab sich insbesondere, dass die Gesamtprävalenz der Risikofaktoren bei den «allgemeinen Straftätern» am höchsten war, gefolgt von den nicht gewalttätigen Straftätern, den gewalttätigen Straftätern, den Sexualstraftätern und den Erststraftätern. Bei den gewalttätigen Straftätern zeigte sich eine spezifische höhere Prävalenz der folgenden Risikofaktoren: Beziehungsprobleme in der Partnerschaft/Familie, emotionale Instabilität, antisoziale Persönlichkeit, antisoziale Kognitionen im Vergleich zu den nicht gewalttätigen Straftätern. Bei den nicht gewalttätigen Straftätern traten die Risikofaktoren in den Bereichen Bildung/Arbeit, administrative Verwaltung, Kontakt zu antisozialen Personen und Substanzmissbrauch häufiger auf.


Die Forscherinnen stellten ebenfalls fest, dass Rückfälle ohne Gewaltanwendung besser durch die allgemeinen Risikofaktoren für Straftaten vorhergesagt werden können als Rückfälle mit Gewaltanwendung. Allgemeiner scheinen die individuellen Risikofaktoren (emotionale Stabilität, antisoziale Persönlichkeitsmerkmale und antisoziale Kognitionen) bei gewalttätigen Straftätern häufiger vorhanden zu sein und sich stärker auszuwirken, während bei den nicht gewalttätigen Straftätern die umfeldbedingten Risikofaktoren (Ausbildung/Arbeit, Finanz-/Einkommensverwaltung, antisoziale Freunde/Bekannte) häufiger vorkommen und sich stärker auswirken.
Aus der Forschungsarbeit ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Gewalt- und Sexualstraftätern, was jedoch mit dem geringen Umfang der Stichprobe zusammenhängen kann.  Andere Metaanalysen zeigen Unterschiede zwischen jugendlichen Sexualstraftätern und Jugendlichen, die andere Straftaten begehen. Die Sexualstraftäter hatten im Vergleich zu den Nicht-Sexualstraftätern weniger Kontakt zu antisozialen Personen und weniger Drogenprobleme. Darüber hinaus scheinen die Instrumente der allgemeinen Rückfälligkeit die Rückfälle bei Sexualdelikten nur schwach vorherzusagen, weswegen für die Risikoeinschätzung ein spezifisches Instrument notwendig ist, in dem spezifische Risikofaktoren wie deviante sexuelle Interessen, bereits begangene Sexualdelikte sowie das Opfer berücksichtigt werden. Bemerkenswert ist auch, dass die Wahrscheinlichkeit für das Begehen eines nicht sexuellen Delikts bei Sexualstraftätern um das Dreifache höher ist als die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Sexualstraftat. Daher ist es nicht nur wichtig, das Risiko für eine erneute Sexualstraftat mit einem spezifischen Instrument einzuschätzen, sondern darüber hinaus sollte mit einem allgemeineren Risikoeinschätzungsinstrument auch das Rückfallrisiko bezüglich anderer Deliktarten eingeschätzt werden.


Das «RBR-Modell» (Risiken-Bedürfnisse-Rezeptivität) legt nahe, dass es für eine wirksame Rehabilitation in der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist, das Risiko und die kriminalitätsfördernden Bedürfnisse geeignet einzuschätzen und so eine individuelle, an den Täter angepasste Betreuung zu wählen. Die Berücksichtigung der Prävalenz sowie der Auswirkung bestimmter Risikofaktoren ist daher in der Praxis von offensichtlichem klinischem Interesse, was diese Forschungsarbeit trotz ihrer begrenzten Aussagekraft zeigt. Darüber hinaus sollten auch systematisch die Schutzfaktoren eingeschätzt werden, denn diese können sich auf das Risiko auswirken und ermöglichen eine allgemeine Einschätzung, die der Situation der betroffenen Person besser entspricht. 
 

Etude

van der Put, C. E., Assink, M., & Gubbels, J. (2020). Differences in risk factors for violent, non violent, and sexual offending. Journal of Forensic Psychology Research and Practice, 20(4), 341-361. doi: 10.1080/24732850.2020.1735248
 

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