Psychoscope Blog – Schwere Traumata in der Säuglingszeit prägen ein Leben lang

Miriam Vogel
Forschung
Psychoscope-Blog
Kleine Kinder erleiden und enkodieren ein Trauma nicht nur während des Ereignisses, sondern erleben es auch später wiederholt infolge affektiver und somatischer Repräsentation.
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Miriam Vogel
Dr. phil.
Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Fachpsychologin für Klinische Psychologie und Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie
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Dass nicht nur Kleinkinder sondern bereits Säuglinge endogene und exogene Traumatisierungen erleiden und diese psychischen Überwältigungszustände im Gedächtnis speichern und dadurch in ihrer weiteren Entwicklung behindert werden können oder gar daran sterben, das wurde in der klinischen Psychoanalyse bereits vor über 100 Jahren von Freud in seinen ersten klinischen Fallbeschreibungen und in seiner Theorie ab 1926, und bei Ferenczi und Spitz ab dem 1. Weltkrieg als Traumatisierungsprozesse innerhalb Familien, bei Säuglingen in Waisenhäusern und bei Kriegsneurosen entdeckt. Dem 1895 in Neuropathologie habilitierten Freud – ebenso wie dem damaligen Behaviorismus – standen jedoch die seit 30 Jahren entwickelten, heutigen neurologischen Forschungsmethoden noch nicht zur Verfügung, um die psychischen Krankheitsbilder und -verläufe seiner Patienten zusätzlich zur psychoanalytischen Behandlung neurologisch zu belegen. Das Erinnern von Traumata der Patienten blieb deshalb in der Psychoanalyse bis in die 90-er Jahre eine ausschlaggebende Grundbedingung für eine erfolgreiche Behandlung.

Wie Säuglinge und Kleinkinder in ihrer psychischen Entwicklung durch massiv traumatisierende Geschehnisse vor der Entwicklung bewusster Gedächtnisfunktionen geschädigt werden und wie sie therapeutisch behandelt werden können, so dass die psychische Beeinträchtigung durch das frühe Trauma sich in der Entwicklung bis ins Erwachsenenalter nicht verfestigt und verstärkt, das weist die Psychoanalytikerin und Bindungsforscherin Susan W. Coates mit ihren empirischen Untersuchungen zu Gedächtnisprozessen ab Geburt seit 1997 nach. Im Übersichtsartikel „Können Babys Traumata im Gedächtnis behalten?“ (2018) stellt sie fremde und eigene Forschungsergebnisse zu Schmerz- und Trennungstraumata mit drei Aspekten dar – die Rolle von Realität und Phantasie, das Alter zum Zeitpunkt des Traumas und der Bindungsstatus. 

 

Abschliessend beschreibt Coates die klinischen Befunde und Behandlungsempfehlungen zu Traumatisierungen vor der sprachlichen Symbolisierungsentwicklung anhand zweier bekannter fremder und zwei eigener Fallbeispiele: Drei Mädchen mit Traumata im Alter von 3 Monaten (Hirnoperation), 10 Monaten (versuchte Ermordung) und 12 Monaten (Bombenattentat) hatten somatische und sensorische Erinnerungen an ihr lebensgefährdendes Extremtrauma. Den im Kleinkindalter situativ reaktivierten Traumata fühlten sich diese Kinder im inneren Wiedererleben immer wieder ausgesetzt und versuchten sie gestikulierend und verbalisierend im Austausch mit Bezugspersonen zu verarbeiten. Die frühkindlichen Gedächtnisentwicklungen untermauert Coates jeweils mit spezifisch zu den Fallbeispielen zitierten neurokognitiven Entwicklungsstudien. 
Das dritte Fallbeispiel zu Betsy, dem Mädchen, das mit10 Monaten knapp eine Messerattacke eines geistig verwirrten psychiatrischen Patienten überlebte, beschreibt Coates ausführlich, insbesondere zu den fortwährend unterstützenden Traumaverarbeitungsmöglichkeiten der Bezugspersonen und zu den Ko-Konstruktionen im Containment der Therapie bis in die Kindergartenzeit.

Im vierten Fallbeispiel beschreibt Coates eindrücklich die Langzeitwirkung mit sensorischen Flashbacks ohne Erinnerungsvermögen bis ins Erwachsenenalter nach einer fünf Jahre dauernden Kindertherapie infolge wiederholter Traumatisierung mit Würgen eines zweijährigen Jungen durch die psychisch erkrankte Mutter.  Mit allen Beispielen verdeutlicht Coates die lebenslangen Auswirkungen frühkindlicher Traumata. 

Schmerz- & Trennungserfahrung
In der Psychoanalyse ist bekannt, und Coates weist deutlich darauf hin, dass während des 2. Weltkriegs psychoanalytisch geschulte Kinderärzte in den USA und in England auf die traumatischen Auswirkungen von Eltern-Kind-Trennungen infolge Krankenhausaufenthalten hingewiesen und filmisch dokumentiert haben (David Levy 1939, 1945; Robertson 1941). Doch noch in den frühen 80-er Jahren mussten an der Universität Zürich empirische Mutter-Kind-Forschungen durchgeführt werden für den Nachweis akuter und langfristiger Entwicklungsbeeinträchtigungen bei Säuglingen, die postpartale Trennungstraumata erleiden. Sogar bis Ende der 80-er Jahre galt in der allgemeinen Psychologie und Medizin ein „Gedächtnis für Leid“ bei Säuglingen als nicht vorhanden und chirurgische Eingriffe bei Säuglingen wurden kaum mit Betäubung durchgeführt, referiert Coates (2018, 997) zu den neuesten empirischen Nachweisen lebensbedrohlicher psychischer Traumatisierung (Anand & Hickey, 1987,1992; Rodkey & Pillai Riddell 2013). Demnach fiel die „Überlebensrate bei Säuglingen, die operiert wurden, bei einer tiefen Narkose erheblich höher aus als bei einer flachen Narkose. Fast ein Drittel der Babys mit flacher Narkose starben, während diejenigen mit tiefer Narkose alle durchkamen. In der Gruppe mit flacher Narkose waren massive hormonelle Stressreaktionen festzustellen, und die stärksten Reaktionen traten bei den Babys auf, die starben.“

Untersuchungsmethode und Resultate
Mittlerweile haben nach Terr (1988) und Gaensbauer (1995) Coates und ihre Mitarbeitenden anhand der diagnostischen PTBS-Kriterien in Spiel- und Verhaltensbeobachtungen übereinstimmend nachgewiesen, dass Kinder unter drei Jahren ein Trauma, das sie noch nicht in Worte zu fassen und im expliziten Gedächtnis zu speichern vermögen, im Spiel mit motorischem Verhalten und somatischen Reaktionen darstellen. Dabei treten dieselben drei Grundkategorien psychotraumatischer Symptome auf, die auch bei Erwachsenen zu beobachten sind: Wiedererleben, emotionale Betäubung (vermehrter sozialer Rückzug, reduziertes Affektspektrum, vorübergehender Verlust von erworbenen Fertigkeiten, Einengung der Spielaktivität) und Hyperarousal mit Albträumen, Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsproblemen, Hypervigilanz und überstarken Schreckreaktionen (Coates, Schechter & First 2003); Scheeringa et al 2003; Schechter & Tosyali 2001) Das heisst, schon in der vorsprachlichen Entwicklungsphase werden traumatische Ereignisse episodisch gespeichert und symbolisch repräsentiert. Dadurch prägt das körperliche Erinnern im episodischen Gedächtnis die weitere psychische Entwicklung, sichtbar und messbar im Spielverhalten des Kindes. Dazu Coates (2018, 998), „Das posttraumatische Spiel kleiner Kinder ist vom gewöhnlichen Spiel leicht zu unterscheiden: es scheint einem zwingendem inneren Dialog zu folgen und lässt sich als repetitives Nachspielen des Traumas begreifen. (...) Häufige Folgewirkungen eines Kindheitstraumas sind ausserdem neu auftretende Symptome, insbesondere phobieartige Ängste oder Aggressivität, die vor dem traumatischen Ereignis nicht vorhanden waren.“

Susan W. Coates ist Professorin in Klinischer Psychologie und Bindungsforscherin an der Columbia University, N.Y.. Als mehrfach preisgekrönte Expertin in psychoanalytischer PTBS-Therapie von Kleinkindern und deren Nachfolgestörungen bei Erwachsenen vor und nach 9/11 erforscht sie mit ihrem Team Gedächtnisprozesse ab Geburt und hat auf dieser Grundlage diagnostische und therapeutische Leitlinien zur Behandlung früher endogener und exogener Traumata erstellt.

Laut Coates (2018, 999) ist der Einfluss der Beziehungsqualität der primären Bezugspersonen auf die Traumaverarbeitung entscheidend. Demnach kann das Umsorgen der primären Bezugsperson „die Angst des Kindes entweder hoch- oder herunterregulieren“. Dabei mildert die Fähigkeit der Mutter, „die Signale des Kindes zu entschlüsseln und auf seine Bedürfnisse einzugehen, das Ausmass der auftretenden Symptomatik ab. Erleidet jedoch nicht das Kind sondern die Mutter ein schweres Trauma und gerät dementsprechend in sich zurückziehende oder übererregte psychische Zustände, wird „beim Kind die Symptombildung anfacht (Schechter et al. 2011). Dies sind Prozesse, wie sie den mittlerweile bekannten Phänomenen der intergenerationellen Weitergabe von Traumata zugrunde liegen.“ – ein Faktor für psychische Erkrankung, der insbesondere in den  Katastrophen- und Kriegsgeschehnissen eine grosse Rolle spielt, die über Generationen prägend nachwirken, wie es in der psychoanalytischen Therapieforschung insbesondere seit dem 2. Weltkrieg immer wieder nachgewiesen wird. 

Zusammengefasst schreibt Coates (2018, 999), kleine Kinder erfahren und enkodieren ein Trauma nicht nur zum Eintritt des Eintretens, sondern sind auch in der Lage – und werden mit einem passenden Auslöser psychisch sogar dazu gezwungen – , es später mittels affektiver und somatischer Repräsentation wiederzuerleben (Schechter 2017). „Was bei Kindern anders ist, ist nicht das Element des Traumas an sich, sondern dass ihre Bezugspersonen auf die Traumaerfahrung erheblichen Einfluss ausüben können, ob nun in positiver oder negativer Richtung.“ – Wie ist laut Coates in weiteren Forschungen zu erkunden.

Studien

Coates, S. W. (2018). Können Babys Traumata im Gedächtnis behalten? - Symbolische Formen der Repräsentation bei frühkindlicher Traumatisierung. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, 72(12), 993-1021.

Coates, S.W., Schechter D.S., First E., Anzieu-Premmereur C., Steinberg Z. & Hamilton V. (2002). Considerazioni in merito all’intervento di crisi con i bambini di New York City dopo l’attentato alle Torri Gemelle. (Thoughts on Crisis Intervention with New York City Children After the World Trade Center Bombing). Infanzia E Adolescenza, 1, 49-62.

Coates, S.W., Schechter D.S., First E., Anzieu-Premmereur C., Steinberg Z., & Hamilton V. (2002). Quelques reflexions sur les interventions immediates apres des enfants de New York apres la tragedie du World Trade Center. Psychotherapies, 22, 143-152.

Coates, S.W., & Moore, M.S. (1997). The complexity of early trauma: Representation and transformation. Psychoanalytic Inquiry, 17, 286-311.
 

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