Psychotherapie an der Universität studieren

Corinna Hartmann
Bildung
Verband
Voraussichtlich im Herbstsemester bieten deutsche Universitäten neu einen Master in Psychotherapie an. Könnte die Reform der Psychotherapie-Ausbildung in Deutschland als Vorbild für die Schweizer Bildungspolitik dienen?

Wer Psychotherapeutin oder Psychotherapeut werden will, muss viel Zeit und Geld investieren. Das war auch in Deutschland nicht anders. Psychologinnen und Psychologen, die sich für diesen Beruf entschieden, mussten nach mindestens fünf Jahren Studium eine dreijährige Ausbildung absolvieren. Die Vergütung während der praktischen Tätigkeit war gesetzlich nicht geregelt und fiel oft gering aus. Die Auszubildenden mussten für die Kosten selbst aufkommen: Zwischen 10 000 und 40 000 Euro stellten die staatlich anerkannten privaten Ausbildungsinstitute dafür in Rechnung.
 
Das Problem: Anders als ihre Medizinerkollegen erlangten Psychologen und Psychologinnen bis dato mit Abschluss ihres Studiums nicht die Berufsausübungsbewilligung. So hatten sie während ihrer Ausbildung noch keine Erlaubnis zur Berufsausübung und mussten für ihre Arbeit in Kliniken rein rechtlich nicht bezahlt werden. Vor dem Gesetz waren sie Praktikanten. Zum Vergleich: Ihre Medizinerkollegen verdienen in der Weiterbildung zum Facharzt oder Fachärztin monatlich um die 5000 Euro. Mit dem Titel Facharzt für Psychiatrie oder Psychosomatik können auch sie als Psychotherapeuten tätig werden. Interessenverbände haben diese Ungleichbehandlung seit Jahren angeprangert. Jetzt wurden ihre Klagen erhört. Am 1. September 2020 ist die Reform des deutschen Psychotherapeutengesetzes in Kraft getreten. 

Ein Fortschritt für Auszubildende
Ein neues Direktstudium soll zukünftige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten von ihrem Praktikantenstatus befreien. Neu können Psychologinnen und Psychologen nach einem speziellen Masterstudien­gang mit dem Schwerpunkt Psychotherapie die Bewilligung zur Berufsausübung erhalten. Im Anschluss können sie sich zum Psychotherapeuten weiterbilden lassen, müssen währenddessen bei ihrer praktischen Tätigkeit in Psychiatrien oder anderen stationären Einrichtungen regulär angestellt werden und können ein Tarifgehalt beziehen. «Dies ist ein grosser Fortschritt gemessen an den prekären Verhältnissen, die während des Psychiatriejahrs unserem Nachwuchs heute zugemutet werden», sagt Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.
 
Angehende Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten nicht nur in Kliniken, sondern auch in den psychotherapeutischen Ambulatorien ihrer Ausbildungsinstitute. Für die Behandlungen dort erhalten die Institute Geld von den Krankenkassen. Übernahmen Auszubildende die Sitzungen, waren die Institute bisher nicht verpflichtet, dies zu honorieren. Auch damit ist jetzt Schluss. Sie müssen von nun an 40 Prozent der Kosten einer Therapiesitzung an den Therapeuten in Ausbildung abtreten – etwa 36 Euro. «Das reicht jedoch nicht aus», kritisiert Dietrich Munz diesen Passus der Gesetzesänderung. Die Kosten der Ausbildungsleistungen, wie Theorievermittlung und Supervision, seien damit längst nicht gedeckt. Verbände befürchten zudem, dass die Institute ihre Gebühren erhöhen könnten, um die Verluste auszugleichen. Trotzdem ist die Reform laut Dietrich Munz ein Fortschritt.

Für Studierende, die zurzeit nach dem bisherigen System studieren, gibt es eine Übergangslösung. Sie können ihre Ausbildung noch bis 2032 in den alten Ausbildungsgängen absolvieren. Auch wer aktuell in der Ausbildung steckt, soll finanziell von der neuen Regelung profitieren: Die Arbeit in der Klinik muss seit September 2020 mit mindestens 1000 Euro monatlich vergütet werden. Ein Trostpreis, finden Betroffene. «Diese Vergütung entspräche maximal dem Mindestlohn», schreiben die Bundeskonferenz PiA (Psychotherapeuten in Ausbildung) und die Psychologie-Fachschaften-Konferenz. «Sie schafft des Weiteren keine Klärung des sozialrechtlichen Status der Aus­zubildenden mit Sozial- und Rentenversicherung sowie einem Anspruch auf Urlaub, Krankengeld oder Mutterschutz.»

Bachelorstudiengang wird angepasst
Die neue Regelung beeinflusst nicht nur die Finanzierbarkeit der Ausbildung zum Psychotherapeuten oder zur Psychotherapeutin, sondern auch deren Inhalte. Nach dem Gesetz ist ein Master, aber kein spezieller Bachelor in Psychotherapie vorgesehen. Stattdessen soll der Bachelorstudiengang Psychologie weiterhin breit ausbilden und neben Psychotherapie auch andere Berufsziele ermöglichen. So müssen sich Schülerinnen und Schüler nicht schon mit 17 oder 18 Jahren entscheiden, Psychotherapeut zu werden.
 
Bachelorstudierende müssen neu vermehrt klinisches Wissen erlangen, um die Zulassungsvoraussetzungen für den Master mit Schwerpunkt Psychotherapie zu erfüllen, darunter auch Grundlagen der Medizin und Pharmakologie. Dass wichtige Teile der Ausbildung nun an Universitäten gelehrt statt den privaten Instituten überlassen wird, bewertet Birgit Spinath von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie positiv: «Dies ermöglicht hohe und einheitliche Standards und eine stärkere Verknüpfung von Forschung und Praxis.»

Doch manche zweifeln daran, dass sich all die neuen Module im Psychologiestudium unterbringen lassen. Imke Vassil, Konferenzrätin der Psychologie-Fachschaften-Konferenz und aktuell Psychologiestudentin im Master, sagt dazu: «Die verlangten Inhalte drohen das Studium zu überfrachten, sodass es schwierig werden könnte, den Abschluss in der vor­gesehenen Studienzeit zu schaffen.» 

Wie das neue Direktstudium im Detail aussehen wird, lässt sich noch nicht beurteilen. Noch keine deutsche Universität bietet zurzeit den neuen Masterstudiengang mit Schwerpunkt Psychotherapie an. Die Psychologie-Fachschaften-Konferenz rechnet mit den ersten Master-Angeboten nach der neuen Regelung im Herbstsemester 2021. 

Die Reform im Überblick

Kostenübernahme: Krankenkassen in Deutschland übernehmen aktuell die Kosten für vier Psychotherapieverfahren: die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die analytische Psychotherapie und seit 2020 ist für die Behandlung von Erwachsenen auch die systemische Psychotherapie anerkannt.
Einheitliche Zulassung: Nach der neuen Regelung können sich Pädagogen und Sozial­pädagoginnen in Deutschland nicht mehr wie bisher zum Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche ausbilden lassen. Denn nur ein Bachelor mit mehrheitlich psychologischen Inhalten qualifiziert für den neuen Master in Psychotherapie. Damit ist Schluss mit den bis dato sehr ungleichen Zulassungsvoraussetzungen für Therapeuten, die Erwachsene behandeln und solche, die mit Kindern arbeiten. Der Bologna-Prozess hatte dazu geführt, dass für die Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten für Erwachsene nur Psychologinnen und Psychologen mit einem Masterabschluss mit klinischem Schwerpunkt in Frage kamen, während für die Ausbildung zum Therapeuten für Kinder und Jugendliche auch ein Bachelor in Pädagogik oder sozialer Arbeit genügte.

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