Reden ist Silber, Schweigen  ist Gold

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Forschung
Vermischtes
Diese Lebensweisheit, wonach Schweigen Gold sei, wirkt etwas verstaubt und scheint längst überholt. Heute wird insbesondere in der Arbeitswelt Pro­aktivität und Austausch eingefor­dert.

Von Joël Frei, publiziert im Psychoscope 3/2018

Am neuen Hauptsitz der Schweizerischen Post in Bern arbeiten die Mitarbeitenden mal selbstständig im Grossraumbüro, mal im Team an der sogenannten "Werkbank", einem geschwungenen, langen Tisch in einem separaten Arbeitsraum. Fürs Brainstormen setzen sie sich auf die farbigen Kissen der "Piazza", ein Holzpodest.

Am Ende des Arbeitstags müssen die Post-Angestellten ihren Arbeitsplatz leer räumen, denn am nächsten Morgen sollen sie sich woanders hinsetzen, um mit Kolleginnen und Kollegen in Kontakt zu treten, mit denen sie sonst nicht viel zu tun haben. Das erklärte Ziel hinter Grossraumbüros, Gruppenarbeiten und flexiblen Arbeitsplätzen ist es, Veränderungen anzustossen und die Kreativität zu fördern.

Doch entstehen die besten Ideen wirklich im verbalen Austausch in der Gruppe? Die US-Autorin Susan Cain bezweifelt dies. Sie hat "Quiet Revolu­tion" gegründet, eine Bewegung, die sich für die Anliegen von introvertierten Menschen stark macht. Bahnbrechende Ideen entstünden oft in der Einsamkeit, etwa auf einem Spaziergang. Einsamkeit sei die Luft, die Introvertierte zum Atmen bräuchten. Wie heute gearbeitet wird, käme vor allem Extrovertierten zugute und führe dazu, dass Introvertierte ihre Talente nicht voll ausschöpfen können.

Dies zeigt sich etwa bei den Führungspositionen. Studien belegen einen ausgeprägten Zusammenhang zwischen Extraversion und Aufstieg zur Führungskraft. Denn die Persönlichkeitsmerkmale von Extrovertierten, wie Aktivität und Durchsetzungsvermögen, gelten als Eigenschaften eines guten Chefs. Allerdings fokussiert diese Forschung stark auf die Wahrnehmung von Führung und nicht auf ihrer praktischen Konsequenz, also der Leistung der geführten Mitarbeitenden. Der Arbeitspsychologe Adam Grant konnte 2011 in einer Feldstudie nachweisen, dass der Profit eines Pizzalieferunternehmens dann am grössten war, wenn sich Mitarbeitende und Führungskraft ergänzten. Also konkret, wenn eine extrovertierte Chefin auf wenig proaktive Angestellte traf. Aber auch, wenn umgekehrt eine introvertierte Führungskraft ein proaktives Team führte. 

Während für die einen "Schweigen ist Gold" zutrifft, schöpfen andere ihre Energie aus dem Austausch mit anderen. Das Sprichwort kann also nicht als genereller Lebensrat dienen. Dies auch, weil es in der einen Situation angebracht ist zu schweigen, in einer anderen aber zu reden.

 
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