Sich Sorge tragen – trotz Quarantäne

Joël Frei
Forschung
Verband
Die Schweiz ist aufgrund der Corona-Krise im Ausnahmezustand. Nicht nur den Menschen, die unter Quarantäne gestellt wurden, macht die Situation psychisch zu schaffen.

Der Psychologieprofessor und Psychotherapeut Christoph Flückiger nimmt Stellung zu den psychischen Folgen einer Quarantäne und gibt Tipps, wie wir unserer Psyche in dieser Situation Sorge tragen können.

Eine vor wenigen Tagen erschienene Studie im medizinischen Fachjournal The Lancet kommt zum Schluss, dass die psychologischen Folgen bei Menschen, die unter Quarantäne gestellt werden, weitreichend sein können. Welche Personen sind besonders gefährdet, psychisch Schaden zu nehmen?

Personen leiden besonders darunter, wenn ihnen die Kontrolle über das eigene Leben genommen wird, ohne dass sie sich die neue Situation erklären können. Eine Quarantäne kann mit Verlust der Tagesstruktur und der Routine, Ängsten vor einer Ansteckung oder ums eigene Wohl sowie allgemeiner Unsicherheit wie es nun weiter geht, einhergehen. Zusätzlich müssen in der aktuellen Corona-Krise mitunter deutliche finanzielle Einbussen verkraftet werden.

Die Studie zeigt auch, dass die negativen psychischen Folgen für die Bevölkerung noch grösser sind, wenn eine ansteckende Krankheit unkontrolliert weiterverbreitet wird. Können Appelle an die Solidarität der Menschen – also, dass durch die individuellen Entbehrungen, die eine Quarantäne mit sich bringt, die Gesellschaft als Ganzes geschützt wird – den Isolierten helfen?

Die Studie weist darauf hin, dass restriktive Interventionen während einer Epidemie insgesamt nachvollziehbar begründet sowie verständlich und ruhig kommuniziert werden sollen. Dieses Bewusstsein wurde in der Kommunikation von Bundesrat und Bundesamt für Gesundheit (BAG) äusserst geschickt umgesetzt. Beispielsweise hatte der offizielle Appel für solidarisches Verhalten meine pubertierenden Jungs schwer beeindruckt. Dass sie sich nur noch eingeschränkt mit Freunden und Freundinnen treffen sollten, war danach praktisch kein Thema mehr in der Familie.

Welche Massnahmen der Psychohygiene sollten Fachleute des Gesundheitswesens unbedingt beachten?

Das Gesundheitspersonal «an der Front» (Psychologinnen und Psychologen sind indirekt betroffen) sind während der Arbeit unmittelbar mit einer realen Ansteckungsgefahr konfrontiert. Die damit einhergehenden Ängste sind bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar und ernst zu nehmen. Diese Ängste können sich auf das Hilfspersonal eines Spitals ausweiten. Eine Nachbarin hat sich an mich gewendet, weil sie als Putzfrau in einem Akutspital nur unzureichend über die Risiken informiert wurde und ihr die Schutzmassnahmen nicht klar waren. Dies hatte unter anderem auch mit sprachlichen Barrieren zu tun.

Was können physisch gesunde Menschen, die zuhause bleiben müssen tun, um die aktuelle Lage unbeschadet zu überstehen?

Bei der Frage nach dem «unbeschadet überstehen» steht die Verhinderung des Schadens im Vordergrund. Ich möchte die Frage gerne positiver und «annäherungsmotivierter» umformulieren: Was können wir für uns tun, damit wir in den nächsten Wochen in Isolation trotzdem eine gute Zeit erleben? Gibt es Dinge, die wir schon lange in Angriff nehmen wollten? Ich bin mir sicher, dass es etwas gibt, auf das wir Lust haben. Ein Projekt beispielsweise, das Sinn stiftet.

Wo bekommt man psychische Nothilfe in diesen Zeiten?

Die bestehenden professionellen Angebote können mit geschulten Fachpersonen in den meisten Fällen gut weiterhelfen. Diese Fachpersonen findet man zum Beispiel im Verzeichnis der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP (PsyFinder). Aktuell arbeitet die FSP daran, zusammen mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Hotline für Hilfesuchende einzurichten. Zudem setzt sich die FSP dafür ein, damit psychotherapeutische Leistungen per Telefon- und Videokonsultation wie traditionelle Face-to-Face-Therapien abgerechnet werden können. Dies ist sicherlich eine äusserst sinnvolle und gezielte Massnahme.

Fünf Tipps zum Umgang mit Isolation und Ängsten

  1. Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte (beispielsweise via Telefon oder Video)
  2. Halten Sie eine Tagesstruktur (regelmässig Essen und Schlafen) und eine Routine ein (etwa täglich um 8 Uhr eine halbe Stunde Turnübungen).
  3. Nutzen Sie die gewonnene Zeit für sinnvolle Dinge, die sie schon längst machen wollten (wie ein Fotoalbum nachführen oder ein Buch lesen)
  4. Nutzen Sie Ihre Räumlichkeiten dazu, zwischendurch für sich allein zu sein.
  5. Bieten Sie Hilfe an, respektive nehmen Sie Hilfe an, falls Sie sie brauchen.

Psychologische Hilfsangebote

Weitere Tipps für den Umgang mit Isolation, Ängsten und Stress

Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Artikel im medizinischen Fachjournal The Lancet zur Quarantäne

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