Spiritualität als Chance

Joël Frei
Forschung
Verband

Psychologie und Spiritualität scheinen auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Hier die empirische Wissenschaft, dort die geheimnisvolle Spiritualität, die nicht so leicht zu fassen ist. Doch die Psychologie würde eine Chance verpassen, wenn sie sich nicht für Phänomene interessieren würde, die ausserhalb ihres abgesteckten Spektrums liegen. Denn Spiritualität bedeutet für viele Menschen eine Quelle der Verbundenheit und ein Zugang zu einer Dimension, die sie übersteigt.

Erste Studien zeigen auf, dass besonders in Krisenzeiten viele Personen auf mit Spiritualität verbundene Ressourcen zurückgreifen. Gerade die Auseinandersetzung mit dem Tod scheint solche Prozesse anzustossen. Wer eine bedrohliche Erfahrung gemacht hat, fragt sich vielleicht, welche Dinge und Menschen für ihn wirklich wichtig sind: Was trägt in meinem Leben? Wer steht zu mir? Spiritualität wird in der positiven Psychologie als Charakterstärke und als Resilienzfaktor beschrieben.

Neben der Spiritualität hatte der US-Psychologe Martin Seligman weitere Charakterstärken untersucht, wie Dankbarkeit, Hoffnung, Freundlichkeit sowie die Fähigkeit, geliebt zu werden und zu lieben. Mitten in seine Studie fielen die Terror­anschläge vom 11. September 2001. Einige Monate später befragte er nochmals die gleichen Personen zu denselben Themen. Es zeigte sich, dass nach 9/11, ein nationales Trauma in den USA, Dankbarkeit und die anderen erwähnten Stärken ausgeprägter waren als zuvor.

Die Forschung zu Dankbarkeit zeigt exemplarisch auf, dass Psychologie und Spiritualität Hand in Hand gehen können. Wenn die berufsethische Haltung stimmt, kann diese Öffnung eine Chance für die Psychologie bedeuten. 

Publiziert im Psychoscope 1/2021

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