Toxische Erzählungen

Joël Frei
Verband
Vermischtes
Der Kontrollverlust in der Pandemie lässt manche an Verschwörungen glauben.

Wir leben in einer Zeit, die grosse Anforderungen an uns stellt. Für viele sind die Sommerferien wegen der Corona-Pandemie ins Wasser gefallen, andere haben sich darauf eingestellt, zu Hause zu bleiben. Wir werden nicht nur bei der Ferienplanung fremdbestimmt, sondern in fast jedem Lebensbereich. Das Gefühl eines Kontrollverlusts kann sich einstellen. Manchen ist gar das Leben entglitten: Ihnen wurde der Job gekündigt oder die langjährige Partnerschaft ging in die Brüche.

Die deutsche Sozialpsychologin Pia Lamberty beschreibt in ihrem Buch Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen das Gefühl des Kontrollverlusts als eine mögliche Erklärung, warum durch die Pandemie mehr Menschen anfällig für Verschwörungserzählungen werden. Der Mensch braucht auch in weniger turbulenten Zeiten Erzählungen. Wer über das, was ihm widerfahren ist, eine stimmige Geschichte erzählen kann, strukturiert sein Erleben und gibt den durchlebten Schwierigkeiten einen Sinn.

Doch manche sehen eine Welt, die für sie keinen Sinn ergibt. Sie erscheint ihnen ungerecht, angsteinflössend und vor allem: chaotisch. Sie finden keine Antwort auf ihre Sinnfragen: «Warum passiert das mit der Welt? Welche Rolle spiele ich darin?» Hier setzen Verschwörungs­erzählungen an. Gemäss Pia Lamberty bieten sie ihren Anhängerinnen und Anhängern ein allumfassendes Erklärungsmuster, das Orientierung und Halt verspricht. Sie erläutern, warum die Welt so und nicht anders ist – und wie alles miteinander verbunden ist.
 
Eine Forschungsgruppe um die Psychologin Sarah Kuhn von der Universität Basel hat untersucht, wie gross die Zustimmung zu Verschwörungserzählungen bezüglich Corona in der deutschsprachigen Schweiz und Deutschland ist und welche psychologischen Faktoren damit zusammenhängen. Die Analyse der anonymen Online-Umfrage unter 1600 Teilnehmenden ergab, dass im Durchschnitt knapp 10 Prozent aller Befragten einer Verschwörungsaussage stark zustimmten. Den grössten Anklang fanden Aussagen, die nahelegten, dass das Virus menschengemacht oder die offizielle Erklärung zur Ursache des Virus anzuzweifeln sei.

Verschwörungserzählungen als Geschäft
Solche Aussagen werden oft über digitale Medien­kanäle verbreitet. Es sind Websites oder soziale Medien, die bezüglich der Seriosität ihrer Quellen nicht über alle Zweifel erhaben sind. Darunter auch das grösste Videoportal der Welt, das zum Internetkonzern Google gehört: Youtube. Wenige Klicks genügen, um in die Welt der Verschwörungserzählungen abzutauchen. Denn die Algorithmen der Plattform sind so programmiert, dass auf die jeweilige Person zugeschnittene, stets «aufregendere» Videos als Nächstes vorgeschlagen werden, um die Medienkonsumierenden möglichst lange auf dem Videoportal zu behalten: Youtube wird durch Werbespots finanziert, die zwischen den Videos geschaltet werden. Was harmlos klingt, ist es leider nicht: Youtube dient als Katalysator der Radikalisierung.

Ein Team um den Computerwissenschaftler Manoel Horta Ribeiro von der ETH Lausanne hat den Youtube-Algorithmus auf Basis eines grossen Datensatzes von über 300 000 Videos, die auf 349 Kanälen publiziert wurden, analysiert. Gegenüber der NZZ sagte er: «Youtube und andere grosse Plattformen haben die Spielregeln des Internets erheblich verändert. Extreme Ansichten gab es schon immer, sie sind nur sichtbarer geworden, und Plattformen wie Youtube erlauben es Nutzern, dass solche gefunden werden.» 

Eine Welt in Schwarz und Weiss
Verschwörungserzählungen wirken spaltend, weil sie oft eine Welt konstruieren, in der die Rollen klar verteilt sind: Die Verantwortlichen sind benannt und ihre dunklen Machenschaften durchschaut. Die Kommunikationswissenschaftlerin Céline Külling von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) sagt: «Mit Unsicherheit und Inkohärenz konfrontiert, suchen manche einen Schuldigen. Es ist einfacher zu sagen, dass jemand einen Plan hinter all dem verfolgt. Je nach Verschwörungserzählung ist der Sündenbock jemand anders.» Ist diese Weltsicht einmal gefestigt, ist es schwierig, die betroffene Person mit Fakten, die die Erzählung infrage stellen, umzustimmen. Der Medienpsychologe Gregor Waller von derselben Hochschule rät, den Kontakt mit ihr aufrechtzuerhalten: «Treffen Sie sich weiter mit der Person, tauschen Sie sich aus, damit sie doch hin und wieder eine Gegenmeinung hört. Denn wenn sie nur noch mit ihresgleichen verkehrt, dann radikalisiert sie sich weiter.»

Oftmals sind es Falschmeldungen, die als Türöffner in die Welt der Verschwörungserzählungen dienen. Wer einer solchen Meldung ausgesetzt ist, kann verunsichert werden, denn sie lösen meist starke Gefühle aus: «Falschmeldungen erzählen oft negative, skandalöse Geschichten, die einen Empörungscharakter aufweisen. So werden Nachrichten emotional aufgeladen», sagt Gregor Waller. «Studien zeigen, dass Falschnachrichten stärker weiterverbreitet werden als herkömmliche, weniger emotionale, dafür fakten­basierte Nachrichten.» Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man im Internet auf Falschnachrichten stösst. Und wer dafür anfällig ist, sucht weiter auf solchen dubiosen Kanälen nach «Erklärungen» für seine Fragen. Falschmeldungen können als Bausteine dienen, mit denen sich eine Verschwörungserzählung konstruieren lässt. Menschen, die einer Verschwörungsaussage zustimmen, neigen dazu, auch weiteren anzuhängen.

Und wie jede Erzählung sind auch Verschwörungs­erzählungen flexibel: Sie können dem eigenen Weltbild und den eigenen Bedürfnissen entsprechend zusammengesetzt werden – auch wenn sich die einzelnen Verschwörungsaussagen logisch ausschliessen. Eine Studie der britischen Sozialpsychologieprofessorin Karen Douglas zeigte, dass Personen, die der Meinung waren, dass die ehemalige britische Kronprinzessin Lady Diana vom Geheimdienst umgebracht wurde, tendenziell auch eher daran glaubten, dass sie noch lebt.

Die psychologische Beschäftigung mit dem Verschwörungsglauben ist eine relativ junge Disziplin, die bis vor einigen Jahren als Nischenthema galt. Mittlerweile konnten Forschende zeigen, dass der Glaube an Verschwörungen drei Bedürfnisse des Menschen befriedigen kann: das Streben nach einer positiven Selbstwahrnehmung, das Streben nach Kontrolle und Sicherheit sowie das Bedürfnis, zu verstehen. Insbesondere die beiden letzten Bedürfnisse dürften durch die Unsicherheit und die vielen, zum Teil widersprüchlichen Informationen, die mit der Pandemie zusammenhängen, strapaziert worden sein.

«Mit Unsicherheit und Inkohärenz konfrontiert, suchen manche einen Schuldigen.»

Kritisches Denken und Medienkompetenz
Die Frage stellt sich darum, was getan werden kann, um dem Verschwörungsglauben etwas entgegenzuhalten. Eine neue Studie weist auf einen Schutzfaktor hin: kritisches Denken. Der französische Sozialpsychologe Anthony Lantian konnte zeigen, dass der Glaube an Verschwörungserzählungen umso geringer ist, je höher das Niveau des kritischen Denkens ist. 

Die Förderung des kritischen Denkens ist nicht nur eine pädagogische Aufgabe; auch die Psychologie leistet ihren Beitrag dazu. Der Medienpsychologe Gregor Waller sagt: «Wir müssen vor allem bei der Medien­kompetenz ansetzen. Eine Falschnachricht erkennt man unter anderem durch kritisches und schlussfolgerndes Denken.» In den Kantonen der Deutschschweiz wurde im Rahmen des Lehrplans 21 die Medienkompetenz stärker gewichtet und eine Reihe an Kursen behandelt die Thematik. Doch der Blick nach Deutschland zeigt, dass es bezüglich Sensibilisierung mehr Raum gibt. Medienschaffende besuchen dort im Rahmen des Projekts «Reporter4you» Schulen und geben Tipps zur kritischen Einschätzung von Nachrichten. Zudem wird ein kostenloser Online-Kurs für Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler angeboten, der faktenbasiertes Wissen rund um Corona vermittelt.
 
Bei der Sensibilisierung bezüglich Desinformation sind die Schulen wichtig. Doch um die ganze Gesellschaft zu erreichen, stehen sowohl die traditionellen als auch die neuen Medien in der Pflicht. Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF greift bei der Verifikation von Texten, Audios, Videos und Fotos auf ein internes Faktencheck-Team zurück. Im Kampf gegen Desinformation können wegweisende Partnerschaften entstehen. Das soziale Medium Facebook etwa arbeitet mit professionellen Faktchecking-Organisationen wie dem deutschen Recherchezentrum Correctiv zusammen, um Falschmeldungen als solche zu kennzeichnen (siehe Interview nebenan). Hierzulande übernimmt diese Rolle die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Seit Anfang 2021 überprüft eine Faktencheckerin zu hundert Prozent potenziell falsche 
oder irreführende Posts von Schweizer Usern.

Angesichts des grossen Datenvolumens in den sozialen Medien könnte in Zukunft auch künstliche Intelligenz eine Rolle spielen. Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hat Projekte für Forschende ausgeschrieben, die an Methoden wie dem sogenannten maschinellen Lernen arbeiten. «Diese Ansätze versuchen, mit einem semi-automatisierten Verfahren Texte so aufzubereiten, dass Desinformation erkennbar wird», sagt der Medienspezialist Thomas Häussler vom Bakom. Solche Tools könnten Faktenchecker und Medienschaffende in Zukunft dabei unterstützen, Falschmeldungen zu erkennen. Trotzdem werden sie nicht aus den Medien verschwinden, denn in den Rechtssystemen demokratischer Staaten ist die Meinungsfreiheit zu Recht ein wichtiges Gut. Und diese Freiheit schliesst eben auch ein, bis zu einem gewissen Grad falsche Aussagen zu machen und problematische Erzählungen zu konstruieren.

«Falschmeldungen versuchen, Menschen zu empören»

Was macht einen guten Faktencheck aus? 
Transparenz ist aus unserer Sicht das A und O bei einem Faktencheck. Es ist ganz wichtig, dass die Recherche für unsere Leser und Leserinnen nachvollziehbar ist. Darum nennen und verlinken wir alle unsere Quellen. Wir gehen unvoreingenommen an eine Recherche heran und wägen ab: Liegt hier überhaupt eine Falschmeldung vor? Wir haben mit elf unterschiedlichen Bewertungen eine detaillierte Bewertungsskala entwickelt. Ein Foto kann zum Beispiel manipuliert sein, eine Behauptung kann frei erfunden, aber auch mal unbelegt oder richtig sein. Was davon zutrifft, entscheiden wir immer erst am Ende der Recherche, wenn alle Informationen auf dem Tisch liegen. 

Falschmeldungen erzeugen oft starke Gefühle. Warum? 
Falschmeldungen versuchen Menschen mit einer «unfassbaren» Nachricht zu empören. Dadurch interagieren mehr Personen mit der Meldung, teilen sie, kommentieren und verbreiten sie. Das bringt den Urhebern oft Klicks und damit mehr Aufmerksamkeit und Gewinne. Wer starke Gefühlsreaktionen auf eine Meldung bei sich beobachtet, sollte deshalb kurz recherchieren, ob die Meldung plausibel ist. Tipps dazu findet man auf unserer Website. 

Welche Motivation steht hinter der Verbreitung von Falschmeldungen? 
Hinter Desinformation, die im Wissen verbreitet wird, dass sie falsch ist, stecken oft vielfältige Interessen. Das können etwa die Websitebetreiber sein, die mit den Klicks Geld verdienen. Das können aber auch Busunternehmerinnen sein, die Leute zu Demonstrationen fahren. Oder es können Ärzte sein, die Heilmethoden versprechen, eigene Produkte oder Bücher dazu verkaufen oder falsche Atteste ausstellen – dazu haben wir bereits recherchiert. Oft ist es aber bei der Motivation nicht so eindeutig. Ein grosser Teil der Falschinformationen im Netz wird von Menschen verbreitet, die wirklich daran glauben.

Sarah Thust ist Faktencheckerin und arbeitet für das Recherchezentrum Correctiv in Deutschland. Sie hat Journalistik und Psychologie studiert und war zuvor unter anderem für T-Online und die DPA tätig.

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