Von der Kunst, das Eis zu brechen

Aurélie Faesch-Despont
Verband
Zwei Westschweizer Journalistinnen hören während eines Podcasts Menschen an, die von der Gesellschaft verurteilt werden.

Nachdem Boris 50 Jahre lang sein wahres Ich verbergen musste, erhielt er vor einem Jahr die Diagnose Asperger. Er erzählt, wie er endlich gelernt hat, er selbst zu sein. Loïc ist zwischen 30 und 40 Jahre alt und depressiv. Er spricht über seine Krankheit und wie er trotz psychiatrischer Behandlung über Wege nachdenkt, die in den Tod führen. Sylvie ist HIV-positiv und berichtet über den Kampf, ihre Würde zurückzuerlangen, nachdem ihr mit 19 Jahren die Diagnose gestellt wurde. Dies sind drei Beispiele für die Themen, um die es in der ersten Podcast-Staffel von Brise Glace («Eisbrecher») geht. Produziert wird die Serie von zwei Journalistinnen der Tageszeitung Le Temps. Das dahinterstehende Konzept: sich für das interessieren, «was man sich weder zu sagen noch zu fragen traut». Célia Héron (CH) und Virginie Nussbaum (VN) möchten Menschen zu Wort kommen lassen, die bereit sind, das Schweigen zu brechen. So soll eine breitere Diskussion entstehen, die mehr Toleranz und Empathie gegenüber denjenigen bringen soll, die von der öffentlichen Meinung häufig schon verurteilt werden, bevor sie überhaupt angehört worden sind. 

Wie finden Sie die Themen?
VN: Wir haben eine Liste von Themen erstellt, die uns wichtig erschienen. Dann haben wir nach Menschen gesucht, die diese Themen verkörpern können. Wir haben uns in unserem Umfeld umgehört. So konnten wir Kontakt zu den gesuchten Persönlichkeiten knüpfen und wurden auch noch auf weitere Themen aufmerksam. Es kommt auch vor, dass Themen an uns herangetragen werden. Letztendlich ist es das Wichtigste, die richtige Person zu finden. Es muss jemand sein, der sich nicht nur traut, sein Erlebtes mitzuteilen, sondern er oder sie muss auch zu einer kohärenten Erzählung in der Lage sein und Abstand einnehmen können, um die Gründe und Konsequenzen des betreffenden gesellschaftlichen Tabus zu analysieren. Unsere Gesprächspartner haben alle einen langen Prozess hinter sich. Sie haben viel Zeit für Reflexion und Analyse aufgewendet. Wir achten sehr darauf, nicht voyeuristisch zu werden und das von unseren Gesprächspartnern Erlebte zu respektieren. Wenn wir das Gefühl haben, den Beitrag nicht adäquat zur Geltung bringen zu können, verzichten wir lieber auf die Ausstrahlung. 

Weshalb haben Sie für solche sensiblen Themen wie psychische Gesundheit, Trauer oder Sexualität das Podcast-Format gewählt?
CH: Audiobeiträge vermitteln Emotionen intensiver als Geschriebenes. Und in herkömmlichen Radiosendungen bleibt in der Regel nur wenig Raum für reine Wortbeiträge. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, bei den Gesprächen im Hintergrund zu bleiben. Das Podcast-Format ermöglicht es unseren Gesprächspartnern zu sagen, was sie wollen – und dies so, wie sie es wollen. Wir geben lediglich die Empfehlung, das Erleben in den Mittelpunkt zu stellen und es ungefiltert zu schildern. 
VN: Beim anschliessenden Schnitt können Momente des Schweigens oder des Zögerns hervorgehoben werden. Podcasts erzeugen zudem eine Art intime Blase. Es entsteht der Eindruck, dass die Geschichte jemandem ins Ohr geflüstert wird.

Die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich öffnen, ist Vertrauen. Wie schaffen Sie es in so kurzer Zeit, ein solches aufzubauen?
VN: Wir haben das Projekt ohne jegliche Erfahrung in der Podcast-Produktion begonnen. Dass wir in diesem Bereich neu waren – und dies unseren Gesprächspartner offenbart haben – hat Druck von uns genommen. Es kommt hinzu, dass wir die Gespräche aus logistischen Gründen und um die Anonymität zu garantieren bei uns aufzeichnen. Dadurch entsteht automatisch ein intimer Rahmen. 
CH: Wir achten während der Gespräche auf eine neutrale und wohlwollende Haltung, die nicht urteilt. Das hindert uns nicht daran mitzufühlen. Wir wissen nicht im Voraus, was die Personen uns erzählen werden. Das erfahren wir während ihrer Erzählung. 

Haben Sie sich schon einmal mit einem ­Gesprächspartner ungeschickt verhalten?
CH: Ja, in der Folge über Autismus. Dort machte mich mein Gesprächspartner darauf aufmerksam, dass ich tendenziell und reflexartig das Erleben der anderen als normal dargestellt hatte. Er hatte mir anvertraut, dass er den Blick der anderen nicht aushalten kann, und als Reaktion darauf hatte ich automatisch versucht, seine Reaktion zu rechtfertigen. Das hat er als Negierung seiner Symptome wahrgenommen. Zum Glück hat er mir das auf eine wohlwollende Art gesagt. Ich habe mich dafür bedankt, dass ich mich dank ihm weiterentwickeln konnte. Wir erheben nicht den Anspruch, alle Themen zu beherrschen. Bei jedem Gespräch lernen wir etwas Neues.

Denken Sie, dass Sie Ihr Ziel erreicht haben?
VN: Wir sind uns natürlich bewusst, dass wir mit unserem Podcast nicht die Welt verändern werden. Bei der ersten Staffel hatten wir 200 000 Hörer. Das ist nicht wenig. Wir haben selbst viel über Vorurteile und Diskriminierung erfahren, und wir hoffen, dass der Podcast auch bei unseren Hörern den Blick auf die betroffenen Menschen verändert.
CH: Einige unserer Gesprächspartner haben uns erzählt, dass sie den Podcast an ihre Familie gesendet haben, um sich ihnen zu offenbaren. Für sie war es die Möglichkeit, das Tabu ihrer Familie gegenüber zu brechen. Das war natürlich mehr, als wir uns erhofft hatten.

Gibt es ein Tabu, über das Sie niemals berichten würden?
CH: Inzest ist wahrscheinlich das schwierigste Thema. Es ist das Tabu, das uns wohl die meiste Arbeit abverlangen würde. Ob Inzest das allergrösste Tabus ist? Ich könnte ihn jedenfalls nicht angehen, ohne mich gründlich darauf vorzubereiten. 
VN: Grundsätzlich ist alles denkbar. Beispielsweise hätten wir nichts dagegen, jemanden einzuladen, der in der Täterrolle war: einen Straftäter oder Verbrecher. Wir würden uns auch gerne vermehrt mit psychischen Krankheiten auseinandersetzen, auch wenn diese Themen mehr Vorbereitung brauchen.

Informationen
Die zweite Staffel von Brise Glace beginnt im Frühjahr 2019. Alle Podcasts der ersten Staffel stehen noch gratis auf der Website von Le Temps zur Verfügung.
https://www.letemps.ch/podcast