«Vorarbeiten sind von hoher Qualität»

Philipp Thüler
Psychotherapie
Verband
Bis zu einem gültigen Tarif für die Psychotherapie sind noch einige Stolpersteine zu überwinden.

Der Tarifexperte Pius Gyger berät und begleitet die FSP und ihre Partnerverbände ASP und SBAP bei den Verhandlungen mit den Krankenversicherern über einen Tarif für die psychologische Psychotherapie.

Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sollen ihre Leistungen direkt über die Grundversicherung abrechnen können. Dieses seit langem angepeilte Ziel liegt in Griffnähe (siehe Psychoscope 2/2020). Wenn es erreicht ist, benötigen psychologische Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen für die selbstständige Abrechnung über die Grundversicherung eine Tarifvereinbarung. Diese muss zwischen den Berufs- und den Krankenkassenverbänden abgeschlossen werden. Die Arbeiten dazu sind im vollen Gange. Ein Gespräch mit dem Berater Pius Gyger.
 
Wo stehen wir heute bezüglich einer Tarifvereinbarung mit den Krankenversicherern? 
Wir haben unter den Psychologieverbänden die Zielsetzungen abgestimmt. Erste Treffen mit den Krankenversicherungsverbänden haben zudem stattgefunden und wir haben auch mit dem Spitalverband H+ gesprochen. Im Moment liegt ein konkreter Vorschlag für eine Absichtserklärung unsererseits vor, die nun diskutiert wird. 

Welches sind die wichtigsten Etappen auf dem Weg zur Vereinbarung?
Zuerst muss geklärt werden, wer die Tarifpartner sind. In unserem Fall ist beispielsweise noch nicht klar, ob und wie die Spitäler einbezogen werden sollen. Generell sollten sich die Tarifpartner sodann darauf einigen, welche Ziele man in den Verhandlungen erreichen will, wie die Verhandlungsorganisation aussieht, wann man soweit sein will, wie man mit Daten umgeht und so weiter. Danach kommt die technische Arbeit, nämlich die Einigung bezüglich Methodik der Kostenherleitung, der Leistungsbezeichnungen sowie der administrativen Fragestellungen rund um die Rechnungsstellung. Als Letztes muss all dies in einem Tarifvertrag formuliert, von den Tarifpartnern unterschrieben und dem Bundesrat zur Genehmigung vorgelegt werden.

Die delegierte Psychotherapie wird über den Ärztetarif Tarmed abgerechnet. Wieso kann die psychologische Psychotherapie zukünftig nicht auch mit diesem Tarif vergütet werden? 
Zum einen wird in den Erläuterungen zur Vernehmlassungsvorlage des Bundesrats dargelegt, die entsprechenden Kapitel in Tarmed beziehungsweise Tardoc müssten gestrichen werden. Diese Tarife wurden ja auf Basis von betriebswirtschaftlichen Kosten hergeleitet, welche im Rahmen des Delegationsmodells erhoben wurden. Und an diesen Daten ändert sich durch die Einführung des Anordnungsmodells nichts. Zum anderen sind Tarmed und Tardoc Arzttarife. Meines Erachtens ist es nicht zwingend notwendig, die Tarifhöhe für die Therapien von angestellten Psychotherapeuten zu verändern. Auch sollte es weiterhin möglich sein, dass Psychotherapeutinnen bei Ärztinnen oder Ärzten angestellt sind. In diesem Fall verändert sich nur die Form der Rechnungsstellung. Für die Psychotherapeutinnen in eigener Praxis braucht es einen neuen Tarif, weil sie neu zu Leistungserbringenden gemäss Krankenversicherungsgesetz werden. Da sie nicht Ärzte sind, können sie nicht mit einem Arzttarif abrechnen. 

Andere Verbände tun sich enorm schwer. Die Physiotherapie klagt seit vielen Jahren über schlechte Tarife. Woran liegt das? 
Bei der Physiotherapie ist die Basis des Tarifs über die Jahre veraltet. Und es wurde auch nicht vereinbart, wann und warum jeweils eine Tarifanpassung vorgenommen werden soll. So prallten die Forderungen der Physiotherapeuten bei den Versicherern ab. Die Situation bei den Psychotherapeutinnen und -therapeuten ist insofern anders, als sie ja gewollt zu neuen Leistungserbringern werden. Und so können die Versicherer das Argument nicht ernsthaft vorbringen, es dürfe nicht zu Mehrkosten kommen. Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) schreibt vor, dass Tarife sachgerecht, betriebswirtschaftlich hergeleitet und versorgungssichernd ausgestaltet werden müssen.

Die FSP und ihre Partnerverbände haben schon vor Jahren Vorarbeiten geleistet, unter anderem wurde eine Modellpraxis entwickelt. Können Sie darauf aufbauen?
Ja, darauf kann man aus meiner Sicht aufbauen. Die Vorarbeiten wurden methodisch in hoher Qualität durchgeführt. Nun gilt es, mit den Tarifpartnern auf dieser Basis zu verhandeln.

Sie haben schon viele Tarifverhandlungen geführt. Welche Stolpersteine warten auf uns?
Ich habe noch nie Verhandlungen erlebt, die ohne Unvorhergesehenes über die Bühne gingen. Manchmal können plötzlich Blockaden auftreten, oder man muss gewisse Prämissen anpassen, weil sich herausstellt, dass sie sich so nicht realisieren lassen. Es kann auch sein, dass einzelne der am Verhandlungstisch vertretenen Verbände von ihren Mitgliedern gezwungen werden, eine andere als die verfolgte Richtung einzuschlagen. Da die Tarife letztlich von den Behörden genehmigt werden müssen, kann es auch sein, dass sie unvorhergesehene Vorgaben machen.
 
Die psychotherapeutische Arbeit, ob von ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten durchgeführt, ist im Grund dieselbe. Sie müsste also gleich entlöhnt werden. Ist das realistisch?
Es gibt viele Tarife im Gesundheitswesen, aber auch in anderen Branchen, welche für die gleiche Leistung eine unterschiedliche Entlöhnung kennen. Das ist bei den Arzt-, aber auch den Spitaltarifen der Fall. Die Unterschiede basieren auf zum Teil eigenartigen Begründungen. Doch ich erachte es als zwingend, dass in einer Tarifverhandlung der Vergleich mit vergleichbaren Leistungen gemacht wird. Wenn es Unterschiede geben sollte, müssen sie mit vernünftigen Begründungen erklärt werden können. 

Der Tarif wird von den Psychologieverbänden ausgehandelt. Das ist ein grosser Aufwand. Können alle psychologischen Psychotherapeutinnen den erarbeiteten Tarif nutzen oder nur die Verbandsmitglieder?
In der Schweiz haben alle Psychotherapeuten das Recht, dem ausgehandelten Tarifvertrag beizutreten, auch Nichtmitglieder der Verbände. Aber es ist üblich, dass Nichtmitglieder – weil sie eben keinen Mitgliederbeitrag und daher keine Mitfinanzierung der Aufwendungen leisten – eine höhere Beitrittsgebühr entrichten müssen als die Verbandsmitglieder. 

So wird der Tarif ­verhandelt

Die drei Schweizer Psychologieverbände FSP, ASP und SBAP sind in der Arbeitsgruppe «Psytarif» vertreten, welche die Tarifverhandlungen vorbereitet. In dieser Arbeitsgruppe werden die wesentlichen Vorgaben für die eingesetzte Verhandlungsdelegation diskutiert und beschlossen. Sie gibt der Delegation den Rahmen vor, in dem sie sich bewegen kann.

Die Verhandlungsdelegation kann gegenüber den Tarifpartnern aber keinen definitiven Entscheid fällen. Jedes Zwischenresultat wird in der Arbeitsgruppe diskutiert und gegebenenfalls korrigiert. Das Endresultat bedarf der Zustimmung der drei Psychologieverbände.
 

Kommentare

Philippe Dalliard

Philippe Dalliard

21/10/2020

Bonjour, pouvez-vous nous donner des nouvelles sur l’avancement de vos travaux ? Où en êtes-vous par rapport à vos réflexions et décisions ? Merci d’avance. Cordialement. Ph. Dalliard

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