Was die Sportuhr mit unserer Psyche macht

Urs-Ueli Schorno
Verband
Wir vermessen unseren Körper immer genauer. Dabei sollten wir uns gute Ziele setzen.

Der Computer am Handgelenk ist vom Spielzeug zum Massenprodukt geworden. Weltweit wurden 2021 laut dem Branchenportal iTReseller rund 533 Millionen Fitnessarmbänder, Sportuhren oder Smartwatches, sogenannte Wearables, verkauft. Tendenz steigend. 

Viele messen also ihre tägliche Schrittzahl bei der Arbeit, ihre Herzfrequenz beim Joggen, kontrollieren die Schlafqualität und die tägliche Anzahl verbrannter Kalorien. Ambitionierte Sportlerinnen und Sportler wissen dank fortschrittlichen Modellen, wie gross die maximale Sauerstoffsättigung in ihrem Blut ist. Selftracking ist das Gebot der Stunde: Alle möglichen Eigenschaften des Körpers werden mit Hilfe technischer Mittel erfasst, die Daten gesammelt und ausgewertet.

«Grundsätzlich kann ein Fitnesstracker eine super Sache sein», findet Katharina Albertin, Präsidentin der Swiss Association of Sport Psychology (SASP). Die Fachpsychologin für Sportpsychologie und Psychotherapeutin aus Zürich begleitet nicht nur Spitzensportler in mental schwierigen Situationen, zu ihren Klienten gehören auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene, vom Bewegungsmuffel bis hin zu solchen, die Spitzensportlerin werden möchten. 

«Gerade wer lange Zeit keinen Sport gemacht hat, kann dank einer Fitnessuhr zu einem besseren Körpergefühl finden und dabei die Freude an der Bewegung entdecken.» Beim ersten Kontakt mit der Technologie wird oft der Spieltrieb geweckt: «Wir treten in Beziehung mit dem Gerät und lernen neue Funktionen kennen. Das ist zunächst sehr motivierend.» Das passiere oft unbewusst. «Heute ist das Tragen einer Fitnessuhr ‹normal›: Wir kaufen sie, weil sie uns gefällt, bekommen sie geschenkt oder probieren das Gerät unseres Partners einfach mal aus.»

Druck zur Selbstoptimierung
Im Lauf der Zeit wird der Fitnesstracker nicht selten ein fester Bestandteil im Alltag seiner Träger. Automatisch wird Aufforderungen wie: «Nur noch 1267 Schritte, bis Sie Ihr Tagesziel erreicht haben» Folge geleistet. Der Vergleich mit dem «Tamagotchi» taucht in der Literatur auf: Das eiförmige Gerät aus Japan war in den 1990er-Jahren ein beliebtes technisches Spielzeug. Das digitale Haustier macht mit Tonsignalen auf sich aufmerksam, wenn es gefüttert, Gassi geführt oder unterhalten werden will. So kann es gedeihen, falls die Spieler seinen Wünschen nachkommen. Falls nicht, geht es ein. Nun, so die These, werden wir selbst zu diesem Tamagotchi, dem seine Uhr sagt, wann es was zu tun hat. Damit verbunden ist eine Art Versprechen: Durch das Einhalten und Steigern von Datenwerten wie Kalorien­verbrauch, Schrittzahl oder Anzahl zurückgelegter Kilometer wird der Nutzer quasi spielend zu einer besseren, gesünderen und fitteren Version seiner selbst.

Die mit dem Selftracking implizit verbundene Aufforderung zur Selbstoptimierung hat aber auch eine Kehrseite. So wurden etwa problematische Verhaltensformen bei Jugendlichen beobachtet: Eine Studie der englischen University of Warwick aus dem Jahr 2018 zeigt, dass Jugendliche, die einen Fitnesstracker tragen, sich mehr Sorgen um ihr Gewicht machen und vor allem trainieren, um abzunehmen. Ihre Aktivitäten zeichnen sich öfter durch Zwanghaftigkeit aus, sie fühlen sich durch das Selftracking zusätzlich unter Druck gesetzt, was insbesondere Essstörungen hervorrufen oder verstärken kann. Aber auch im Alter ist man nicht vor Problemen gefeit: Die US-amerikanische Kardiologin Lindsey Rosman schildert in einer Studie den Fall einer 70-jährigen Patientin mit Vorhofflimmern. Zur Überwachung ihrer Herzfrequenz sollte sie einen Fitnesstracker tragen. Doch statt sicherer, fühlte sie sich durch die permanente Überwachung bald unter Druck gesetzt: Warnhinweise der Uhr interpretierte sie als Verschlechterung ihres Zustands. In der Folge suchte sie immer wieder die Arztpraxis auf. Obwohl es keinen medizinischen Anlass zur Besorgnis gab, verschlechterte sich ihr psychischer Zustand zunehmend. Die Autorin versichert, viele ähnliche Fälle zu kennen.

Die Liste lässt sich mit eigenen, oft weniger gravierenden Erfahrungen verlängern. Angefangen beim Kollegen in der Laufgruppe, der nervös wird, wenn er mal seine Fitnessuhr zuhause vergisst. 

Kontrollfreaks sind besonders gefährdet
Kaum jemand kommt wegen seiner Beziehung zum Fitnesstracker zu Katharina Albertin in die Praxis. Doch immer mehr kommen im Verlauf von Coachings und Therapien auf die technisch unterstützte Vermessung des eigenen Körpers zu sprechen. «Um zu verstehen, was beim Selftracking passiert, hilft ein Blick auf das Modell der psychischen Grundbedürfnisse», sagt die Sportpsychologin und zitiert das Modell nach Klaus Grawe: «Es unterscheidet in ‹Bindung›, ‹Kontrolle und Orientierung›, ‹Lustgewinn und Unlustvermeidung› sowie ‹Selbstwertschutz und -Stärkung›. Der Fitness­tracker bedient dabei sehr stark das Bedürfnis nach Kontrolle», führt sie aus. «Das Vergleichen und Messen birgt dabei ein Suchtpotenzial, das durchaus mit einem Tamagotchi-Spiel vergleichbar ist und suggeriert, den Körper unter Kontrolle zu haben.»

Doch dieses Kontrollgefühl ist tückisch. Spitzensportler kennen das. Ihre Körper werden mit allen Möglichkeiten der medizinischen Technik vermessen. Die Rede ist vom «gläsernen Athleten». Katharina Albertin schildert aus Erfahrung: «Es gibt die sogenannten Trainingsweltmeister. Diese Sportler und Sportlerinnen sind oft sehr diszipliniert und fleissig. Sie halten sich strikte an Diäten, Trainingspläne und Schlafroutinen. Das Selftracking ist für sie wie gemacht, um das Bedürfnis nach Kontrolle zu befriedigen.» Die besagte Athletin habe sich beklagt, dass sie im Wettkampf nicht besser abschneide, obwohl sie alles tue, um ihre Werte zu steigern. Besonders frustrierend sei, wenn die Konkurrentin im Siegerinterview auch noch freimütig erzählt, sich regelmässig eine Tafel Schokolade zu gönnen. «Die Trainingsweltmeisterin versteht nicht, wie das möglich ist, da sie alles tut, um ihre Werte auf einem maximalen Level zu halten.» Dieses Phänomen sei besonders verbreitet bei Ausdauersportarten wie Triathlon, Marathon oder Rennvelofahren, auch im Breitensport. 

Gefangen in der Welt der Daten
«Beschäftigt man sich ständig mit den gemessenen Leistungswerten. dann bewegt man sich in einer ‹Daten-Bubble›. Es gelingt nicht mehr, den Kopf freizuhalten, wenn es darauf ankommt», erklärt Katharina Albertin. Sie spricht vom «inneren Raubtier», das Sportler zu aussergewöhnlichen Leistungen antreibt. «Um diesen animalischen Trieb zu aktivieren, muss ein Sportler seinen Kopf abschalten und ganz auf seinen Körper vertrauen. Ist dieser Antrieb eingeschränkt, lässt die Motivation nach, der Selbstwert leidet und die Lust am Sport kann vollends erlöschen.»

Die exzessive Beschäftigung mit Zahlen produziert also einen blinden Fleck: Denn die Fitnessuhr macht nur sichtbar, was durch Sensoren messbar gemacht werden kann. «Sie kann keine Gefühle messen. Emotionale Werte wie Robustheit, Aggressivität, Risiko­bereitschaft, Selbstsicherheit oder die schiere Lust an der Bewegung werden ausgeblendet.» Diese mentalen Stärken werden im schlimmsten Fall negativ beeinflusst, das natürliche Körpergefühl schwindet und Blockaden behindern den Abruf der Leistung.

Abhilfe verspricht das nicht nur im Sport verbreitete Führen eines Tagebuchs, oder in der digitalen Form eines Blogs. Hier werden nicht nur messbare Aktivitäten dokumentiert, sondern vor allem die erlebten Emotionen. Katharina Albertin sieht darin aber noch nicht die Lösung, eine toxische Beziehung zur Selbstvermessung zu vermeiden: «Das Tagebuch kann zwar helfen, aber man sollte sich bewusst sein, dass es genauso eine Form des Selftrackings ist, die exzessiv betrieben werden kann.» Wichtiger sei deshalb, vor dem Kauf oder Gebrauch eines Fitnesstrackers mit sich selbst zu klären, wofür man das Gerät einsetzen will. Ein Tagebuch könne dann eine sinnvolle Ergänzung oder sogar Alternative sein. 

Die richtigen Ziele setzen
Um Selftracking sinnvoll zu nutzen, führt kein Weg daran vorbei, sich Ziele zu setzen. Müssen diese Ziele aber genauso «smart» sein wie die Uhren? Nämlich: spezifisch, messbar, erreichbar, relevant und in einem festgelegten Zeitrahmen? «Smart» sei in aller Munde, sagt Katharina Albertin, «oft geht dabei aber das ‹Selbst› vergessen.» Die Sportpsychologin arbeitet mit ‹selbstkonkordanten Zielen›: «Gute Ziele sind solche, die auch zu einem Selbst passen; sie stimmen mit meiner Persönlichkeit, meinen Werten und schliesslich mit mir selbst überein.»

Das erfordert, Fragen nach dem Warum zu klären: Wieso habe ich diese Form der Bewegung gewählt? Wie stark identifiziere ich mich mit einer Aktivität? Steht ein Leistungsmotiv im Fokus oder eher gesundheitliche Aspekte? Wie stark bin ich bereit, für meine Ziele an psychische und physische Grenzen zu gehen? Aus dieser Perspektive werden intrinsisch motivierte Ziele formuliert, die resistenter gegen die Risiken der Selbstvermessung sind. Zum Beispiel: fit zu werden, um wieder auf den Berg wandern zu können, auf dem man in der Jugend so gerne war. Dieses Ziel ist nicht ausschliesslich durch Strecke, Höhenmeter und Puls messbar, sondern beinhaltet auch ein ganz spezifisches, persönliches Gefühl, das man von früher kennt.

Wir halten fest: Bewegung ist gesund – und zwar solange sie Spass macht. Selftracking kann dabei helfen, Ziele zu erreichen, aber auch zum Stolperstein werden, wenn man sich dadurch unter Druck gesetzt fühlt. Katharina Albertins Rat: «Als Indikator, ob meine Beziehung zur Fitnessuhr problematisch ist, sollte man zwei Wochen darauf verzichten können und sich fragen: Wie fühle ich mich dabei?»

Plateau, C., Bone, S., & Meyer, C. (2018). Monitoring eating and activity: Links with disordered eating, compulsive exercise, and general wellbeing among young adults. International Journal of Eating Disorders. doi: 10.1002/eat.22966

Rosman, L., Gehi, A., & Lampert, R. (2020).When smartwatches contribute to health anxiety in patients with atrial fibrillation. Perspectives. doi: 10.1016/j.cvdhj.2020.06.004

Kommentare

Die Kommentare sollen einen konstruktiven Dialog ermöglichen und die Meinungsbildung und den Ideenaustausch fördern. Die FSP behält sich das Recht vor, Kommentare zu löschen, die nicht diesen Zielen dienen.

Kommentar hinzufügen