Wenn der Druck in die Sucht führt

Joël Frei
Forschung
Verband
Um den hohen Anforderungen in der Gesellschaft zu genügen, greifen viele zu Medikamenten und Drogen.

Mitte Januar dieses Jahrs wurde ein Sekundarschüler im basellandschaftlichen Gelterkinden ins Spital eingeliefert. Der 12-Jährige konnte sich kaum auf den Beinen halten, weil er sich mit Xanax zugedröhnt hatte, ein angstlösendes Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine.

Der Leiter der Sekundarschule versprach gegenüber der bz – Zeitung für die Region Basel, das Präventionsangebot stetig anzupassen. Zweieinhalb Jahre zuvor hatte dieselbe Schule Schlagzeilen gemacht, weil Schüler in den Konsum und Handel von Cannabis und Kokain involviert waren. Das Experimentieren mit Drogen unter Jugendlichen liesse sich nicht gänzlich verhindern, weil «gesellschaftliche Aspekte» eine Rolle spielten, sagte der Schulleiter. 

Fachleute wollen Phänomen verstehen
Dass Jugendliche sich mit abhängig machenden Medikamenten berauschen, ist ein neues Phänomen. Und es beschränkt sich nicht auf die Region Basel. Der Soziologe Domenic Schnoz, Leiter der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs, versucht, die gesellschaftlichen Hintergründe und die Motivation hinter dem Missbrauch von Benzodiazepinen unter Jugendlichen zu ergründen: «Wir sind daran, unser Netzwerk zu aktivieren, um zu erfassen, wie verbreitet der Konsum ist, wer das macht und wieso. Ich habe dazu 1000 Fragen und etwa drei Antworten.»

Die wenigen Anhaltspunkte, welche die Fachleute zurzeit haben, deuten darauf hin, dass die angstlösenden Medikamente oft zusätzlich zu anderen Substanzen wie Alkohol, Cannabis, codeinhaltigem Hustensaft oder anderen Opioiden eingenommen werden. Manche der Jugendlichen nehmen sie, um den in Schule und Familie entstandenen Stress zu bewältigen.

In einer Reportage der Zeit sagt der Sekundarschüler Timo (Name geändert) aus der Basler Agglomeration: «Xanax hat mein Leben verändert.» Der Teenager hatte schon in der Primarschule Konflikte mit Lehrern und seinen Eltern und bekam schlechte Noten. Heute ist er Klassenbester. Die Konflikte mit den Lehrern hätten aufgehört, seit er die Medikamente nehme. Er hinterfrage jetzt nicht mehr alles. Sogar die Streitereien zu Hause mit dem Vater halte er aus.

Geben sich Jugendliche mit dem Einwerfen von Medikamenten eine Pause vom Leistungsdruck, dem sie in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind? Oder tun sie es im Gegenteil, weil sie glauben, dank ihnen besser «funktionieren» zu können? 

Im Hamsterrad der Hochschule
Unter Studierenden spielt hinter dem Medikamentenkonsum das Motiv der Leistungssteigerung eine wichtige Rolle. Sogenannte Neuro-Enhancer, Medikamente und Substanzen zur vermeintlichen Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit, sind unter Studentinnen und Studenten verbreitet. Dies zeigte eine repräsentative Studie in der Bevölkerung aus dem Jahr 2014 des Psychologieprofessors Michael Schaub, der das Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) leitet.

Überrascht hatte den Psychologen, dass nicht wie angenommen die Studierenden der Medizin am häufigsten nach Neuro-Enhancern wie Ritalin und ähnlichen Substanzen griffen, sondern die Architekturstudierenden: «Sie haben oft kurzfristig einen sehr komplexen Auftrag, den sie mit enormem Zeitdruck fertigstellen müssen. Insofern ist es der Stress im Studium, der ausschlaggebend ist und zu diesem Verhalten führen kann. Ob jemand direkt Zugang zu Medikamenten hat, scheint weniger entscheidend.»

Die Studie zeigte aber auch, dass die kognitive Leistungssteigerung nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Von den über 10 000 befragten Teilnehmenden hatten vier Prozent in ihrem Leben mindestens einmal einen Neuro-Enhancer ausprobiert, ohne dass eine medizinische Indikation vorlag. Auch Unterschiede zwischen den Generationen spielen beim Phänomen eine Rolle: «Es sind vor allem Personen in Ausbildung und Studium, die sich dopen. Wenige Menschen ab 45 Jahren tun das. Sie gehen das Leben tendenziell ruhiger an, sind seltener direkten Stresssituationen ausgesetzt oder haben besser gelernt, mit Stress umzugehen», sagt Michael Schaub.

Der Forscher kann nicht sagen, ob das Phänomen des Neuro-Enhancements heute, sechs Jahre nach seiner gross angelegten Studie, zu- oder abgenommen hat. Doch gebe es Risikogruppen, die öfter auf solche Substanzen zurückgreifen. Dazu gehören die Studentinnen und Studenten. Zurzeit plant Michael Schaub eine Studie, die ergründen soll, was beim Übertritt ins Erwerbsleben passiert. «Wie verhalten sich Studierende, die sich schon einmal gedopt haben? Führen sie das weiter oder war das Studium ein besonderes Umfeld und Neuro-Enhancement ist später kein Thema mehr?»

Die Grenze zwischen direktem und indirektem Neuro-Enhancement, bei dem etwa das Unterdrücken von arbeitsbezogenen Sorgen und Grübeln beim Einschlafen im Fokus steht, verläuft nicht trennscharf. Die Forschung zeigt zudem, dass Personen stärker dazu neigen, auf Neuro-Enhancer zurückzugreifen, wenn sie zuvor Drogen ausprobiert hatten. «Wer schon illegale Substanzen wie Amphetamine oder Kokain konsumiert hat, dem fällt es leichter, auch Medikamente zum Zweck des Neuro-Enhancements zu nehmen», sagt Michael Schaub.

Um wirksame Programme der Gesundheitsförderung aufzugleisen, interessieren sich Fachleute insbesondere für das Konsumverhalten von jungen Menschen. Jugendliche steigen oft in den Substanzkonsum ein, weil sie sich fit fürs Nachtleben machen wollen, dem Gruppendruck nicht standhalten oder weil sie neugierig auf den Effekt der Droge sind.

«Die Arbeit gurkt dich nicht an, sie fällt dir leichter, die Stunden vergehen schneller.»

Die Partydroge wird zum Enhancer 
So war es beim heute 47-jährigen Mario (Name geändert). Der gelernte Autolackierer ist heute Koch. Er gibt bereitwillig Auskunft, möchte aber anonym bleiben. Zurzeit durchläuft er eine Entwöhnungstherapie an einem abgeschiedenen Ort im Kanton Bern, wo er auf sein früheres Leben zurückblickt: «Ich habe alles genommen, was mir in die Finger kam», sagt der etwas impulsiv, aber charmant wirkende Mario. «Meine Lieblingsdrogen waren Heroin und Kokain, aber ich sagte auch nicht nein zu Ecstasy, zu ein paar Pilzchen, Hasch oder Christal Meth.»

Anfänglich waren es Life­style-Aspekte, die bei Marios Substanzkonsum eine Rolle spielten. Er wollte die Nächte durchtanzen und positive Gefühle erleben: «Ecstasy ist eine Droge, die auf das Gemüt schlägt. Ich hatte in dem Moment jeden gern, hatte ihn wirklich gern.»

Dann merkte er, dass er unter dem Einfluss von Kokain seine Stimmung bei der Arbeit aufhellen konnte. Mario half damals in der Pizzeria der Familie mit und begann, auch unter der Woche Kokain zu nehmen. Seine Eltern waren überfordert mit der Situation: «In einem Familienbetrieb hast du einen grösseren Rahmen, in dem du konsumieren kannst. Es wird eher ein Auge zugedrückt als in einer anderen Bude.» Er habe Kokain nicht genommen, um besser arbeiten zu können. «Kokain gab mir ein sehr starkes, euphorisches Gefühl. Gearbeitet habe ich nebenbei. Die Arbeit gurkt dich nicht an, sie fällt dir leichter, die Stunden vergehen schneller.» 

Eine gedopte, funktionierende Gesellschaft?
Der Substanzkonsum ist in gewisser Weise ein Spiegel der Gesellschaft. In der Jugendkultur der Hippies in den 1968er-Jahren beispielsweise galt der LSD-Trip als Statement gegen die verstaubten Strukturen des Establishments. Auch später, in den 1990er-Jahren, wurden bewusstseinsverändernde Substanzen als Gegenkonzept zur vorherrschenden Lebensart zelebriert, als Ausstieg aus der Gesellschaft.

Das war einmal, sagt der Soziologe und Präventionsexperte Domenic Schnoz: «Gerade bei Jugendlichen sind Gegenkonzepte nicht mehr verbreitet. Ich sehe heute keine alternative Lebensart, keine grosse Jugendkultur, die dem Funktionieren entgegensteht.»

Leben wir demnach in einer Gesellschaft, in der das Gebot des Funktionierens an oberster Stelle steht? Eine Gesellschaft, in der die sozialen Kosten von Hirn­doping als Kollateralschaden in Kauf genommen werden? Der Präventionsexperte geht davon aus, dass Medikamente und illegale Drogen in der Bevölkerung keine wichtige Rolle spielen, wenn die Motivation dahintersteht, bei der Arbeit eine bessere Leistung abzurufen. Doch bei der Bewältigung von Stress, der durch die Arbeit entsteht, kommt dem Substanzmittelkonsum ein grosser Stellenwert zu.

Vor den illegalen Substanzen wie Kokain und Cannabis komme der Alkohol: «Wenn wir das gesamte Spektrum an Substanzen anschauen, dann ist Alkohol klar die Nummer eins. Das Feierabendbier, um runterzukommen, oder der Rotwein, um besser einschlafen zu können. Der Alkoholkonsum ist stark mit Stress verbunden.»

Nicht alle sind gleich vor dem Stress. Und nicht alle sind ihm gleich stark ausgesetzt. Im Gastgewerbe beispielsweise wird den Mitarbeitenden viel abverlangt. Die Mischung aus unregelmässigen Präsenzzeiten und kurzen Zeitspannen, in denen die Köche ihre volle Leistung abrufen müssen, führt zu hohem Stress. Die anfängliche Lifestyle-Droge Kokain wurde für den Koch Mario zum Enhancer: «In den Momenten, wo du auf Kokain bist, arbeitest du viel effizienter, produktiver. Du bist wach und fit. Du machst deine Arbeit im doppelten Tempo. Doch dann, wenn die Wirkung nachlässt, fällst du in ein Loch.»

Wenn bei Mario negative Gefühle aufkommen und Alkohol in Reichweite ist, trinkt er. Oder er wirft Schlaftabletten und angstlösende Medikamente ein. «Dann brauchst du etwas, um zu dämpfen, dann brauchst du Benzos, am Morgen nimmst du die.» 

«Die Wirtschaft baut auf schnelles Denken»

Warum ist der Kokainkonsum in der Schweiz verglichen mit anderen Ländern so hoch?
Die Schweiz mit ihrem Bank- und Versicherungswesen, mit ihrer auf Forschung und Innovation ausgerichteten Wirtschaft baut ihre Stärke auf schnellem Denken, Belastungsfähigkeit, Individualität und Kreativität auf. Kokain ist ein schneller Helfer, sollte eines dieser Elemente aus irgendwelchen Gründen geschwächt sein. Das heisst nicht, dass unsere – vor allem die städtische Wirtschaft – ohne Kokain nicht funktionieren könnte. Doch der «nervöse» urbane Kapitalismus der Innovation und Kreativität hat weltweit Kokain als Neuro-Enhancer entdeckt. 

Hängt der Kokainkonsum mit dem Leistungsdruck zusammen?
Kokain kann nicht jedem Leistungsdruck entsprechen. Es fördert zwar schnelles, konzentriertes, aber doch eher hastiges Arbeiten. Doch Kokain führt auch zu Überheblichkeit und wird deshalb von den nichtkonsumierenden Teamkollegen als störend wahrgenommen. Eine Leistungssteigerung über Stunden hinweg ist zudem kaum möglich. Kokain führt zum Kick, den man dann gerne wiederhaben möchte. Daraus kann eine psychische Abhängigkeit entstehen. Grundsätzlich ist Kokain eine Droge, die eingenommen wird, um sich zumindest subjektiv den Anforderungen gewachsen zu fühlen.

Wie sieht eine sinnvolle Drogenpolitik aus?
Wir müssen einen Regulierungsrahmen schaffen, der es erstens erlaubt, die durch die Illegalisierung von Substanzen entstandene Kriminalität zu schwächen. Zweitens muss der Zugang zu Menschen, die Probleme mit Drogen aller Art haben, verbessert werden, um ihnen helfen zu können. Dazu gehört die Minimierung der Gefährlichkeit der Substanzen durch Kontrollen. Ein solches Vorgehen verzichtet auf Prohibition, minimiert Risiken, verstärkt Prävention und vereinfacht die Behandlung von Personen, die ihren Konsum nicht mehr kontrollieren können. 

Sandro Cattacin Ist Soziologieprofessor an der Universität Genf. Er ist zudem Mitglied des Stiftungsrats von Sucht Schweiz. 

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