Wenn die Behandlungsmotivation gering ist

Barbara Lukesch
Verband
Roger Schaller arbeitet fast ausschliesslich mit männlichen Delinquenten, die nur eines wollen: ihren Fahrausweis zurück. Sein Ziel ist es, sie zu einer Änderung ihres Fahrverhaltens zu bewegen

Der junge Mann mit albanischen Wurzeln lebt seit zehn Jahren mit seinen Eltern in Solothurn und schafft es mit Ach und Krach, seinen Lehrabschluss als Feinmechaniker zu machen. Sein Vater ist so stolz auf den Sohn, dass er das letzte Geld zusammenkratzt und ihm einen BMW schenkt, einen Riesenschlitten mit enorm viel Power. Es dauert nicht lange, und der Junior bekommt Probleme mit dem Gesetz: Geschwindigkeitsübertretungen, Provozieren anderer Verkehrsteilnehmer und zuletzt ein Auffahrunfall. Der 23-Jährige muss seinen Fahrausweis für zwei Jahre abgeben. Danach kommt eine Gutachterin zum Schluss, dass er immer noch nicht über die nötige Fahrtüchtigkeit verfüge. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Das Auto sei sein Leben. Was er nun tun solle? Sie empfiehlt ihm eine verkehrspsychologische Therapie, mit der er die Voraussetzungen schaffen könne, um seinen Fahrausweis zurückzubekommen. Der junge Mann schüttelt den Kopf: «Wozu eine Therapie? Ich bin doch nicht krank.»

Roger Schaller ist Verkehrspsychologe. Pro Woche behandelt er rund zehn Klienten dieser Art in seiner Praxis in Biel: fast alles Männer im Alter von 20 bis 50, häufig mit Migrationshintergrund und schwierigen familiären, beruflichen oder persönlichen Vorgeschichten. So unterschiedlich die einzelnen Fälle auch sein mögen, eines ist allen gemeinsam, wie er konstatiert: «Ihre Behandlungsmotivation ist gleich null.» Das äussere sich dann so, dass sie meistens unfreundlich, ja, gereizt bis ungehalten seien, wenn sie erstmals in seine Praxis kommen. Roger Schaller zuckt mit den Achseln. Der ruhige, fast sanft wirkende Mann sagt mit leiser Stimme: «Es gibt tatsächlich einen Zielkonflikt, der den Unmut der Betroffenen nachvollziehbar macht.» Er als verkehrspsychologischer Therapeut solle – korrekt ausgedrückt – «die Fahreignung seiner Klienten wiederherstellen», während diese nur eines wollen: ihren Fahrausweis zurück. An ihrer Eignung hätten sie nicht den geringsten Zweifel.

Folglich erlebten sich Verkehrsdelinquenten auch keineswegs als Täter, sondern als Opfer widriger Umstände. Schuld seien immer die anderen: «Ich bin nicht gerast. Der andere war bloss zu langsam.» Würden sie erwischt, heisse es voller Selbstmitleid: «Da fahre ich einmal zu schnell, und schon bin ich dran.» Roger Schaller lacht einen solchen Klienten auch einmal aus: «Von wegen! Hundertmal sind Sie zu schnell gefahren.» Die grosse Herausforderung seiner Tätigkeit sei es, seinen Klienten einen realistischen Blick auf die meist ausgeprägte Risikobereitschaft zu ermöglichen und ihnen den Sinn der Verkehrsregeln zu vermitteln. Erst wenn das gelinge, seien sie fähig, Verantwortung für ihr Fahrverhalten zu übernehmen, ein Unrecht­bewusstsein zu entwickeln und – ganz entscheidend – ihren Fahrstil zu ändern.

Fit für das Verkehrsgutachten machen
Roger Schaller ist ein erfahrener Verkehrspsychologe, der sich schon vor zwanzig Jahren für sein Spezialgebiet entschieden hat. Der Psychotherapeut hat auf vielen Feldern gearbeitet: in Sonderschulen, im Suchtbereich, mit Langzeitarbeitslosen und Migranten. Der Entscheid, sich Verkehrsdelinquenten anzunehmen, habe zunächst einmal einen finanziellen Hintergrund gehabt: «Meine Klienten müssen ihre Therapie selber bezahlen, was mich davon entbindet, delegiert zu arbeiten.» In der Regel brauche es zehn Treffen, damit er die «Männer fit für das Gutachten machen» könne, wie er seine Aufgabe lakonisch umschreibt.

Dazu hat er im Lauf der Jahre verschiedene Methoden entwickelt, die Elemente von Gesprächs- und Verhaltenstherapie einbeziehen, aber zu einem grossen Teil aus dem Repertoire des Psychodramas stammen. In den ersten ein, zwei Sitzungen bringt er zunächst einmal die Lebensgeschichte seiner Klienten in Erfahrung. Familie? Beruf der Eltern? Die eigene private und finanzielle Situation? Dabei achtet er darauf, die Betroffenen jedes Mal mit einem Aha-Erlebnis nach Hause zu schicken. Was die Wirkung nie verfehle, sei das Visualisieren von Reaktions- und Bremsweg. Dazu gingen sie gemeinsam auf die Strasse, und er kläre sie darüber auf, dass allein schon der Reaktionsweg bei 50 Stundenkilometern 14 Meter betrage. Diese Distanz legt er auf der Strasse mit einem Band aus und erntet regelmässig grosses Erstaunen. Dass der Bremsweg noch gar nicht mitberücksichtigt sei und sie fast immer schneller fahren, mache den einen oder anderen tatsächlich nachdenklich. Gern bringe er auch mal Familienangehörige ins Spiel, um den Männern anschaulich und nachvollziehbar zu vermitteln, dass sie mit ihrem Verhalten leibhaftige Menschen in Gefahr bringen. Dann sage er beispielsweise: «Stellen Sie sich mal vor, Ihre Tochter Simona laufe auf die Fahrbahn, während Sie mit 90 km/h durch Biel rasen.» Das wirke wesentlich stärker, als wenn er irgendwelche Gegenstände auf die Strasse stelle und seine Klienten auffordere, sich vorzustellen, das sei ein Fussgänger.

Der Verkehrstherapeut als Bruder Tuck

Sein wichtigstes Instrument aber seien «die Figuren», deren Einsatz er als «regelrechten Renner» bezeichnet. Er lacht verschmitzt und holt von einem Regal in seiner nur knapp 20 Quadratmeter grossen Praxis eine Kartonschachtel, in der sich zahlreiche kleine Hartgummi-Puppen befinden. Er stellt die Königin mit Goldkrone und im blauen bodenlangen Gewand auf den Tisch. Voilà – die Gutachterin! Dann klaubt er einen wilden Burschen, eine Art Strassenräuber mit einem Holzschläger hervor: die Verkörperung des Verkehrs­delinquenten! Ihm stellt er einen smarten Anzugträger ganz in Schwarz mit weissem Hemd und Krawatte zur Seite. Genau so zeigten sich seine Klienten jeweils bei den Gutachterinnen: zivilisiert, einsichtig und Besserung gelobend. Den Strassenräuber in sich hielten sie in diesen Momenten gut unter Verschluss. Wenn er einen Klienten mit dieser Aufstellung konfrontiere und ihm auf den Kopf zusage, dass die Gutachterin unter Garantie kein Wort seiner durchsichtigen Beteuerungen geglaubt habe, würden die meisten auf der Stelle einlenken: «Sie haben recht.» Wolle er sich selber als Therapeuten ins Spiel bringen, greife er stets zu Bruder Tuck, dem liebevollen Rüpel aus dem Umfeld von Robin Hood, der dem Delinquenten auch mal die Ohren langziehe, um ihn zum Nachdenken zu bewegen. Seine Aufgabe sei es schliesslich, seinen Klienten dazu zu bringen, dass er eines Tages beide Figuren in sich vereinen und als smarter Typ zur Gutachterin gehen und ihr glaubhaft erklären könne, warum er manchmal zum Strassenräuber werde und die Kontrolle verliere. Verfüge er über dieses Mass an Reflexionsvermögen, habe er grosse Chancen auf ein positives Gutachten.

Seine Klienten, die «Verkehrssünder», haben einen miserablen Ruf. Das sind die Rowdys und Raser, die Unschuldige in Lebensgefahr bringen, Autoposer, die mit ihren aufgemotzten Schlitten um Anerkennung ringen und dabei von vielen nur belächelt werden. Roger Schaller nickt: «Genauso ist es.» Interessanterweise würden auch die verkehrspsychologischen Therapeuten wenig Anerkennung erfahren. Unter den Psychotherapeuten gelten sie häufig gar nicht als «richtige» Therapeuten; ihre Tätigkeit, heisse es dann, sei keine Therapie, sondern eine Zwangsmassnahme.

Der 65-Jährige begegnet dieser Geringschätzung mit grosser Gelassenheit. Statt sich lange dabei aufzuhalten, erzählt er, dass er ein Mensch sei, der selber viel Schwieriges erlebt habe: früher Tod seines Vaters, Armut, Migrationshintergrund der Mutter. Seine Kindheit sei hart und oft auch chaotisch gewesen. Später habe er mit Alkoholproblemen zu kämpfen gehabt und sei auch schon suizidgefährdet gewesen. All diese Erfahrungen hätten in ihm sehr viel Verständnis für die oft wehrlosen Menschen am Rand geweckt. So habe er schon früh den Wunsch gehabt, ihnen mit Hilfe seines Berufs ein paar Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie ein bisschen besser durchs Leben kommen: «Die Verkehrsdelinquenten gehören für mich auch dazu.» Und es freue ihn ganz besonders, wenn ihm einer nach dem Ende der Behandlung schreibe, dass er nicht nur das Gutachten bestanden, sondern auch realisiert habe, dass ihm die Therapie ganz viel für sein Leben gebracht habe.

Name: Roger Schaller
Beruf: Fachpsychologe für Psychotherapie und Verkehrspsychologie FSP
Kompetenzen: Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf bildhafte und gut nachvollziehbare Art darzustellen; Vertrauen in die eigene Intuition und viel Verständnis für seine Klienten

Neue Aus- und Weiterbildung

Zweitägiger Kurs zur Einführung in die Grundlagen der Verkehrstherapie I und II

Publiziert im Psychoscope 5/2020

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