Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Aurélie Faesch-Despont
Verband

Unsere Einstellung dem Risiko gegenüber ist heute gelinde gesagt ambivalent: Auf der einen Seite wünschen wir uns immer mehr Sicherheit; auf der anderen Seite sehen wir individuelle Risikobereitschaft aber positiv, wenn beispielsweise Abenteurer an ihre Grenzen gehen oder wenn Unternehmer ihren Komfortbereich verlassen.

Wenn unser Handeln mit Unsicherheit behaftet ist, müssen wir ein gewisses Risiko eingehen. Dass alle Eventualitäten kontrollierbar sind, kommt nur sehr selten vor. Wenn beispielsweise ein Autofahrer absolut kein Risiko eingehen möchte, wird er nicht weit kommen. Und wenn derselbe Fahrer eine maximale Risikobereitschaft an den Tag legt, wird er wahrscheinlich durch Verstösse gegen die Verkehrsregeln sein Leben gefährden. Aber offensichtlich teilen nicht alle dieselbe Neigung, Risiken einzugehen. In verschiedenen Studien hat sich gezeigt, dass die Risikoneigung vom Lebensalter und der Lebensphase abhängt. Manche denken, dass sie erfolgreich sind, wenn sie das Risiko möglichst einschränken; andere hingegen sind davon überzeugt, dass Erfolg nur mit Risiko möglich ist, und man viel wagen muss, um zu gewinnen.

Bruno Sicard ist Chefarzt bei der französischen Marine und hat Studien durchgeführt, mit denen er die Motivation von Extremsportlern wie Basejumpern erklären wollte, die sich von Klippen stürzen. Er beobachtete, dass bei diesen Personen das Risiko einem körperlichen Bedürfnis entspricht, vergleichbar mit dem des Essens. Alle befragten Personen zeigten eine Lust, sich Gefahren auszusetzen, fühlten sich unbesiegbar und zeigten überdurchschnittliche Selbstbeherrschung. Eine höhere Impulsivität wiesen sie jedoch nicht auf. Der Forscher schloss daraus, dass diese Sportlerinnen und Sportler ihre Handlungen gut beherrschen und gemäss einer wohlüberlegten Logik planen können. Ihre Motivation ziehen sie nicht direkt aus einem potenziellen Gewinn, sondern aus der Notwendigkeit, ihren «Risikohunger» zu stillen.

Es kann zwar riskant sein, sich von der Gefahr angezogen zu fühlen, aber per se schlecht ist es nicht. Unsere Gesellschaft braucht sowohl Personen, die Risiken eingehen – denn wie hätte der Mensch sonst den Fuss auf den Mond setzen können? – als auch Menschen, die Risiken vermeiden. Fachleute stellen sich heute die Frage, ob der Trend zur kompromisslosen Risikovermeidung in unserer Gesellschaft nicht die Ursache dafür ist, dass manche Jugendliche ein gefährliches Verhalten zeigen. Wir sollten nicht vergessen, dass unsere Vorfahren in der Altsteinzeit auf der Jagd nach Tieren täglich erhebliche Risiken eingingen.

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