Wer an Verschwörungen glaubt, denkt tendenziell weniger kritisch

Joël Frei
Forschung
Verband
Die sogenannte Verschwörungsmentalität hat an Boden gewonnen. Gefühlter Kontrollverlust und Misstrauen gegenüber der Politik scheinen bei manchen durch die Corona-Pandemie verstärkt worden zu sein.

Dies gipfelte in der Erstürmung des Kapitols in Washington D.C. (USA) durch Anhänger der Verschwörungstheorie QAnon Anfang Januar dieses Jahrs. Aber auch andernorts gibt es Verschwörungsglauben im Zusammenhang mit Corona. So ergab etwa eine gross angelegte Umfrage von 2020, dass jeder fünfte Brite glaubt, dass die Covid-19-Todesrate nach oben geschraubt worden sein könnte.

Aus verschiedenen Studien weiss man bereits, dass bestimmte Faktoren Menschen besonders anfällig für die Verschwörungsmentalität machen, etwa ihr geringes Bildungsniveau oder der Wunsch, sich einzigartig zu fühlen. Eine neue Studie zeigt nun eine weitere Facette dieser Mentalität auf: kritisches Denken. Eine Forschungsgruppe um den französischen Sozialpsychologen Anthony Lantian fand nämlich heraus, dass der Glaube an Verschwörungstheorien umso geringer ist, je höher das Niveau des kritischen Denkens ist. Er deckte allerdings nur eine Korrelation auf, nicht einen Kausalzusammenhang. 

In zwei Studien wurden 86 respektive 252 Testpersonen gebeten, eine Skala zu ihrer Verschwörungsmentalität auszufüllen. Sie mussten etwa angeben, wie stark sie Aussagen wie «bestimmte bedeutende Ereignisse sind das Ergebnis der Aktivitäten einer kleinen Gruppe, die das Weltgeschehen heimlich manipuliert» zustimmen. Anschliessend nahmen sie an einer Aufgabe zum kritischen Denken teil: Sie wurden aufgefordert, einen Leserbrief kritisch zu bewerten. Dabei stand das Erkennen guter Argumente, das Aufzeigen anderer Erklärungen und das Vermeiden von Übergeneralisierung im Fokus. 

Die Forschungsgruppe fand heraus, dass die Teilnehmenden umso weniger an Verschwörungstheorien glaubten, je besser sie bei dieser Aufgabe zum kritischen Denken abschnitten. Interessant ist, dass die verschwörungsgläubigen Personen ihre Fähigkeiten des kritischen Denkens nicht realistisch einschätzen konnten. Sie sahen sich selbst als sehr kritisch denkende Personen. Das macht Sinn, wenn die Narrative der Anführenden von Verschwörungsbewegungen ein­gehender betrachtet werden. Sie und ihre Anhängerinnen und Anhänger stellen sich oft als kritische oder freie Denker dar, die dort das Licht sehen, wo andere es nicht sehen können.

Diese Ergebnisse aus der Sozial­psychologie könnten nützlich sein, wenn es darum geht, Interventionen zu entwickeln, die verschwörerisches Denken abmildern können. Wie dies gemacht wird, muss aber sorgsam abgewogen werden. Wenn jemand an eine bestimmte Verschwörungstheorie glaubt, ist es unwahrscheinlich, dass er davon Abstand nimmt, wenn man ihm sagt, dass es ihm an kritischem Denken mangle. Stattdessen könnte ihn dies in seinen Überzeugungen bestärken, wie die Forschenden betonen.

Weitere Studien könnten untersuchen, warum kritisches Denken vor Verschwörungsmentalität schützen kann. Interessant wäre auch, den Grad des konspirativen Denkens zu erforschen. Wann kippt jemand von gesunder Skepsis in die Verschwörungsmentalität? Wo ist die Grenze zwischen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem, was uns Journalistinnen oder Politiker erzählen, und dem Abstempeln von Qualitätsnachrichten über politische Gegebenheiten als «Fake News»? 

Lantian, A., Bagneux, V., Delouvée, S., & Gauvrit, N. (2021). Maybe a free thinker but not a critical one: High conspiracy belief is associated with low critical thinking ability. Applied Cognitive Psychology. doi: 10.1002/acp.3790 

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