Wie werden ­Gefühle im Gehirn verarbeitet?

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Der REM-Schlaf (auch paradoxer Schlaf) ist ein rätselhafter Schlaf­zustand, bei dem unser Körper bewegungslos, unser Gehirn aber sehr aktiv ist. In dieser Schlafphase treten die meisten Träume mit starkem emotionalem Inhalt auf. Paradoxerweise scheint der präfrontale Kortex, der im Wachzustand einen grossen Teil dieser Emotionen verarbeitet, in den REM-Schlafphasen still zu sein. 

Ein Team um Professor Antoine Adamantidis vom Department for Biomedical Research (DBMR) der Universität Bern und der Universitätsklinik für Neurologie des Inselspitals wollte ein besseres Verständnis für diesen komplexen und überraschenden Mechanismus gewinnen. Zunächst wurden Mäuse darauf konditioniert, auditive Reize zu erkennen, die jeweils mit Sicherheit oder mit Gefahr verbunden waren. Dann wurde in den Wach- und Schlafzyklen die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn dieser Mäuse aufgezeichnet. So konnte ermittelt werden, wie emotionale Erinnerungen während des REM-Schlafs transformiert wurden.
 
Aus der Beobachtung der Mäuse ergab sich, dass die Zellkörper der Nervenzellen (welche die vom Gehirn weitergeleiteten Informationen bearbeiten) während des Schlafs deaktiviert waren, während die für die eingehenden Informationen zuständigen Dendriten aktiviert waren. Diese Entkopplung ist interessant, weil sie zeigt, dass das Gehirn prioritär zwischen Sicherheit und Gefahr unterscheidet (Dendriten), während die Reaktion auf die Gefühle blockiert wird.
 
Laut der Forschungsgruppe ist die parallele Existenz dieser beiden Mechanismen nützlich für die Stabilität und das Überleben einer Art. Fehlt diese Unterscheidung beim Menschen und kommt es zu übermässigen Angstreaktionen, so kann dies unter anderem zu Angststörungen führen. Die Ergebnisse tragen zu einem besseren Verständnis unserer Emotionsverarbeitung im Schlaf bei und eröffnen neue Perspektiven, insbesondere für die Behandlung von pathologischen Zuständen wie der posttraumatischen Belastungsstörung, bei der sich das Trauma wenige Tage nach dem entsprechenden Ereignis auch im Schlaf im präfrontalen Kortex konsolidiert.

Aime, M., Calcini, N., Borsa, M., ­Campelo, T., Rusterholz, T., Sattin, A., Fellin, T., & Adamantidis, A. (2022). Paradoxical ­somato-dendritic decoupling supports cortical plasticity during REM sleep. Science. doi: 10.1126/science.abk2734

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