Wieder handeln können

Aurélie Faesch-Despont
Forschung
Verband
Der Fokus auf Ressourcen und Kompetenzen trägt viel zur Genesung bei.

Wenn Patientinnen und Patienten ihre Ressourcen und Kompetenzen kennen, klingen die Symptome schneller ab. Es gibt gute Instrumente, um ihre Stärken zu identifizieren.

«Gesundheit ist ein Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheiten und Gebrechen.» Laut dieser Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Gesundheit also nicht nur durch die Abwesenheit von Symptomen charakterisiert, sondern auch − und vor allem − durch das Vorhandensein positiver Gefühle und eines Zustands des umfassenden Wohlbefindens. Doch die psychiatrische Behandlung konzentriert sich auf Symptome und Störungen mit dem Ziel, sie zu verringern. Weshalb interessieren wir uns nicht stärker für die Kompetenzen und Ressourcen der Patientinnen und Patienten, um sie zu stärken?

Tanja Bellier-Teichmann ist davon überzeugt, dass solche Ansätze gefördert werden müssen: «In der psychologischen Forschung hat sich gezeigt, dass die Berücksichtigung der Ressourcen und Kompetenzen der Patienten deren Symptome schneller zum Abklingen bringt.» Die promovierte Psychologin und FSP-Psychotherapeutin stellt fest, dass der Willen in den offiziellen Diskursen häufig vorhanden ist und die Berücksichtigung der Ressourcen sogar in den von zahlreichen psychiatrischen Diensten erklärten Leitbildern genannt wird. Tanja Bellier-Teichmann bedauert jedoch, dass dies im klinischen Tagesgeschäft noch eine Rand­erscheinung ist: «In der Psychiatrie gibt es heute noch wenige für die Patienten geeignete Instrumente. Und lediglich eine Minderheit der Dienste ist dafür ausgebildet. Es handelt sich um eine echte Veränderung der Mentalität und der Perspektive, die noch ein paar Jahre beanspruchen wird.» 

Schritt für Schritt hin zur Genesung
Unter Patientinnen und Patienten ist die Bedeutung der Genesung in der psychischen Gesundheit («Recovery») schon lange bekannt. Das Umdenken begann in den 1970er-Jahren. Damals wurde die US-Amerikanerin Patricia Deegan zu einer Art Vorreiterin. Sie wurde im Alter von 17 Jahren als schizophren diagnostiziert und in eine Klinik eingewiesen. Die Ärzte prognostizierten ihr ein Leben mit Medikamenten und Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. Doch sie akzeptierte die Diagnose nicht und stellte stattdessen das Gesundheitssystem infrage. Sie promovierte in Psychologie und setzt sich seit Jahren für die Recovery-Bewegung ein. Ihr Ziel ist es, Menschen mit psychischen Problemen anzuregen, nach vorne zu schauen und auf ihre Stärken, Kompetenzen und Ressourcen zu setzen. 

Bereits vor einigen Jahrzehnten hatten manche Psychologinnen und Psychologen damit begonnen, Therapieansätze zu entwickeln, die auf den psychologischen Ressourcen ihrer Patientinnen und Patienten beruhten und nicht auf deren Schwächen, Funktionsstörungen und Pathologien. Beispielsweise taten dies die Humanisten Carl Rogers und Abraham Maslow, die viele Psychologinnen und Psychologen inspirierten. Als Ende der 1990er-Jahre die Positive Psychologie offiziell begründet wurde, gab dies den Anstoss dazu, das bereits vorhandene und immer weiter verbreitete Denken endlich zu formalisieren. Die Forscher Christopher Peterson und Martin Seligman entwickelten ein Instrument zur Identifikation des Charakterstärkenprofils eines Menschen. Die Klassifikation der Stärken VIA-IS (Values in Action − Inventory of Strengths) ist gewissermassen das Pendant zum diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM). Aber im Gegensatz zum DSM, das einer Kategorisierung der menschlichen Defizite und Störungen gleichkommt, klassifiziert die VIA-IS die menschlichen Stärken (siehe Infobox gegenüber). Das Instrument zielt darauf ab, Unterstützung bei deren Erkennung und Weiterentwicklung zu bieten.

Umdenken im Schneckentempo
«In vielen Gesundheitsberufen, auch bei den Psy­chiatern und Psychologinnen, ist die Ausbildung noch stark auf Symptome und Diagnostik ausgerichtet», sagt Tanja Bellier-Teichmann. Es gebe ein Umdenken, aber es verlaufe sehr langsam: «Die nächsten Generationen müssen anders ausgebildet werden. Die ‹positive Diagnostik› − also der Fokus auf Stärken, auf die sich Betroffene bei ihrer Genesung stützen können − muss zusätzlich zur psychiatrischen Diagnostik integraler Bestandteil ihres Repertoires werden.» 

Tanja Bellier-Teichmann treibt diese Idee in der Schweiz, in Frankreich und in Belgien voran, wo sie in Dutzenden psychiatrischen Kliniken bereits Teams in der Verwendung des Instruments «AERES» für die Selbstevaluierung von Ressourcen geschult hat. Sie entwickelte es im Rahmen ihrer Dissertation an der Universität Lausanne (siehe Psychoscope 4/2015). Die evaluierte Person sortiert Karten, aus der die Fachleute das Ressourcenprofil erstellen und diejenigen Ressourcen hervorheben, die bei der Patientin oder dem Patienten am meisten zur Genesung beitragen oder die weiterentwickelt oder verstärkt werden sollten. Das Instrument ist eines der wenigen, das in französischer (möglicherweise bald auch in deutscher) Sprache standardisiert und so an Patientinnen und Patienten der Psychiatrie angepasst wurde. Es misst nicht nur eine spezifische Dimension der positiven menschlichen Funktionsweise, sondern erstellt ein allgemeines Profil der internen und externen Ressourcen der betroffenen Person.

« Wir müssen uns zwingen, die Patientinnen und Patienten reden zu lassen. »

Ariella Machado zählt zu den geschulten Fachleuten, die das Instrument anwenden. Sie ist FSP-Psychologin und in der Abteilung für Suchterkrankungen der Genfer Universitätsspitäler (HUG) tätig. Sie ist froh darüber, in einer Abteilung zu arbeiten, die eine Kultur des «verantwortlichen Patienten» entwickeln möchte, bei der die Patientin bei ihrem therapeutischen Projekt zu einer mitverantwortlichen Partnerin wird. Allerdings gesteht Ariella Machado ein, dass sich die Umsetzung dieses Prinzips häufig als kompliziert erweist: «Dies liegt nicht daran, dass der Wille fehlt. Unsere Ausbildung führte dazu, dass die meisten von uns glauben, besser als der Patient zu wissen, was gut für ihn ist. Bei der Selbstevaluierung der Ressourcen ist es nun aber notwendig, eine neue Haltung einzunehmen: Wir müssen uns zwingen, wir müssen es schaffen, nichts zu sagen und stattdessen die Patientinnen und Patienten reden zu lassen.» Ariella Machado würde diesen Ansatz gerne häufiger in ihrer Abteilung weitergeben, aber manche Kollegen sind skeptisch. Und dies, obwohl sie gute Erfahrungen macht: «Ich erziele in 100 Prozent aller Fälle positive Ergebnisse», sagt sie. «Unsere Patienten haben häufig lange Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich, einige von ihnen haben mehrere Diagnosen erhalten. Wenn sie diese Selbstevaluierung durchführen, die auf ihren Ressourcen basiert, sind sie immer sehr zufrieden, denn sie hilft ihnen dabei, sich von den Etiketten zu lösen, die ihnen zu stark anhaften.» 

Erkennen der Ressourcen als Teil der Therapie
«Die Forschung hat gezeigt, dass die Durchführung einer Selbstevaluierung der Ressourcen bereits für sich genommen therapeutisch wirkt», sagt Tanja Bellier-Teichmann. Die stationären Patientinnen und Patienten, mit denen die Psychologin das Instrument getestet hat, hatten vorher häufig gesagt: «Bei mir bringt das nichts. Ich habe sowieso keine Ressourcen, nur Symptome.» Nach dem Gespräch waren sie im Allgemeinen überrascht vom erzielten Ergebnis. Eine empirische Studie mit 213 in ihrer psychischen Gesundheit beeinträchtigten Personen zeigte, dass die Identifizierung der Ressourcen mit AERES das Selbstvertrauen steigert und Sinn, Zufriedenheit und Glück stiftet. «Es ist aber kein Allheilmittel. Nicht bei allen Patienten ist es indiziert. Die meisten freuen sich jedoch über die positive Bilanz, an die sie nicht gewöhnt sind. Sie stellen fest, dass sie über viele Ressourcen verfügen, auf die sie zurückgreifen, ohne es zu bemerken.»

Für Ariella Machado ist der grösste Vorteil des Instruments, dass es «die Betroffenen aktiviert». Die Psychologin fordert ihre Patientinnen und Patienten dazu auf, sich konkrete Ziele zu setzen, zu deren Erreichung sie die identifizierten Ressourcen mobilisieren können. Das kann ein Spaziergang am Seeufer oder ein Treffen mit einem Freund sein. Danach fasst sie die Selbst­evaluierung schriftlich zusammen und kommt während der Therapie gemeinsam mit den Betroffenen wieder darauf zurück, um die Entwicklung zu verfolgen und Bilanz zu ziehen. Tanja Bellier-Teichmann betont, dass es notwendig ist, die Aktivierung der Ressourcen im täglichen Leben langfristig nachzuverfolgen: «Ressourcen zu erkennen, ist ein erster Schritt, der sich bereits positiv auswirkt. Um ihre langfristige Entfaltung erzielen zu können, muss man aber an ihnen arbeiten.» 

Interesse auch in der Laufbahnberatung
Die Selbstevaluierung der Ressourcen hat aber auch ausserhalb der Psychiatrie grosses Potenzial. Auch Fachleute der Laufbahnpsychologie und der Wiedereingliederung sind stark an ihr interessiert. Zwar gibt es in diesen Bereichen bereits einige Instrumente, aber diese konzentrieren sich ausschliesslich auf die laufbahnbezogenen Kompetenzen und Ressourcen. 

Léa Blanc ist Laufbahn-Psychologin und hat gemeinsam mit Professor Valentino Pomini und Tanja Bellier-Teichmann das AERES-Instrument erweitert. «Wer pensioniert wird, eine Zeitlang arbeitslos ist oder den Beruf wechselt, kommt nicht darum herum, an seiner Identität zu arbeiten, und das wirkt sich auch auf andere Lebensbereiche aus. Es ist deswegen notwendig, Instrumente zu entwickeln, mit denen die Menschen ganzheitlich betrachtet werden, inklusive der Ressourcen auf verschiedenen Ebenen wie etwa Freizeit, Charakterstärken und Unterstützung aus dem Umfeld.» Wenn die Betroffenen in diesen wichtigen Momenten den Fokus auf die Ressourcen legen, können sie ihr Leben wieder aktiv gestalten und die schwierige Situation überwinden, genau so, wie sie auch von einer Krankheit genesen würden. 

Stärken erkennen
Die Klassifikation der Stärken (VIA-IS) ist ein Fragebogen, der sich aus 240 Aussagen zusammensetzt, mit denen 24 Charakterstärken gemessen werden. Grundlage ist die Klassifizierung der Charakterstärken und Tugenden nach Christopher Peterson und Martin Seligman («Character Strengths and Virtues»). Die beiden Forscher ordneten auf Basis vorhandener theoretischer Grundlagen alle Charakterstärken in eine von sechs universellen Tugenden ein. Bei der Durchführung der Klassifikation wird der Übereinstimmungsgrad zu jeder dieser Charakterstärken auf einer Skala von 1 bis 5 angegeben. Die VIA-IS wird in der internationalen Forschung breit angewendet und weist eine gute globale Validität auf.

2014 füllten 156 Teilnehmende für ein Projekt des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) über Berufslaufbahnen den Fragebogen vollständig aus. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Männer mit den folgenden fünf Stärken am stärksten identifizieren: Neugier, Gerechtigkeit, Aufgeschlossenheit, Authentizität und Bindungsfähigkeit. Bei den Frauen waren es Gerechtigkeit, Authentizität, Bindungsfähigkeit, Neugier und Freundlichkeit.

www.viacharacter.org

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