«Wir behandeln alle Geflüchteten gleich»

Urs-Ueli Schorno
Verband
500 FSP-Mitglieder bieten ihre Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine an. Was bedeutet das konkret?

Rund 55 000 Flüchtlinge aus der Ukraine wurden in der Schweiz bis Mitte Juni registriert. Und die Zahl steigt weiter. Viele der ankommenden Menschen haben die Gräuel des immer noch währenden Kriegs mit eigenen Augen gesehen oder gar am eigenen Körper erlebt. Viele können diese traumatisierenden Erfahrungen nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigen. Wenn sie Glück haben, erhalten sie in der Schweiz einen Therapieplatz. Zum Beispiel im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer in Bern. Es ist eines von fünf spezialisierten Einrichtungen im Land. Im Rahmen eines Unterstützungsprojekts für Geflüchtete aus der Ukraine haben FSP-Mitglieder die Möglichkeit, entsprechend ihrer Kompetenzen und Ausbildung einzelne Fälle zu übernehmen und die Arbeit der Spezialisten zu unterstützen.

Die Zahl der Menschen, die gezwungenermassen aus der Ukraine in die Schweiz kommen, wächst also weiter. Derzeit spüre man aber noch keinen Anstieg von ukrainischen Geflüchteten, die Hilfe suchen, sagt Christine Heller. Die Leiterin des Ambulatoriums des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Bern sagt, dass dies für sie nicht überraschend sei. Die Erfahrung aus anderen aktuellen Konfliktregionen, zum Beispiel Syrien, zeige, dass die Menschen erst am neuen Ort ankommen und sich einleben müssen, bevor sich ihre tatsächliche psychische Verfassung zeigt. Kommt hinzu, dass viele Menschen aus besonders stark vom Krieg betroffenen Regionen der Ukraine erst jetzt flüchten. «Je länger der Krieg dauert, desto mehr Geflüchtete kommen in die Schweiz, die Gräueltaten erlebt haben.» Einen Anstieg der Anmeldungen aus der Ukraine erwartet sie mit dem Schulbeginn im Herbst.

1200 Therapieplätze reichen nicht
Behandelt würden die Menschen aus der Ukraine, mehrheitlich Frauen und Kinder, wie alle anderen Geflüchteten auch, betont Christine Heller. Das heisst: «Wer zu uns kommt, braucht eine Anmeldung durch einen Hausarzt. Wir bieten allen eine erste Sprechstunde an, geben Tipps und Broschüren ab. Dann folgt der Entscheid, ob jemand bei uns aufgenommen wird und eine Therapie erhält.» Neben der Diagnose spielt dabei auch eine Rolle, ob die Personen eine Landessprache sprechen: «Gerade in der Ukraine sprechen einige Menschen gut Deutsch. Wer Deutsch, Französisch oder Italienisch kann, der wird nicht bei uns behandelt, sondern an eine externe Fachperson mit entsprechender psychotherapeutischer Ausbildung vermittelt.»

Die Erfahrung aus anderen aktuellen Konfliktregionen, zum Beispiel Syrien, zeige, dass die Menschen erst am neuen Ort ankommen und sich einleben müssen, bevor sich ihre tatsächliche psychische Verfassung zeigt.

Doch auch trotz dieser Triage gibt es schon heute zu wenige Therapieplätze bei den Ambulatorien. Das Ambulatorium in Bern hat Kapazitäten von bis zu 220 Patientinnen und Patienten pro Jahr. Im Verbund mit den Ambulatorien in Zürich, Lausanne, Genf und St. Gallen gibt es insgesamt 1200 Therapieplätze. «Die Arbeit im Ambulatorium ist auch für Fachkräfte sehr belastend. Es ist ein schwieriges Gebiet. Wir finden kaum die Spezialistinnen und Spezialisten, die wir suchen.» Der Mangel an Fachkräften zeige sich aber auch, wenn Lösungen bei externen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gesucht werden, wo die Wartezeiten – wie für viele andere Patientinnen und Patienten – meist lang sind. 

Weiterbildungskurse sind gefragt
Umso erfreulicher sei die Bereitschaft von zahlreichen FSP-Mitgliedern, einen Teil ihrer Kapazitäten für die Betreuung und Behandlung von Geflüchteten frei zu machen. «Wir sind sehr froh, dass so viele sich gemeldet haben, die bereit sind, unsere Arbeit fachlich zu unterstützen. Das ist sehr wichtig für uns.» Christine Heller rechnet nicht damit, dass nun gleich alle gemeldeten Fachleute eingesetzt werden können – sei es aus logistischen oder persönlichen Gründen. Doch «jeder einzelne Fall, den wir zusätzlich behandeln können, hilft». Dass viele es ernst meinen mit ihrem Angebot, zeigt sich auch daran, dass das Interesse an den angebotenen Weiterbildungen merkbar gestiegen ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs. So war der eintägige Kurs zur Methode des niedrigschwelligen psychosozialen Gruppenangebots START für Kinder und Jugendliche von Anfang Juni rasch ausgebucht. Ein zusätzlicher Termin wird nun offeriert, um der Nachfrage nachzukommen. 

Die Angebote in den Ambulatorien ändern sich durch den Ukraine-Krieg nicht grundsätzlich und stehen weiterhin allen Geflüchteten gleichermassen offen. Die zusätzliche Aufmerksamkeit aber freut Christine Heller sehr. Sie hofft, dass sie nachhaltig ist. «Vielleicht kann dadurch auch eine längerfristige Zusammen­arbeit mit der FSP entstehen.»

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