Wir sind nicht im Krieg

Jeannette Fischer
Forschung
Verband
Um die einschneidenden Massnahmen, die das Virus eindämmen sollen, zu legitimieren, wird ein Narrativ des Kriegs erzählt. Doch damit wird Sars-CoV-2 nicht aus der Welt geschafft.

Ein buddhistischer Mönch meditiert unter einem Baum. Da kommt die Pest vorbei und er fragt sie: «Wohin des Wegs?» Die Pest antwortet: «Ich gehe in die Stadt, um tausend Menschen zu töten.» Nach einiger Zeit trifft sie auf dem Rückweg wieder den Mönch unter dem Baum. Er fragt die Pest: «Du hast gesagt, du würdest tausend töten – man berichtete mir aber, dass zehntausend Menschen gestorben sind.» Die Pest entgegnete dem Mönch: «Ich habe tausend getötet. Die anderen tötete die Angst.»

Während wir alle in Atem gehalten werden mit Zahlen – steigenden und fallenden und manchmal stabilen – während wir alle mit Geduld, Zuversicht oder Angst darauf reagieren, verlieren wir oftmals die grundlegenden Fragen aus den Augen. Ist es Sars-CoV-2, ist es dieses Virus, das unseren Alltag in Bann gezogen hat? Das uns im Griff hat? Oder sind es vielleicht die Massnahmen, die von den Behörden ergriffen wurden? Oder gar unsere Projektionen, nämlich dass dieses Virus eine ständige und existenzielle Bedrohung für uns sei, weil es uns alle dahinraffen kann? Haben wir das Virus im Griff oder es uns? Diese Fragen haben wir zu beantworten, weil das nächste Virus irgendwann auftauchen wird. Wir haben eine Lehre zu ziehen aus unseren Handlungen und Unterlassungen in dieser Zeit, spätestens, seit das Virus Norditalien erreicht hat. 

Die Opferposition
Seitdem das Virus in weiter Ferne aufgetaucht ist, näherten sich die mit ihm zusammenhängenden Geschehnisse. Unsere Antwort auf sie und den Diskurs, den wir von Anbeginn gewählt haben – unmittelbar und unhinterfragt, als wäre dies die einzig mögliche Reaktionsvariante – haben wir grundsätzlich zu ändern: Wir müssen die Opferposition verlassen. Damit meine ich, dass wir uns von Beginn an eine Position ausgesucht haben, die uns als Opfer des Virus deklariert und uns somit eine macht- und hilflose Position auferlegt: Wir gehen sofort in Deckung, in Isolation, schliessen die Grenzen, ziehen uns zurück, auch vom Mitmenschen, der ein potenzieller «Mörder» sein könnte, er meiner oder ich seiner.

Damit wird ersichtlich, dass die Projektionen, die der Opferposition inhärent sind, ja diese gar ausmachen, höchst aggressiver Art sind: Der Feind ist gesetzt und seine böse Absicht erkannt, das Virus ist unser Mörder. Aus diesem Grund gilt es zu überdenken, dass das «Opfer» gar nicht wehrlos und unschuldig sein kann, dass wir uns nicht irreleiten lassen dürfen von einer Inszenierung und Begriffsdeutung, die uns Aggressionslosigkeit vorzumachen vermag, obwohl gerade sie die Aggression setzt. Wir sollten uns eingestehen, dass wir vor unserer eigenen Projektion in Deckung gehen.

Das Kriegsnarrativ
Die Opferposition unterscheidet sich in nichts von einem herkömmlichen Kriegsnarrativ: Wir wissen, wer der Feind ist und dass er böse ist, uns schaden will und damit haben wir die Legitimation, gegen diesen Feind aufzurüsten, ihn zu töten. So funktioniert Krieg. Das Kriegsnarrativ wird mit einer Opferposition gesetzt und diese Position dient dazu, einen Täter zu bestimmen. Sie ist eine der aggressivsten Projektionen, weil die Aggression unerkannt und damit ungenannt bleibt. Während Waffen deklarierte Tötungsinstrumente sind, ist die Opferposition eine undeklarierte Waffe, weil sie die Macht hat, einen Täter zu bestimmen, der in der Folge vernichtet werden darf. Da dem Virus nicht beizukommen ist mit dieser konventionellen Kriegsrhetorik, bleiben wir etwas ratlos zurück, beziehungsweise wir verschieben die Täterschaft auf den Menschen, auf diejenigen Menschen, welche die Opferposition nicht bedienen. Das heisst, dass die Idee eines Virus, das es auf uns abgesehen hat, das unser Mörder sein soll, bestehen bleibt und die Projektionen nun auf andere Menschen verlagert, die als Projektionsfläche genutzt werden: Sie werden zu Verschwörungstheoretikern und damit zu potenziellen Mördern deklariert.

Auf diese Weise verlassen wir den Schauplatz und den Fokus auf das Virus und verschieben den Diskurs in destruktive Konfrontationen, die den Menschen zum Gegner des Menschen machen, genau wie im Krieg: Der Mensch wird des Menschen Feind. Zu Tätern werden nun diejenigen Menschen, die ein anderes Narrativ suchen, eines der Auseinandersetzung mit anderen Menschen und eines, das sich durch Heterogenität auszeichnet und damit eine differenzierte Betrachtungsweise über die Auswirkungen dieses Virus ermöglicht. Ein Narrativ, das dazu dient, gemeinsam die bestehenden Ungewissheiten aus- und durchzuhalten.

Wir verschieben die Täterschaft auf diejenigen Menschen,
welche die Opferposition nicht bedienen.

Die Angst
In einem Restaurant habe ich beobachtet, wie ein kleines Kind nicht mehr am Tisch sitzen bleiben wollte. Die Grossmutter sagte zu ihm, dass sie ganz traurig würde, wenn es jetzt wegginge. Damit wird der Wunsch des Kindes nach Bewegung in einen Zusammenhang mit dem Leiden der Grossmutter gebracht. Aber da es die Grossmutter glücklich sehen will, wird es seinen Bewegungsdrang zurückstecken, um keinen Schaden anzurichten. Das macht Angst, das ist Angst.
 
Angst bedeutet Ohnmacht und Ohnmacht bedeutet, sich seiner eigenen Mächtigkeit nicht mehr bedienen zu dürfen, weil sie scheinbar beschädigt. Also ist es nicht das Opfer, das Angst hat, wie oftmals behauptet wird, sondern es ist der vom Opfer bestimmte Täter, der in eine Position gedrängt wird, dass seine Wünsche und seine konstruktiven Aggressionen im Dienst des Ich nicht mehr bedient werden können.

Angst zu haben bedeutet, getrennt vom Ich und getrennt von Gemeinschaft zu sein. In der Angst fehlt uns der Zugriff auf die Welt, wir sind Einsame und Abgetrennte, wir sind Verlorene. Wenn das, was heilt, Bindung ist, dann wird klar, warum sie in der Angst nicht mehr vorhanden ist. In der Angst fehlen uns die Gefühle, sie sind versickert in die Verlorenheit, auch die Gefühle für uns selbst, wir sind von uns Weggebrochene. Jemandem Angst zu machen bedeutet, ihn der Bindungslosigkeit auszuliefern. Das bedeutet Ohnmacht und Wehrlosigkeit. Nichts könnte eine solche Handlung rechtfertigen. Die Opferposition ist eine aggressive, weil der von ihr bestimmte Täter in Angst versetzt und als Täter ausgegrenzt und somit der Bindungs­losigkeit anheimgegeben wird.
 
Unsere Reaktion auf das Virus Sars-CoV-2 entspricht genau diesem Muster. Dementsprechend wird jeder Mitmensch als potenzieller Täter am anderen positioniert. Ich kann mir kaum etwas Zerstörerisches und Menschenfeindlicheres vorstellen. Das hat nichts mit dem Virus zu tun, rein gar nichts. Das sind unsere aggressiven Projektionen, gerechtfertigt und legitimiert über die Opferposition. Auf das Virus kann auch ganz anders reagiert werden. Nicht, indem wir die Opferposition einnehmen – die uns vermutlich als erste einfällt, weil wir sie gewohnt sind und unhinterfragt bedienen, vielleicht gar schon in unser Erbgut aufgenommen haben – sondern, indem wir feststellen, dass hier etwas im Gang ist, über das wir derzeit wenig Kenntnisse haben und dementsprechend Zeit brauchen, uns ein Bild davon zu verschaffen. Der Lockdown, mit anderen Worten das Isolieren des Menschen vom Menschen, wurde als angemessene und adäquate Massnahme erachtet und auch gegen andere mögliche Reaktionen verteidigt. Bereits hier wurden die Weichen gestellt und eine differenzierte Auseinandersetzung unterbunden.

Die Auseinandersetzung in der Differenz
Das Ich braucht das Du zu seiner Konstituierung. Das Ich ist keine fixe Grösse, es organisiert sich immerzu neu, es organisiert sich in der Auseinandersetzung mit der Differenz. Zusammen mit dem Du wird ein Raum eröffnet, ein intersubjektiver Beziehungsraum, wo beide Beteiligten gleichwertige Subjekte dieser Beziehung sind. Ob es sich um eine Eltern-Kind-Beziehung handelt, die Begegnung mit der Frau an der Kasse im Supermarkt oder um das Verhältnis der Bevollmächtigten, die Corona-Massnahmen verordnen, und der Bevölkerung – es geht immer um eine Auseinandersetzung mit der Differenz.

Der intersubjektive Beziehungsraum ist derjenige Raum, in dem sich das Ich bildet, wächst und verändert. Es ist der Raum für Auseinandersetzung, Konflikt und Begehren. Wir alle brauchen diesen Raum und wir alle brauchen den anderen Menschen, um diesen Raum zu bilden, um Ich zu bilden und Ich zu sein. Das Ich, einmal geboren und gebildet, gilt es nicht zu bewahren und in seiner Form beständig zu halten. Erforderlich und unentbehrlich jedoch bleibt, diesen Raum offen zu halten.
 
Wenn nun der andere Mensch, das Gegenüber, als potenzieller Schädiger unseres Ichs verortet wird, wird er zum Feind und damit ist die Auseinandersetzung in der Differenz nicht mehr gewährleistet. Die Beteiligten werden sich fremd, das Ich wird bedroht und Einsamkeit ist die Folge. Dies ist der Ort der Angst: Getrennt vom Gegenüber nimmt sich die Angst ihren Raum. Wenn der Raum der Auseinandersetzung, der Raum der Anerkennung der Differenz nicht mehr eröffnet werden kann, besetzt die Angst diesen Raum mit all ihren Sorgen und Befürchtungen, mit destruktiver Aggression und mit der Festlegung von Schuldigen. Die unentwegte Veränderung des Ichs im Raum der Differenz jedoch bedeutet Leben, bedeutet Wachstum und Entwicklung. In diesem Raum können Lösungen gefunden werden, ohne das Ich zu gefährden und ohne das Ich von der Gemeinschaft zu isolieren.
 
Die Opferposition, die in Anbetracht von Sars-CoV-2 von fast allen und weltweit eingenommen wurde, eliminiert diesen Raum, unterbindet die Auseinandersetzung mit der Differenz. Anstelle des gemeinsamen Aushaltens der Ungewissheit tritt eine Gewissheit: Der Feind, das Virus, ist gesetzt und der Krieg dagegen kann ausgerufen und legitimiert werden. Und wie im Krieg gibt es auch derzeit viele Verlierer und wenige Gewinner. Die weltweit reichsten Menschen haben einen enormen Zuwachs ihres Vermögens innert wenigen Monaten erfahren, während die Arbeitslosigkeitsrate in die Höhe schnellt. Unter diesen Voraussetzungen ist eine Auseinandersetzung mit der Differenz nicht mehr möglich, weil dieser Raum mit dem Plädieren für Gewissheit eliminiert und somit ein demokratischer Prozess unterbunden wurde.

Das Ausbleiben eines solchen «Prozesses der Differenz» führt zu Spaltungen, die sich bereits in den destruktiven Aggressionen der Impfbefürworter und Impfgegner, der Befürworter der Corona-Massnahmen und deren Gegner abzeichnen – stellvertretend für die nicht geführte Auseinandersetzung, die einer Konfliktbewältigung zugrunde liegt. Der Mensch wird vom Menschen getrennt, erachtet ihn als potenziellen Feind. Und nicht als differentes Gegenüber, das wir alle brauchen, um das Ich zu bilden. Ohne Ich können wir dem Virus nicht begegnen – ausser im Narrativ eines Kriegs. Ein solches Narrativ hat aber nichts mit Ich und nichts mit der Bewältigung neuer Fragestellungen zu tun: Was ist denn das für ein Virus? Wie funktioniert es? Wie können wir ihm die Luft nehmen? Jedenfalls können wir dies nicht erreichen, indem wir uns selbst die Luft nehmen!

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