Zwei Welten verbinden

Joël Frei
Berufspraxis
Verband
Die Bedürfnisse von Autistinnen und Autisten mit den Interessen der Wirtschaft zusammenbringen.

Markus Limacher kommuniziert direkt. «Du kannst mich schon duzen», sagt er dem Journalisten gleich zu Beginn des Gesprächs, als er den Raum betritt. Dann setzt er sich an den Kopf des Tischs und beginnt ohne Umschweife, seine Geschichte zu erzählen. Gelernt habe er mit 16 Jahren Maschinenmechaniker, ein Beruf, den schon seine Onkel ausübten und ihm nahelegten. Die Lehre verlief gut, doch die Suche nach einer festen Anstellung danach blieb ohne Erfolg. Er arbeitete für viele Betriebe auf Zeit, einmal im Rahmen eines Sprachaufenthalts auch in England. 

Selbsthilfegruppe führt zur Firmengründung
Heute arbeitet Markus Limacher für auticon in Zürich, eine multinationale IT-Firma, die ausschliesslich Fachkräfte auf dem Autismus-Spektrum einstellt. Das Unternehmen wurde im Jahr 2011 vom deutschen Wirtschaftsinformatiker Dirk Müller-Remus in Berlin gegründet. Ausschlag für die Gründung gab die Diagnose «Asperger-Syndrom» seines Sohns. Als der IT-Manager eine Selbsthilfegruppe zum Thema «Autismus und Arbeit» besuchte, musste er feststellen, dass alle an­wesenden 25 Betroffenen arbeitslos waren – obwohl sie eine gute Schulbildung und teils akademische Abschlüsse vorweisen konnten.

Bereits einige Monate nach diesem Schlüssel­erlebnis schrieb er die Grundidee für ein soziales Unternehmen nieder, wo die Bedürfnisse von Menschen auf dem Autismus-Spektrum berücksichtigt werden. Spezialisierte Jobcoaches sollen die Mitarbeitenden unterstützen, damit sie ihre Talente entfalten können. Die Mitarbeitenden von auticon, sogenannte «Consultants», sind fest angestellt, arbeiten aber meist auf Projekten bei den Kunden der Firma, meist in der IT-, Finanz- oder Versicherungsbranche. 

Zusammengehörigkeitsgefühl geben
Die Arbeitspsychologin Kathrin Schneckenburger ist Markus Limachers Jobcoachin. Sie sagt: «Zurzeit ist es anders wegen Corona. Aber normalerweise sind wir hier in Zürich ihre Homebase. Von hier gehen sie raus zu den Kunden und werden integriert in deren Teams.» auticon gebe seinen Mitarbeitenden Sicherheit, aber auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. «Wir organisieren auch gesellige Anlässe. Häufig wird Menschen auf dem Spektrum unterstellt, sie seien nicht am Miteinander interessiert. Das stimmt nicht. Sie haben aber häufig Mühe damit oder wissen nicht richtig, wie sie sich gegenüber anderen Menschen verhalten sollen.»
 
Zwar weist das Autismus-Spektrum unzählige Nuancen auf, was die Wahrnehmung und das Verhalten der einzelnen Personen betrifft. Doch ein wichtiger Grund, warum sich auch qualifizierte Autistinnen und Autisten nicht selten bei der Invalidenversicherung anmelden müssen, sind Probleme im sozialen Umgang.

Ein Vorstellungsgespräch mit vier Personen kann ein Spiessrutenlauf für Menschen bedeuten, die sehr direkt kommunizieren, ihre Stärken nicht hervorheben und sich in vielen sozialen Situationen nicht erwartungsgemäss verhalten. «Bald bekommen wir einen neuen Mitarbeiter. Er war an einer Hochschule angestellt, ist ein ausgewiesener Crack im Bereich Informationssicherheit. Doch schlussendlich ist er trotz Qualifikation und grundsätzlich freundlichem und offenem Wesen bei der IV gelandet», sagt die Psychologin.

Die Digitalisierung als Chance für Autisten 
Bei auticon passen sich die «neurotypischen» Jobcoaches und IT-Manager den autistischen Consultants an – und nicht umgekehrt wie sonst in der Arbeitswelt. Dass Firmen, die ausschliesslich Autistinnen und Autisten anstellen, zuerst in der IT aufgekommen sind, ist kein Zufall. Der Wirtschaftszweig ist gegenüber Menschen auf dem Autismus-Spektrum offener als andere Branchen.

Zudem werden die Fähigkeiten, die viele Autistinnen und Autisten mitbringen, in der IT gesucht: ausgeprägte Mustererkennung, schnelle Auffassungsgabe, analytisches und kreatives Denken sowie eine hohe Konzentrationsfähigkeit, Gewissenhaftigkeit und ein Auge für die kleinsten Details. Fachkräfte mit diesen Kompetenzen sind in gewissen Gebieten der IT rar – etwa in der Qualitäts­sicherung, Datenanalyse und -qualität.

Zwar brauche er manchmal Geduld, seine Kunden von den Stärken der Consultants zu überzeugen, sagt Stephan Gutzwiller, CEO von auticon Switzerland. Er zeigt sich aber überzeugt, dass Fachkräfte auf dem Autismus-Spektrum zukünftig leichter Arbeit in der Branche finden werden: «Nicht nur die Digitalisierung ist für sie eine Chance: Der neuste Trend in der IT ist die künstliche Intelligenz. Damit sie aber entwickelt werden kann, müssen erst die Daten, die man fürs Training der Algorithmen braucht, aufbereitet und kuratiert werden. Hier fallen etwa 80 Prozent der Arbeit der Algorithmus-Entwicklung an. Otto Normalverbraucher macht sie nicht gerne, unsere Leute haben aber kein Problem damit.» 

«Klar sind Autisten sehr speziell. Aber sind alle anderen Leute das nicht auch?»

Den Übergang ins Erwerbsleben begleiten
Die Psychologin Kamila Fotiou ist ebenfalls Jobcoachin bei auticon Switzerland. Sie kann eine langjährige Erfahrung bei der beruflichen Integration von autistischen Menschen vorweisen. Bevor sie bei auticon anfing, arbeitete sie unter anderem mit jungen Erwachsenen. «Der Übergang von der Schule in den Beruf ist ein wichtiger Zeitabschnitt, weil hier viele Jugendliche auf dem Autismus-Spektrum aufgrund mangelnder Unterstützung scheitern: Sie finden häufig keine Lehrstelle.»

Zum Glück sind in den letzten Jahren Bildungsangebote für autistische Jugendliche aufgekommen. In den Bereichen Informatik und künstlerisches Gestalten die Twofold Asperger Academy in Zürich und die Stiftung Rafisa in mehreren Kantonen der Schweiz. Auch die Berner Stiftung autismuslink bietet Lehrstellen an. Jugendliche auf dem Autismus-Spektrum können dort die Berufe Informatiker, Mediamatikerin, Grafiker und Polygrafin erlernen. Zum Unterricht gehen sie mit den anderen Jugendlichen in die Berufsschule. Zudem werden sie bei der Berufswahl begleitet.

Die Sozialpädagogin Karin Brönnimann leitet die Berufsfindung bei autismuslink. Sie sagt zum angebotenen Berufsfindungsjahr: «Wir sind eng an den Klientinnen und Klienten dran und unterstützen die Jugendlichen, wie man sich beim Schnuppern verhalten soll: Wir schauen mit ihnen viele Situationen an, denen sie dort begegnen könnten. Zudem helfen wir beim Formulieren der Motivationsschreiben.»

Es gehe in diesem Jahr darum, die Identität dieser jungen Menschen zu stärken, damit sie ihre Interessen und Kompetenzen finden sowie ihre eigene Persönlichkeit weiterentwickeln können: «Was kann ich? Was interessiert mich? Mit was habe ich Mühe? Wo möchte ich dranbleiben?» Bei dieser Entdeckungsreise gebe es grosse Unterschiede zwischen den Jugendlichen: Während die einen eine enge Betreuung benötigten, seien andere selbstständiger unterwegs.
 
Ein Grund dafür, dass das Potenzial von Arbeitnehmenden mit Autismus-Spektrum-Störung noch immer unterschätzt wird, ist die für die Diagnose typische Reizüberflutung. Betroffene benötigen diesbezüglich mehr Verständnis vonseiten ihrer Teamkollegen und Vorgesetzten. Kleine Anpassungen können viel bewirken, denn in einem geeigneten Umfeld können sie ausserordentlich fokussiert an einer Sache dranbleiben.

Beispielsweise können Verantwortliche die Arbeitszeit strukturieren helfen, einen Auftrag auf einmal geben, die Aufgaben klar und konkret formulieren, die Teammeetings möglichst auf den sachlichen Austausch reduzieren und störende Lärm-, Geruchs- und Lichtquellen in der Arbeitsumgebung minimieren.

Seine Stärken ausspielen
Der IT-Consultant Markus Limacher steht heute an einem anderen Punkt im Vergleich zur schwierigen Zeit, als er seine Lehre abgeschlossen hatte. In seinem Beruf Maschinenmechaniker konnte er nicht Fuss fassen und litt immer wieder an schweren Depressionen. Er blieb trotzdem offen für Neues und sammelte Erfahrungen als Schulassistent und Pflegehelfer. Parallel dazu bildete sich der Autodidakt in vielen Gebieten der IT aus und erhielt verschiedene Zertifizierungen.

Prompt bekam er einen spannenden Auftrag für den Detailhändler Landi. Er machte eine Bestandsaufnahme der IT-Geräte, die eventuell wegen dem «Millennium-Bug» nicht mehr funktionieren könnten. Da er während seines beruflichen Werdegangs immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert wurde, setzte er ganz auf seine Stärken: kreatives Denken, Freude am Problemlösen und eine fast unerschöpfliche Ausdauer.
 
In der IT ist er heute ein gefragter Mann. Seine Art, an komplexe Probleme heranzugehen, bringt ihm viel Anerkennung bei den auticon-Kunden ein. Als er von einem grossen Pharmaunternehmen den Auftrag bekam, die Testdaten eines Medikaments auszuwerten, wendete er einen Trick an, den seine Teammitglieder beeindruckte.

Bei den Datensätzen handelte es sich um zigtausende, wild durcheinandergewürfelte Resultate einer Umfrage unter Ärztinnen und Ärzten, die in einem zweiten Schritt einem Algorithmus gefüttert werden sollten. Markus Limacher schaute sich die Datensätze an, die in einem Excel-File gesammelt worden waren, und überlegte sich, welche Lösung die effizienteste ist. «Dann bin ich heimgegangen und bin darauf gekommen, eine Pivot-Tabelle zu benützen. Dann machst du das – und zack zack ist die Datenanalyse fertig.» Eine Aufgabe, die mit Fleissarbeit zehn Tage gedauert hätte, erledigte er in einem einzigen. 

Wer einen Autisten kennenlernt, der kennt einen – das wird schnell klar, wenn man diesen Menschen begegnet. «Klar haben die Autisten eine Gemeinsamkeit, sie sind sehr speziell. Aber sind alle anderen Leute das nicht auch? Ihnen soll mit Respekt begegnet werden, genau wie wir das mit allen anderen auch tun», sagt Markus Limacher. 

«Wir sehen uns als Social Enterprise»

auticon ist in den letzten Jahren rasch gewachsen. Ist das Tochterunternehmen auticon Switzerland schon profitabel?
Ja, auticon ist sehr gewachsen. Allerdings stärker im Ausland. Im Jahr 2019 konnten wir einen kleinen Überschuss erwirtschaften, den wir gerne genutzt hätten, um in der Schweiz weiterzuwachsen. Aber aufgrund von Corona hatten wir Schwierigkeiten, profitabel zu arbeiten, und sind auf Kurzarbeitsgelder angewiesen. Beim Wachstum steht nicht primär mehr Umsatz im Fokus, sondern dass wir mehr Personen auf dem Spektrum einen Arbeitsplatz bieten können. Da wir nur dann jemanden einstellen, wenn mindestens ein erstes Projekt gefunden worden ist, kommt die Profitabilität von allein. In der IT-Branche gibt es vernünftige Margen, wenn man gute Arbeit abliefert. 

Geld verdienen und Unternehmensverantwortung, auch «Corporate Responsibility»: Geht das zusammen?
Ich finde schon. Klar sind wir ein kommerzielles Unternehmen und ich habe Wachstumsziele. Wir werden aber nicht an der Gewinnsteigerung gemessen. Wenn wir im Jahr X einen Gewinn ausweisen, dann ist die Idee, dass wir ihn nutzen, um neue Standorte zu eröffnen oder mehr Mitarbeitende einzustellen. Und nicht, um uns fette Boni auszuzahlen. Wir haben schon auch Investoren, die sehen wollen, wie auticon gedeiht. Aber auch sie sind nicht primär am Geld interessiert, sondern wollen das Wissen über Autistinnen und Autisten und das Potenzial, das hier brach liegt, bekannter machen. Sie verstehen sich als «Social Investors» und nicht primär als «Venture Capitalists». Wir sehen uns als «Social Enterprise». Dass unsere Branche es ermöglicht, mit den Fähigkeiten unserer Mitarbeitenden Geld zu verdienen, ist ein grosses Glück. Das ist nicht überall so. Es macht mir sehr viel Freude zu sehen, wie unsere Mitarbeitenden zur Wertschöpfung in Projekten von Firmen beitragen können, wo sie ohne auticon wohl nie hin­gekommen wären.

Stephan Gutzwiller ist CEO von auticon Switzerland. Der Physiker und promovierte Informatiker hat langjährige Führungserfahrung im Bereich Informatik. Bevor er zu auticon stiess, war er unter anderem IT-Manager beim Rückversicherer Swiss Re.

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