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«Influencer:innen sind mehrheitlich sehr traditionell und stereotypisch»

16 Apr 2024
FSP
Kinder- und Jugendpsychologie, Medienpsychologie, Psychologie-Beruf
16 Apr 2024
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Kinder- und Jugendpsychologie, Medienpsychologie, Psychologie-Beruf
Portrait-Bild von Daniel Süss
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Im Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind der soziale Vergleich oder das Streben nach Vorbildern und Anerkennung wichtige Entwicklungsaufgaben. Vieles davon spielt sich heute auf Social-Media-Plattformen ab. Wie wirkt sich das aus? Und braucht es mehr Regulierung? Daniel Süss, Psychologe FSP und Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich liefert Antworten.

Herr Süss, Sie haben die Ära der Sozialen Medien von Beginn weg miterlebt. Ihr erster Gedanke, wenn Sie an die letzten rund 20 Jahre zurückdenken?
Der Anfang mit Facebook als Studierenden-Netzwerk. Damit verbunden der Wunsch einer Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener nach einer Online-Welt, in der sie unter sich sind. Ich kann mich an ein Podium aus dieser Zeit erinnern, an dem die Jugendlichen den Erwachsenen unmissverständlich sagten: Ihr seid darin nicht willkommen. Heute ist Facebook quasi die Geriatrieabteilung der sozialen Netzwerke mit Eltern und Grosseltern. Die jungen Menschen sind weitergezogen zu Instagram und Tiktok, wo sie wiederum das Bedürfnis stillen, unter sich zu sein.
Aus einer Jugendkultur heraus entstanden, entwickelten sich die Plattformen in der Folge zu gigantischen Tech-Konzernen. Die heutigen Timelines erleben immer mehr Nutzer:innen als ermüdend und frustrierend. Sind die Sozialen Medien vom unverbindlichen Spassfaktor zur Belastung geworden?
Es kommt darauf an, auf wie vielen Plattformen eine Person aktiv ist. Wer über sehr viele Accounts verfügt, kann durchaus Overload und sogenanntem Technostress empfinden. Auch die ständige Angst, etwas zu verpassen, kann belastend werden. Inhaltlich kann es dann anstrengend werden, wenn sich Personen in Bubbles bewegen, in denen sehr einseitige und belastende Inhalte kommuniziert werden oder Belästigungen stattfinden.
Die Anziehungskraft von Instagram und Co. ist ungebrochen. Gemäss dem Suchtpanorama2024 von SuchtSchweiz nutzen mehr als 80 % der 15-Jährigen die Sozialen Netzwerke täglich. Was zieht sie an?
Das hat sehr viel mit den Entwicklungsaufgaben zu tun, die bei Kindern und Jugendlichen im Vordergrund stehen. Mit Beginn der Pubertät sind die Vernetzung mit Gleichaltrigen in einem autonomen Kommunikationsraum oder die Erprobung der Selbstdarstellung wichtige Themen. Resonanz, Anerkennung und unkomplizierte Kommunikation mit Freund:innen sind weitere Faktoren. Und natürlich der soziale Vergleich und das Streben nach Vorbildern. Solche gibt es auf den Sozialen Medien in Person von Influencer:innen in Hülle und Fülle. Für Kinder ist es auch einfach Unterhaltung beispielsweise in Form von humorvollen Beiträgen.
«Es gibt verschiedene Forschungsbefunde dazu, dass vor allem weibliche Jugendliche und junge Frauen durch soziale Vergleiche stark verunsichert werden können.»
Lässt sich aus Sicht der Forschung etwas darüber sagen, inwiefern sich Smartphone und Social Media als ständige Begleiter auf das Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen im Alltag auswirken?
Alle Medien haben das Sozialverhalten verändert – Fernsehen, Telefon, Internet. Mit dem Smartphone sind sehr viele neue Freiheiten entstanden – insbesondere für Jugendliche. Treffen und Aktivitäten sind viel spontaner und flexibler möglich. Auch das Informelle der Online-Kommunikation schätzen sie sehr. Es müssen viel weniger Konventionen eingehalten werden als bei einer Face-to-Face-Kommunikation oder einem Telefonat. Auch Status-Unterschiede sind weniger ersichtlich, was enthemmend wirken kann.
Sie haben den sozialen Vergleich angesprochen. Via Social Media findet dieser heute permanent statt. Was macht das mit jungen Menschen?
Es gibt verschiedene Forschungsbefunde dazu, dass vor allem weibliche Jugendliche und junge Frauen durch soziale Vergleiche stark verunsichert werden können. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen oder Körper sinkt. Das wirkt sich wiederum negativ auf den Selbstwert aus. Der Vergleich erfolgt oft anhand von Inszenierungen, die lediglich einen kleinen Ausschnitt einer Szenerie zeigen. Für die Identitätsentwicklung, das Selbstbild und auch die Rollenvorstellungen kann das sehr ungünstig sein. Bei Männern steht der eigene Körper weniger im Fokus als beispielsweise die Inszenierung von Statussymbolen wie teuren Autos oder riskante Challenges.
Auf Social Media werden also traditionelle Rollenbilder und Stereotypen reproduziert.
Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz hat die Rollenbilder der erfolgreichsten Influencer:innen in Deutschland untersucht. Diese sind mehrheitlich sehr traditionell und stereotypisch. Abseits vom Mainstream gibt es auf Social Media aber auch viele Bewegungen, die alternative Bilder transportieren, wie Body Positivity oder nonbinäre Positionierungen. Das kann für junge Menschen für ihre Selbstfindung unterstützend sein.
Auf Social-Media-Plattformen stossen Kinder und Jugendliche vielleicht zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben auf schwierige Themen wie beispielsweise Schönheitsideale. Besprechen Jugendliche diese weiterhin auch offline?
Der Konsum findet häufig in hybriden Situationen statt, in denen Jugendliche sehr wohl miteinander über das Gesehene sprechen. Ausnahmen sind Kinder und Jugendliche, die sozial isoliert sind. Dort besteht das Risiko, dass sie sich zurückziehen und irgendwann ausschliesslich in einer digitalen Community Resonanz erfahren. Ganz entscheidend für den Umgang mit Inhalten sind nahe Bezugspersonen aus dem Familien- und Freundeskreis und deren Werthaltungen. Daran orientieren sich Kinder und Jugendliche weiterhin sehr stark, was ein wichtiger Schutzfaktor sein kann.
«Der Konsum findet häufig in hybriden Situationen statt, in denen Jugendliche sehr wohl miteinander über das Gesehene sprechen.»
Der Umgang mit Videos, Bildern und Informationen ist das eine, der Zugang das andere. Kinder und Jugendliche haben via Smartphone praktisch uneingeschränkten und ungefilterten Zugang zu jeglichen Inhalten. Wie gefährlich ist das?
Die Vorstellung, dass Kinder in einem Schutz- und Schonraum an die Welt herangeführt werden müssen, ist in unserer Gesellschaft sehr stark verankert. Natürlich ist es nicht gut, wenn Kinder mit Videos aus Kriegsgebieten konfrontiert werden, die sie schockieren und nicht einordnen können. Aber es ist auch keine Option, sie vom Weltgeschehen abzuschotten. Aus meiner Sicht braucht es altersgerechte Umgebungen und spezifisch auf Kinder und Jugendliche zugeschnittene Formate. Und sie müssen frühzeitig und umfassend befähigt werden, um sich in unserer digitalisierten Mediengesellschaft – mit all ihren Chancen und Risiken – zurechtzufinden.
Mittlerweile ist bekannt, dass sich der 15-Jährige, der vor rund einem Monat in Zürich einen 50-jährigen orthodoxen Juden mit einem Messer angriff, insbesondere über Social Media radikalisiert hatte. Wie schätzen Sie die Einflussmöglichkeiten von radikalen Gruppierungen via Online-Plattformen ein?
Oftmals sind es sozial isolierte Jugendliche auf der Suche nach Anschluss und Orientierung, die empfänglich sind für Inhalte extremistischer Gruppierungen. Für Letztere ist es mit Social Media einfacher geworden, ihre Propaganda breit zu streuen. Für die Jugendlichen wiederum ist die Hürde für das Sympathisieren oder die Kontaktaufnahme deutlich tiefer als in der realen Welt. Mit dem Smartphone als Kommunikationsmittel ist zudem von aussen kaum wahrnehmbar, in welchen Kreisen sich eine Person bewegt.
Radikalisierung, Suchtpotential, Fake-News – Generell drängt sich die Frage auf: Haben wir die Tech-Konzerne zu lange machen lassen?
Die Regulierung hinkt den technologischen Entwicklungen immer hinterher. Und die Innovationen verbreiten sich mit zunehmendem Tempo. Es ist sicher gut, dass nun in verschiedenen Ländern der Regulierungsbedarf wahrgenommen und angegangen wird. Auch die Erkenntnis, dass es länderübergreifende Regelungen braucht, scheint sich langsam, aber sicher durchzusetzen.
Auch die Schweiz ist an einem Gesetz zur sogenannten Plattformregulierung dran. Was sollte im Sinne eines besseren Kinder- und Jugendschutzes Teil dieser Vorlage sein?
Zunächst braucht es funktionierende Altersverifikationssysteme. Gleichzeitig sollten Alternativen geschaffen werden für diejenigen, die noch nicht alt genug sind. Denn wie eingangs erwähnt, bieten Soziale Medien vieles, was für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen positiv sein kann. Dann sollte die Inhaltskontrolle verbessert und konsequenter umgesetzt werden. Die Hoffnung besteht, dass künftig vermehrt KI die belastende Monitoring- und Filterarbeit übernehmen kann. Auch die Transparenz über die Funktionsweise der Plattformen ist zentral. Es darf nicht sein, dass Algorithmen Trends verstärken und beispielsweise das Risiko von Selbstverletzungen erhöht. Letztlich wäre es zu begrüssen, wenn Plattformen Hinweise auf Beratungsstellen oder Hilfsangebote als Schutzmechanismen anzeigen müssten, sobald sie ein problematisches Nutzungsverhalten feststellen. Vereinzelt wurden schon solche Hinweise programmiert, z.B. auf Instagram.
«Wir haben oft das Gefühl, dass mit dem Aufkommen neuer Medien die älteren Medien aussterben. Häufig ist es aber so, dass die älteren Medien einfach eine andere Funktion übernehmen.»
Nebst neuen Regeln für die Plattformen – was braucht es noch, um die bestehenden Herausforderungen erfolgreich anzugehen?
Die Vernetzung aller Akteure ist der Schlüssel zum Erfolg. Die Schweiz verfügt mit der Plattform «Jugend und Medien» bereits über ein gut funktionierendes Netzwerk mit schulischen und ausserschulischen Angeboten, Elternbildungsorganisationen oder den publizistischen Medien und Telekommunikationsunternehmen selbst. Die Sensibilisierung und Weiterbildung von weiteren Fachkreisen wie Hebammen, Kinder- und Jugendpsycholog:innen, Kinderärzt:innen und Sozialarbeiter:innen ist ein ebenfalls ein wichtiges Element. 
Zum Schluss: Thesen zum Zustand und zur Zukunft von Social Media gibt es viele. «Das Social-Media-Web, wie wir es kannten, scheint vorbei zu sein», schrieb beispielsweise «The New Yorker» im Oktober 2023. Wie sehen Sie das, haben die Plattformen tatsächlich ihren Zenit überschritten?
Wir haben oft das Gefühl, dass mit dem Aufkommen neuer Medien die älteren Medien aussterben. Häufig ist es aber so, dass die älteren Medien einfach eine andere Funktion übernehmen. In den seltensten Fällen verschwindet etwas ganz. Ich kann mir gut vorstellen, dass beispielsweise mit der Weiterentwicklung des Metaverse oder neuen KI-Welten sich Social-Media-Plattformen wandeln und künftig andere Funktionen erhalten. Was definitiv bleiben wird, ist ein grundsätzliches Bedürfnis der Menschen, sich zu vernetzen und bei möglichst vielen Themen und Trends partizipieren zu können.
Prof. Dr. Daniel Süss ist Psychologe FSP, Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich.
Prof. Dr. Daniel Süss ist Psychologe FSP, Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich.
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